EnglishDeutsch

Forschungsgebiet II

Institutionelle, individuelle und familiäre Faktoren bei Übergängen im Bildungssystem

Die Biographien junger Menschen sind durch eine Vielzahl von Übergängen gekennzeichnet. Neben den biologischen Veränderungen und psychologischen Übergängen vom Kindes- in das Jugend- und Erwachsenenalter, die von jedem Individuum vollzogen und bewältigt werden müssen, gibt es im Kontext des Bildungssystems eine Reihe von Übergängen, die an konkrete rechtliche oder gesellschaftliche Regelungen gebunden sind. Solche Übergänge im Bildungssystem stellen komplexe Entscheidungssituationen dar, die nicht losgelöst von gesellschaftlichen und institutionellen Rahmenbedingungen sind und in einem differenzierten Bildungssystem einen weit reichenden Einfluss auf die Bildungs- und Berufsbiographien der Schülerinnen und Schüler haben. Die Analyse von Übergängen hat im Forschungsbereich Erziehungswissenschaft und Bildungssysteme eine lange Tradition; Übergänge wurden insbesondere im Kontext der Research Area I untersucht, aber auch in den bisherigen Research Areas II und III. Die neue Research Area II bündelt nun all jene Projekte bzw. Teilprojekte des Forschungsbereichs, die sich explizit mit der Analyse von Übergängen an den verschiedenen Gelenkstellen von Bildungsverläufen auseinandersetzen und eine Schwerpunktsetzung auf den familiären Hintergrund vornehmen

Die zentrale Bedeutung von Bildungsübergängen resultiert aus den Strukturmerkmalen des deutschen Bildungssystems:

  1. Kinder sowie Eltern werden von Beginn der Bildungsbiographie an mit verschiedenen Entscheidungssituationen konfrontiert: von der Wahl des Kindergartens und der Grundschule, über den Wechsel in die weiterführende Schule nach Abschluss der Grundschule und den Übergang in die gymnasiale Oberstufe oder in eine berufliche Ausbildung bis zur Aufnahme eines Studiums.
  2. Das Bildungssystem ist insgesamt durch einen hohen Grad an Standardisierung und Stratifizierung gekennzeichnet ist. Damit sind zum einen die in der Bildungsbiographie festgelegten Zeiten gemeint, an denen Übergänge stattfinden und zum anderen zwischen den Bundesländern variierende Regelungen. An den verschiedenen Gelenkstellen von Bildungsverläufen sind Entscheidungen daher im Kontext institutioneller Strukturen und administrativer Regelungen zu treffen.
  3. Trotz verschiedener Reformbemühungen lässt sich im Bildungssystem nach wie vor eine Kopplung zwischen dem besuchten Bildungsgang und dem erreichten Abschlusszertifikat feststellen. Wenngleich dieser Zusammenhang in den letzen zehn Jahren offener geworden ist, wird insbesondere die Studienberechtigung zu ca. 80 Prozent an allgemeinbildenden Gymnasien erworben. Diese Kopplung ist bedeutsam, weil in der Bundesrepublik die Verbindung zwischen dem Bildungssystem und dem Berufssystem, verglichen mit anderen Ländern, über die gesamte berufliche Hierarchie hinweg besonders stark ist. So wird die berufliche (Erst)Platzierung die durch Rückbindung an das Bildungssystem (in Form der erworbenen Zertifikate) vorstrukturiert.

 

Unser wissenschaftliche Interesse an der Analyse von Übergängen in der Bildungsbiographie resultiert im Wesentlichen aus zwei Aspekten: (1) Zum einen steht der Übergang selbst im Fokus des Interesses. Ausgangspunkt sind hier die nach wie vor bestehenden sozialen Disparitäten der Bildungsbeteiligung, auf die unter anderem im Rahmen der PISA-Studien wiederholt hingewiesen wurde (Baumert & Schümer, 2001; Baumert, Stanat & Watermann, 2006). Der Erwerb höherer Bildungszertifikate ist auch heute noch mit einer erheblichen sozialen Selektivität verbunden. Für das Zustandekommen sozialer Disparitäten werden in erster Linie die Gelenkstellen von Bildungsverläufen verantwortlich gemacht, an denen Bildungsentscheidungen getroffen werden müssen. In diesem Sinne werden Übergänge als Übergangsentscheidungen analysiert. (2) Zum anderen fokussiert die Übergangsforschung auf den Bereich nach dem Übergang. Hiermit wird die Verarbeitung des Übergangs durch die betroffenen Personen (i.d.R. Schülerinnen und Schüler) aus verschiedenen theoretischen Perspektiven untersucht.

Forschungsteam

Jürgen Baumert
Cornelia Gresch
Oliver Lüdtke
Kai Maaz
Nele McElvany
Gabriel Nagy
Ulrich Trautwein

Projektkoordinatorin:
Michaela Kropf

Weitere Informationen

TIMSS-Übergang
Element 8
TOSCA-10
Die Schulstruktur auf dem Prüfstand