Suchen und Lernen

Wenn Menschen Entscheidungen unter Unsicherheit treffen, wissen sie oft nicht genau, welche Folgen ihre Entscheidungen haben werden oder wie wahrscheinlich diese Folgen sind. Eine Möglichkeit, fundierte Entscheidungen zu treffen, besteht darin, die Optionen aktiv zu erkunden und mehr über die möglichen Ergebnisse und ihre Wahrscheinlichkeiten zu erfahren. Wir untersuchen diesen Suchprozess—wie lernen Menschen über Wahlmöglichkeiten, wie verteilen sie ihre Aufmerksamkeit während der Suche und wie wirkt sich der Lernprozess auf die Entscheidungsstrategien und die Risikobereitschaft aus? Ein anderer Ansatz, den wir aktuell erforschen, ist der bewusste Verzicht darauf, Informationen zu suchen und so explizit im Ungewissen zu bleiben—was möglicherweise gewisse Entscheidungsprozesse vereinfacht.

Lernen beeinflusst die Risikopräferenzen 

Über mögliche Folgen von Entscheidungen und deren Wahrscheinlichkeiten können sich Menschen auf zwei Arten informieren: entweder indem sie sich lesend informieren oder durch persönliche Erfahrungen. Wir haben eine "Beschreibungs-Erfahrungslücke" beobachtet: bei beschreibungsbasierten Entscheidungen wird seltenen Ereignissen zu viel Gewicht beigemessen, bei Entscheidungen auf Basis eigener Erfahrungen dagegen zu wenig. Wir haben festgestellt, dass die Lücke zwischen Beschreibung und Erfahrung zuverlässig auftritt, egal ob es sich um Investitionsentscheidungen, intertemporale Entscheidungen oder die Risikobereitschaft von Jugendlichen handelt.

Lernen beeinflusst den Strategiegebrauch 

Die Art und Weise wie Menschen Optionen während des Lernens erfahren, beeinflusst, welche Art von Wissen sie für ihre Entscheidungen nutzen. Wenn Optionen einzeln präsentiert werden, neigen Menschen dazu, Entscheidungen auf Grundlage ihrer Erinnerungen an bestimmte Erfahrungen zu treffen. Werden die Optionen dagegen paarweise präsentiert, tendieren Menschen dazu, erfahrungsübergreifende Regeln zu abstrahieren. Diesem Ergebnis nach könnten Lernmaterialien so gestaltet werden, dass Menschen ermutigt werden, bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Aufmerksamkeitsverteilung während der Suche

Mit Hilfe von Laborexperimenten, bei denen Augenbewegung und Dauer beim Ansehen bestimmter Merkmale gemessen werden, untersuchen wir die Beziehung zwischen der Informationssuche und der daraufhin getroffenen Entscheidung. Ist es möglich anhand der gemessenen Augenbewegungen, vorherzusagen, welche Entscheidung jemand treffen wird?

Gewolltes Nichtwissen

Ein aktueller Forschungszweig beschäftigt sich mit der Entscheidung, auf die Informationssuche zu verzichten. Unter bestimmten Bedingungen entscheiden Menschen sich dafür, unwissend zu bleiben. Bis zu 55 % derjenigen, die auf HIV getestet werden, holen ihre Ergebnisse nicht ab. Wir nennen die bewusste Entscheidung gegen das Einholen von Informationen „gewolltes Nichtwissen“. Was ist die Motivation dafür, auf Informationen zu verzichten und welche kognitiven Strategien liegen dieser Entscheidung zugrunde?

Literatur

  • Hertwig, R., & Erev, I. (2009). The description–experience gap in risky choice. Trends in Cognitive Sciences13, 517–523.
  • Hertwig, R., & Engel, C. (2016). Homo ignorans: Deliberately choosing not to know. Perspectives on Psychological Science11, 359–372. 
  • Pachur, T., Schulte-Mecklenbeck, M., Murphy, R. O., & Hertwig, R. (2018). Prospect theory reflects selective allocation of attention. Journal of Experimental Psychology: General147, 147–169.
  • Trippas, D., & Pachur, T. (2019). Nothing compares: Unraveling learning task effects in judgment and categorization. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, and Cognition45, 2239–2266.
  • Wulff, D. U., Mergenthaler-Canseco, M., & Hertwig, R. (2018). A meta-analytic review of two modes of learning and the description–experience gap. Psychological Bulletin144, 140–176.

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