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Lernsommer

Begonnen hat dieses Projekt zur Förderung von Deutsch als Zweitsprache im Jahr 2004. Rund 150 Kinder aus zugewanderten Familien besuchten in den Sommerferien drei Wochen lang das Jacobs-Sommercamp im Bremer Umland. Die Schülerinnen und Schüler, die gerade die 3. Klasse abgeschlossen hatten, sollten in dieser Zeit bei Theaterspiel und Deutschunterricht ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern. Seit diesem Auftakt hat das Sommercamp jedes Jahr stattgefunden. Die Ergebnisse sind ermutigend und laden zur Nachahmung ein.

Sprachfähigkeit als Schlüssel zum Schulerfolg

Für Kinder mit Migrationshintergrund ist das Lesen und Schreiben in der fremden Sprache oft schwierig, der mündliche Ausdruck ist verkürzt. Sachaufgaben können häufig nicht verstanden werden, und der Schulerfolg bleibt aus. Auch Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben es mitunter schwerer mit der deutschen Sprache, da die Förderung durch das Elternhaus selten ausreicht. Obwohl diese Schwierigkeiten bekannt sind, gibt es keine Sprachförderprogramme an den Grundschulen, deren Wirksamkeit systematisch untersucht worden ist. Dies hat die Erziehungswissenschaftler um Jürgen Baumert und Petra Stanat vom Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung veranlasst, ein Experiment durchzuführen: In Zusammenarbeit mit dem Senator für Bildung und Wissenschaft in Bremen organisierten sie 2004 ein gemeinsames Ferienlager für Bremer Schüler mit Schwächen in Deutsch. Die Jacobs-Stiftung finanzierte das Projekt.

Theaterspiel und Unterricht

Es gab mehr Bewerber als freie Plätze. Also wurden die 150 Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip ausgewählt; diejenigen Bewerber, die leider zu Hause bleiben mussten, bildeten die Vergleichsgruppe für die spätere Auswertung, die in den Händen des MPI für Bildungsforschung lag. Die Ferien mit der deutschen Sprache fanden in Landschulheimen in der Umgebung Bremens statt. Unterricht und Freizeit ließen sich hier gut im Wechsel gestalten.
Im Jacobs-Sommercamp wurden nun zwei Wege zum Spracherwerb beschritten: direkte (explizite) Förderung mit Unterricht in Deutsch als Zweitsprache (DaZ, Konzept: Heidi Rösch, Technische Universität Berlin) sowie indirekte (implizite) Förderung in Form von Theaterspiel. Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler wurden in zwei Gruppen geteilt; die eine führte nur die Theaterbestandteile des Programms durch, in der anderen Gruppe wurde ebenfalls Theater gespielt, aber zusätzlich erhielten die Kinder Deutschunterricht. Die Effekte wurden mit drei Tests gemessen: in Grammatik, Lesen und Wortschatz, und zwar jeweils kurz vor und kurz nach dem Ferienlager sowie erneut drei Monate nach dessen Ende.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zeigen eine beträchtliche Verbesserung der Sprachfähigkeit der Teilnehmer, ungeachtet der kurzen Dauer der Fördermaßnahme. Fortschritte gab es insbesondere bei der Gruppe, die implizite und explizite Unterstützung erfahren hatte. Die Schüler dieser Gruppe erreichten signifikant höhere Leistungen in den Posttests als die Vergleichsgruppe (ohne jede Förderung). Die Vorsprünge waren am deutlichsten in Grammatik und Lesen; eine ähnlich positive Wirkung ließ sich auch beim Wortschatz beobachten, obwohl hier der Effekt statistisch nicht signifikant war. Die Teilnehmer der Gruppe mit impliziter Unterstützung erzielten zwar ebenfalls in Grammatik und Lesen bessere Ergebnisse als die Vergleichsgruppe, die Unterschiede waren jedoch statistisch nicht signifikant.

Der Nachtest

Ein ähnliches Bild ergab sich aus dem Nachtest drei Monate später. Allerdings waren die Gruppenunterschiede kleiner und nicht mehr signifikant. Die Effektstärken weisen aber deutlich darauf hin, dass die Schüler, die sowohl implizite als auch explizite Sprachförderung erhalten hatten, höhere Werte erzielten. Dies gilt gleichermaßen für Grammatik, Lesen und Wortschatz. Auch die Teilnehmer der impliziten Maßnahme erreichten noch bessere Ergebnisse als die Vergleichsgruppe, jedoch weniger deutlich als die Schüler mit expliziter Förderung. Überdies dürfen die Auswirkungen der gemeinschaftlichen Arbeit an der Theateraufführung auf das soziale Verhalten und den Zusammenhalt der Gruppe nicht unterschätzt werden.

Zur Nachahmung empfohlen

Ferienschulen nach dem Modell des Jacobs-Sommercamps können in Zukunft dazu beitragen, benachteiligten Kindern den Anschluss an die Bildungsgesellschaft zu ermöglichen.
Für Bremen hat ab dem Jahr 2005 das Goethe-Institut die Durchführung der Sommercamps übernommen. Grundlage der Arbeit war der Text "Der Sprachabschneider" von Hans Joachim Schädlich, mit dessen Hilfe die DaZ- und die Theaterarbeit verzahnt wurden. Lese- und Sprechfähigkeit, Textverstehen, Wortschatzerweiterung sollen gefördert werden. Die Aufführung des selbst erarbeiteten Theaterstücks am Ende der Campzeit gilt weiterhin als bedeutsames Mittel zur Steigerung des Selbstbewusstseins und des Gemeinschaftserlebens der Kinder. Auch in den 2005 und 2006 durchgeführten Camps zeigten Eingangs- und Abschlusstests einen deutlichen Zuwachs sowohl im Bereich der schriftsprachlichen als auch der mündlichen Fertigkeiten. Aus den Schulen kamen ausschließlich ermutigende Rückmeldungen.
2007 fand erneut ein Sommercamp in Bremen statt. Im Mittelpunkt stand dieses Mal "Potilla" von Cornelia Funke, ein modernes Märchen. Auch in Frankfurt wurde 2007 ein Sommercamp organisiert. Träger war die Stiftung "Polytechnische Gesellschaft". Die inhaltliche Konzeption übernahm das Bremer Camp. Vergleichbare Initiativen gibt es weiterhin in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule/Qualitätsagentur NRW, den Universitäten Münster, Essen, Erlangen-
Nürnberg, Augsburg sowie Projekte in verschiedenen Städten für die Sekundarstufe I.

Weiterführende Literatur

Stanat, P., Baumert, J., & Müller, A. G. (2005). Förderung von deutschen Sprachkompetenzen bei Kindern aus zugewanderten und sozial benachteiligten Familien: Evaluationskonzeption für das Jacobs-Sommercamp Projekt. Zeitschrift für Pädagogik, 51, 856–875.

Stanat, P., Müller, A. G., & Baumert, J. (2005). Die Kofferbande auf Reisen in das Land der Sprache und des Theaters: Das Jacobs-Sommercamp Projekt. Pädagogik, 57, 57–58.

Stanat, P., & Müller, A. G. (2005). Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. In H. Bartnitzky & A. Speck-Hamdan (Hrsg.), Deutsch als Zweitsprache lernen (S. 20–32). Frankfurt a.M.: Grundschulverband.

Team

Jürgen Baumert
Petra Stanat
Andrea G. Müller

Kooperationspartner:

Jacobs Stiftung
Senator für Bildung und Wissenschaft, Freie Hansestadt Bremen