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Hausaufgaben als Lernchance (HALO)

Angesichts der praktischen Bedeutung, die Hausaufgaben für Schüler, Lehrkräfte und Eltern haben, ist es überraschend, wie wenig empirische Forschungsarbeiten es zu diesem Thema gibt. Da auf den Hausaufgabenprozess viele miteinander zusammenhängende Faktoren einwirken können und systematische Forschungsprogramme die Ausnahme sind, sind die vorliegenden Befunde komplex, bruchstückhaft und widersprüchlich. Empfehlungen von Wissenschaftlern und Lehrkräften zur Hausaufgabenvergabe und ‑erledigung gehen statt von gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen oft eher von eigenen Erfahrungen aus oder sind rein spekulativ (Trautwein & Köller, 2003). Das Projekt "Hausaufgaben als Lern-Opportunitäten" (HALO) nutzt verschiedene Datenquellen, unter anderem PISA 2000, PISA 2003 und eine in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule Freiburg (Schweiz) durchgeführte Studie, um die von der Hausaufgabenvergabe und ‑erledigung gebotenen Lernchancen zu erforschen. Wie verhält sich die Hausaufgabenvergabe und ‑erledigung zur Schülerleistung? Welche Faktoren sind entscheidend dafür, dass die Schülerinnen und Schüler die Hausaufgaben wie gewünscht bearbeiten.

Hausaufgaben und Leistung

Ausgehend von einem Überblick über frühere Forschungen kamen Cooper und Mitarbeiter (2006) zu dem Schluss, dass es einen Zusammenhang zwischen längeren Hausaufgabenzeiten und höherer schulischer Leistung gibt. Auch der Ergebnisband der OECD zur PISA-2000-Studie berichtete einen positiven Zusammenhang zwischen Hausaufgabenzeit und Schülerleistung in fast allen an PISA teilnehmenden Staaten. Unsere eigene Forschung zeigt jedoch, dass abschließende Aussagen zum Verhältnis von Hausaufgaben und Leistung aufgrund des Mangels an geeigneten Daten und der methodischen Schwächen der vorliegenden Analysen bislang nicht möglich sind.

Die Validität von typischen Korrelationsstudien zum Verhältnis von Hausaufgaben und Leistung ist in mindestens drei Punkten fragwürdig (siehe Trautwein, 2007; Trautwein & Köller, 2003). Erstens muss man bei den potenziellen Effekten der Hausaufgaben auf die Leistungsentwicklung zwischen zwei Ebenen unterscheiden, was aber die meisten Studien unterlassen haben. Ein Hausaufgabeneffekt auf Klassenebene (oder Hausaufgabenvergabe-Effekt) tritt auf, wenn bei Schülern in Klassen mit höherer Hausaufgabenquantität oder ‑qualität ein höherer Leistungszuwachs zu beobachten ist als bei Schülern in anderen Klassen. Ein Hausaufgabeneffekt auf Schülerebene (oder Hausaufgabenerledigungs-Effekt) tritt auf, wenn in ein und derselben Klasse Schüler mit unterschiedlichem Hausaufgabenverhalten (z.B. bei der für Hausaufgaben aufgewendeten Zeit) unterschiedliche Leistungen aufweisen. In diesem Sinne sind Hausaufgaben ein klassisches Beispiel für ein Mehrebenenproblem, und für alle Studien zum Verhältnis von Hausaufgaben und Leistung gilt, dass zwischen Effekten auf Lehrer- und Effekten auf Schülerebene unterschieden werden muss.

Ein zweites Problem in einigen Hausaufgabenstudien ist, dass konfundierende Variablen nicht kontrolliert werden. So könnte es zum Beispiel sein, dass in besonders anspruchsvollen Schulen mit Schülern aus privilegierten Schichten mehr Hausaufgaben aufgegeben werden. Der Befund einer positiven Beziehung zwischen Hausaufgaben und Leistung wäre dann unter Umständen auf eine gemeinsame Ursache zurückzuführen und nicht auf die Hausaufgabenzeit als solche. Hinzu kommt, dass die meisten Studien als Querschnittstudien durchgeführt wurden. Fragen zur Gerichtetheit von Hausaufgabeneffekten können auf der Grundlage eines solchen Studiendesigns nicht ohne weiteres beantwortet werden.

Drittens hat sich die bisherige Forschung fast ausschließlich auf die für Hausaufgaben aufgewendete Zeit konzentriert. Das Hausaufgabenverhalten von Schülern kann jedoch von allen möglichen Ablenkungen negativ beeinflusst werden. Wenn Schüler angeben, dass sie viel Zeit für ihre Hausaufgaben aufwenden, ist dies nicht unbedingt ein Zeichen für große Sorgfalt, sondern kann auch auf Motivations- oder Konzentrationsprobleme hindeuten.

Unsere Studien (Trautwein, 2007; Trautwein, Köller, Schmitz, & Baumert, 2002) lassen erkennen, dass es im Fach Mathematik einen positiven Zusammenhang zwischen häufiger Hausaufgabenvergabe und Leistungszuwachs auf Klassenebene gibt, während zeitaufwendige Hausaufgaben zu keinen positiven Effekten führen. Bezogen auf die Schülerebene zeigt sich, dass Schüler, die ihre Hausaufgaben sehr sorgfältig erledigen (aber nicht unbedingt einen hohen Zeitaufwand berichten), in der Regel besser abschneiden als Schüler, die weniger Sorgfalt aufwenden.

