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Zum Umgang mit Unsicherheit: Suche und Lerne

Für viele alltägliche Verhaltensweisen und soziale Interaktionen – sich Verlieben, ein Vorstellungsgespräch, Streit in der Familie, Überqueren einer Straße – gibt es keine bequemen Beipackzettel, die uns Auskunft über die möglichen Konsequenzen unseres Verhaltens und deren Wahrscheinlichkeiten geben. Es stehen jedoch verschiedene mentale Werkzeuge zur Verfügung, die es uns erlauben, Situationen voller Unsicherheit und Komplexität in den Griff zu bekommen. Beispielsweise können wir häufig Ungewissheit erheblich reduzieren, indem wir zunächst kluge Informationen suchen und effizient daraus lernen. Für den Nobelpreisträger Herbert A. Simon war externe und interne Informationssuche – die Suche in der Welt und im Gedächtnis – der vermutlich wichtigste kognitive Prozess unseres „begrenzt rationalen“ Geistes. Wir untersuchen die reichhaltige Psychologie der Suche nach Informationen im Gedächtnis und in der Welt im Kontext der „Description–Experience Gap“ – dem Phänomen, dass sich Risikoentscheidungen, die aufgrund von symbolischen Beschreibungen getroffen werden, und Risikoentscheidungen, die aufgrund von sequenziellen Erfahrungen getroffen werden, systematisch unterscheiden (Hertwig & Erev, 2009). Diese „Kluft“ ist besonders ausgeprägt bei seltenen Ereignissen, die zu viel Gewicht in beschreibungsbasierten und zu wenig Gewicht in erfahrungsbasierten Entscheidungen erhalten.

Um Informationssuche und Lernprozesse besser zu verstehen, wenden wir auch die Grundsätze der ökologischen Rationalität an. Die ökologische Rationalität betrachtet den Menschen in realen Entscheidungsumgebungen und untersucht, unter welchen Bedingungen eine Heuristik oder kognitive Strategie erfolgversprechend ist. Die Risk-Reward-Heuristik beispielsweise erlaubt es, unbekannte Wahrscheinlichkeiten allein auf Grundlage der Größe von Ereignissen zu erschließen. Dies funktioniert aber nur dann, wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen der Größe eines Gewinns („Reward“) und der Wahrscheinlichkeit („Risk“), mit der er eintreten wird. In der Regel ist dieser Zusammenhang negativ, wie zum Beispiel im Fall des Wettens am Roulettetisch oder auf der Pferderennbahn oder beim Abschluss einer Lebensversicherung (Pleskac & Hertwig, 2014): Je höher der Gewinn, desto kleiner ist in der Regel die Gewinnwahrscheinlichkeit. Und genau dieser negative Zusammenhang lässt sich ausnutzen, um unbekannte Wahrscheinlichkeiten zu erschließen.

Zusammenhang zwischen der Größe eines Gewinns („Reward“)
und der Wahrscheinlichkeit („Risk“), mit der er eintreten wird

Zusammenhang zwischen der Größe eines Gewinns („Reward“) und der Wahrscheinlichk
© MPI für Bildungsforschung

Literatur

Hertwig & Erev, 2009 The description−experience gap in risky choice. Trends in Cognitive Sciences, 13, 517−523.

Pleskac, T. J., & Hertwig, R. (2014). Ecologically rational choice and the structure of the environment. Journal of Experimental Psychology: General, 143, 2000‒2019.