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Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm (BEKL)

Mit dem Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm wurde ein systematisches Interventionsprogramm für Familien zur Förderung konkreter Kompetenzen und der familiären Lesekultur bereitgestellt, das sich im Rahmen einer ersten Evaluationsstudie als eine Erfolg versprechende Richtung der Leseförderung erwiesen hat.

Obwohl die Familie als wichtigster außerschulischer Kontext für die Lesesozialisation von Kindern gilt und in Deutschland im Rahmen der PISA-Studie und anderer Large-Scale-Studien wiederholt die enge Kopplung von schulischen Leistungen und familiärem Hintergrund festgestellt wurde, beschränken sich bisherige pädagogisch-psychologische Interventionsansätze im Bereich der systematischen Lesekompetenzförderung vor allem auf Kleingruppen oder aber den Klassenkontext (z.B. Gold et al., 2004a, 2004b; s.a. Artelt et al., 2005; Streblow, 2004) und lassen das Förderpotenzial durch die Familie weitgehend unberücksichtigt. Daher wurde das Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm entwickelt (McElvany, 2007; McElvany & Artelt, 2007; McElvany, Artelt & Holler, 2004). Basierend auf Erkenntnissen zur Lesekompetenzförderung, zur Lesesozialisation und zu familiären Einflussmöglichkeiten zielt das Programm über eine durch Fragen und Aufgaben strukturierte Eltern-Kind-Kommunikation zu einzelnen Texten darauf ab, dass Strategien und Prozesse des Textverstehens implizit erfasst und habitualisiert werden und damit langfristig auch Lesekompetenz gefördert wird.

Das Leseprogramm

Das Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm besteht aus insgesamt 43 Eltern-Kind-Sitzungen und ist bei drei Sitzungen pro Woche auf 14 bis 15 Wochen ausgelegt. Jede einzelne Sitzung ist mit etwa 30 Minuten veranschlagt. Elternteil und Kind können zu Beginn der Sitzung auswählen, ob sie einen längeren oder kürzeren Text bearbeiten wollen. Dabei handelt es sich um thematisch wie genrespezifisch sehr unterschiedliche Texte, die sich am Interessenhorizont von Viertklässlern orientieren. Nach dem Vorlesen des Textes durch das Kind oder das Elternteil wird als Erstes die Frage geklärt, ob das Kind Inhalte des Gelesenen oder einzelne Wörter nicht verstanden hat (vgl. Abb. 1). Es folgen einfache oder komplexe Verständnissicherungsfragen und durchschnittlich vier weiterführende Fragen bzw. Aufgaben, durch die ein vertiefendes Gespräch über die Inhalte der gelesenen Texte angeregt und damit ein elaboriertes Verständnis der Textinhalte erarbeitet werden soll. Die abschließende Aufgabe stellt meistens eine mündliche Zusammenfassung des Textes dar, kann aber auch kreativer Natur sein (z.B. ein Bild zur Geschichte malen).

Im Gegensatz zur typischen Hausaufgabenbetreuung sind Elternteil und Kind bei allen Teilen der Sitzung gleichberechtigte Partner, die alle Aufgaben abwechselnd oder gemeinsam durchführen und sich wechselseitig Feedback geben. Das Programm kombiniert damit Ansätze der impliziten Strategieförderung und des "guided oral reading" und ergänzt die Rolle des elterlichen Vorbilds sowie Scaffolding-Elemente.

Überprüfung der Implementierbarkeit und Effektivität

Die Implementierbarkeit und Effektivität des Programms wurde im Rahmen einer Evaluationsstudie überprüft (McElvany, 2007; McElvany & Artelt, in press; McElvany & Artelt, 2006). An der Studie nahmen zwischen September 2003 und Januar 2004 insgesamt 509 Viertklässler aus 15 Berliner Grundschulen teil, wobei in dem quasi-experimentellen Prä-Post-Kontrollgruppendesign die nicht am Leseprogramm teilnehmenden Mitschülerinnen und Mitschüler (N=393) die Vergleichsgruppe darstellten.

Ergebnisse - Effektivität

Im Rahmen dieser Evaluationsstudie ließen sich Effekte der Programmteilnahme auf Voraussetzungen und Teilkompetenzen von Lesekompetenz nachweisen. So war die Wortschatzentwicklung für die Gruppe der Leseprogrammteilnehmer positiver als für die Gruppe der nichtteilnehmenden Kinder in diesem Zeitraum. Für die Entwicklung der textbezogenen Metakognition ließ sich eine besondere Wirksamkeit des Programms für schwache Schülerinnen und Schüler zeigen. Keine direkte Förderwirkung ließ sich hingegen bei einem standardisierten Leseverständnistest und bei der Dekodierfähigkeit der Schülerinnen und Schüler nachweisen. Über die Förderung konkreter Kompetenzen hinaus deuten die Ergebnisse auch positive Effekte für die familiäre Lesekultur an. Hier sind weitere Untersuchungen zur Analyse der mittel- und langfristigen Effekte geplant. Auch für die Entwicklung des Leseverständnisses wird derzeit überprüft, ob sich mittelfristige Effekte der Programmteilnahme nachweisen lassen, die z.B. durch eine Habitualisierung der individuellen Leseprozesse oder auch durch die allgemeine Förderung der Lesekultur in der Familie durch das Programm begründet sein können.

Ergebnisse - Implementierbarkeit

Die Analysen zur Implementierbarkeit machen deutlich, dass die in der Programmkonzeption intendierten Strukturen und Prozesse zwar gut in den teilnehmenden Familien umgesetzt werden können, viele Familien jedoch gar nicht bereit sind, überhaupt an einer solchen freiwilligen, zusätzlichen Leseförderungsmaßnahme im Elternhaus teilzunehmen.

Es zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Teilnehmern und der Vergleichsgruppe dahingehend, dass die teilnehmenden Kinder verstärkt aus bildungsnahen Familien kamen und bereits zu Beginn relativ gute Leser waren. Dies macht die Notwendigkeit deutlich, zusätzliche Strategien zu entwickeln, um einer Selektivität der Teilnahme hinsichtlich leistungsbezogener Kinder- und sozialer Familienmerkmale entgegenzuwirken.

Weiterführende Literatur

McElvany, N. (2007). Förderung von Lesekompetenz im Kontext der Familie. Münster: Waxmann.

McElvany, N., & Artelt, C. (2007). Förderung von Lesekompetenz: Überblick über das Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm. Berlin: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

McElvany, N., & Artelt, C. (2006). Das Berliner Eltern-Kind-Leseprogramm. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 1, 157-159.

BEKL-Team

Nele McElvany