Determinanten des Aufwands für Hausaufgaben

Trautwein und Mitarbeiter (Lüdtke, Trautwein, Schnyder, & Niggli, 2007; Trautwein & Köller, 2003; Trautwein, Lüdtke, Kastens, & Köller, 2006; Trautwein, Lüdtke, Schnyder, & Niggli, 2006) haben mit einem fachspezifischen Mehrebenenmodell zum Hausaufgabenprozess eine allgemeine theoretische Grundlage für Untersuchungen zur Hausaufgabenerledigung vorgelegt. Dieses Modell postuliert einen positiven Zusammenhang zwischen der Sorgfalt bei der Hausaufgabenerledigung und der Schulleistung. Außerdem nimmt es in Übereinstimmung mit den Vorhersagen der in den Arbeiten von Jacquelynne Eccles entwickelten Erwartungs-Wert-Theorie auch einen Einfluss motivationaler Variablen (z.B. Überzeugung, die gestellten Hausaufgaben lösen zu können, wahrgenommener Nutzen von Hausaufgaben) auf das Hausaufgabenverhalten an. Nach den Vorhersagen des Modells sind die Effekte von kognitiven Fähigkeiten und Persönlichkeit wie auch die Auswirkungen von familiärem Kontext und Elternverhalten (teilweise) über die Hausaufgabenmotivation vermittelt. Desgleichen wird erwartet, dass Effekte der Unterrichtsumgebung (z.B. Qualität der Hausaufgaben, Hausaufgabenkontrolle) teilweise über die Hausaufgabenmotivation vermittelt sind. Mehrere Studien haben Belege für die Richtigkeit der Annahmen des Modells geliefert (z.B. Trautwein, Lüdtke, Kastens, & Köller, 2006; Trautwein, Lüdtke, Schnyder, & Niggli, 2006).

Zugleich haben wir deutliche Zusammenhänge zwischen dem Hausaufgabenverhalten von Schülern in verschiedenen Fächern gefunden, was darauf hindeutet, dass neben der Hausaufgabenmotivation (die zwischen den Fächern sehr unterschiedlich ausfällt) auch stabile Persönlichkeitsmerkmale wie die "Gewissenhaftigkeit" bei der Hausaufgabenerledigung eine Rolle spielen.

In einer neueren Studie (Trautwein & Lüdtke, 2007) haben wir einen intraindividuellen Ansatz benutzt, um einige Vorhersagen des Hausaufgabenmodells zu prüfen. Im Gegensatz zu einem interindividuellen Ansatz, mit dessen Hilfe sich erklären lässt, warum bei manchen Schülern die Hausaufgabenerledigung mit mehr Aufwand verbunden ist als bei anderen, wird bei dem intraindividuellen Ansatz untersucht, wie dieser Aufwand bei ein und demselben Schüler je nach Fach variiert. Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Aufwand bei der Hausaufgabenerledigung in erster Linie eine Funktion der Unterschiede zwischen Schülern beim Hausaufgabenaufwand allgemein sowie der bei ein und demselben Schüler auftretenden Unterschiede in der Wahrnehmung der jeweiligen Lernumgebung (fächerspezifische Hausaufgabenqualität und ‑kontrolle) und in der Motivation (fächerspezifische Erwartungen und Wertüberzeugungen) ist. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass bei Schülern mit weniger Sorgfalt bei der Hausaufgabenerledigung die wahrgenommene Hausaufgabenkontrolle durch die Lehrkräfte eine stärkere Wirkung hat als bei anderen.

Weiterführende Literatur

Trautwein, U. (in press). Hausaufgaben. In W. Schneider & M. Hasselhorn (Eds.), Handbuch
der Pädagogischen Psychologie. Göttingen: Hogrefe.

Lüdtke, O., Trautwein, U., Schnyder, I., & Niggli, A. (2007). Simultane Analysen auf Schüler- und
Klassenebene. Eine Demonstration der konfirmatorischen Mehrebenen-Faktorenanalyse
zur Analyse der Schülerwahrnehmungen am Beispiel der Hausaufgabenvergabe. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 39, 1-11.

Trautwein, U., & Lüdtke, O. (2007). Students' self-reported effort and time on homework
in six school subjects: Between-student differences and withinstudent variation. Journal of Educational Psychology, 99, 432-444.

Trautwein, U. (2007). The homework-achievement relation reconsidered: Differentiating homework time, homework frequency, and homework effort. Learning and Instruction, 17, 372–388.

Trautwein, U., Lüdtke, O., Kastens, C., & Köller, O. (2006). Effort on homework in grades 5–9: Development, motivational antecedents, and the association with effort on classwork. Child Development, 77, 1094-1111.

Trautwein, U., Lüdtke, O., Schnyder, I., & Niggli, A. (2006). Predicting homework effort: Support
for a domain-specific, multilevel homework model. Journal of Educational Psychology, 98, 438-456.

Trautwein, U., & Kropf, M. (2004). Das Hausaufgabenverhalten und die Hausaufgabenmotivation von Schülern - und was ihre Eltern darüber wissen. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 51, 285-295.

Trautwein, U., & Köller, O. (2003). The relationship between homework and achievement - still much of a mystery. Educational Psychology Review, 15, 115-145.

Trautwein, U., & Köller, O. (2003). Was lange währt, wird nicht immer gut: Zur Rolle selbstregulativer Strategien bei der Hausaufgabenerledigung. Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 17, 199-209.

Trautwein, U., Köller, O., Schmitz, B., & Baumert, J. (2002). Do homework assignments enhance achievement? A multilevel analysis of 7th grade mathematics. Contemporary Educational Psychology, 27, 26-50.

Trautwein, U., & Köller, O. (2002). Der Einfluss von Hausaufgaben im Englisch-Unterricht auf die Leistungsentwicklung und das Fachinteresse. Empirische Pädagogik, 16, 285-310.

Team

Ulrich Trautwein
Oliver Lüdtke
Swantje Pieper

Kooperationspartner:
Alois Niggli und
Inge Schnyder (Pädagogische Hochschule Fribourg)