Lernen

Ein Großteil dessen, was über Risikoentscheidungen bekannt ist, stammt aus Studien, in denen Risiken in Form von Zahlen, Grafiken oder Warnhinweisen beschrieben werden. Im Alltag erleben Menschen Risiken jedoch meist durch persönliche Erfahrungen. Sie treffen eine Entscheidung und schauen dann, ob das Ergebnis positiv oder negativ ausfällt, etwa wenn sie in eine Kryptowährung investieren oder auf eine empfohlene Impfung verzichten. Studien zeigen, dass Menschen sehr unterschiedlich entscheiden, je nachdem, ob sie aus persönlicher Erfahrung oder per Beschreibung über ein Risiko gelernt haben. Wir erforschen, wie persönliche Erfahrungen die Entscheidungsfindung beeinflussen und gehen der Frage nach, wie Risiken und ungewisse Ergebnisse erinnert und im Gedächtnis repräsentiert werden. Wir erforschen außerdem, wann und warum bestimmte Informationen ignoriert werden und Menschen sich bewusst für Nichtwissen entscheiden. In unserer Forschung untersuchen wir, wie Risiken durch simulierte Erfahrungen effektiver vermittelt werden können als durch Texte und Beschreibungen.

Diskrepanz zwischen Beschreibung und Erfahrung

Menschen entscheiden unterschiedlich, je nachdem, ob Ihnen Risiken beschrieben werden oder sie dieselben Risiken durch eigene Erfahrung erleben, indem sie wiederholt Entscheidungen treffen und schauen, was dann passiert. Diese systematische Diskrepanz wird als Lücke zwischen Erfahrung und Beschreibung bezeichnet und ist eines der belastbarsten Ergebnisse der verhaltensorientierten Entscheidungsforschung.


Wir untersuchen erfahrungsbasierte Entscheidungen mithilfe von Studien, in denen Probandinnen und Probanden Wahrscheinlichkeitsmuster anhand von Stichproben erkennen sollen. Die Teilnehmer*innen sehen zwei Optionen, haben jedoch keine Informationen darüber, was passiert, wenn sie sich für eine der beiden entscheiden. Um mehr über diese Optionen zu erfahren, können die Teilnehmer*innen sie ausprobieren: Per Klick wird sofort ein Ergebnis angezeigt (zum Beispiel 32 Gewinnpunkte). Jede Option kann in beliebiger Reihenfolge beliebig oft geklickt werden. Jeder Klick erzeugt ein Ergebnis, das zufällig aus der Menge der möglichen Ergebnisse für diese Option gezogen wird. Wenn die Teilnehmer*innen genug ausprobiert haben, wählen sie eine Option. Diese Option bestimmt, was sie tatsächlich gewonnen haben.  

Wir erforschen, wie die Diskrepanz zwischen dem Lernen aus Beschreibung und dem Lernen aus Erfahrung zustande kommt. Wenn Menschen aus Erfahrung lernen, beschäftigen sie sich meist nicht lange genug mit der Datensammlung und stoßen daher nicht auf seltene Ergebnisse. Daher unterschätzen sie deren Bedeutung. Davon abgesehen gibt es weitere Unterschiede. Lernen aus Beschreibung und Lernen aus Erfahrung scheinen grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen zu sein, um Risiken einzuschätzen. 
Wir haben ein Konzept erarbeitet, das dabei helfen soll zu verstehen, wie die beiden Herangehensweisen Beschreibung und Erfahrung interagieren und wie sie die Reaktionen auf reale Risiken beeinflussen, beispielsweise bei Pandemien, dem Klimawandel, Drogenkonsum und finanziellen Entscheidungen.

 

Abbildung von Bedeutungsassoziationen

Lebenslanges Lernen prägt die Art und Weise, wie Fakten, Konzepte und Assoziationen im Gedächtnis gespeichert und organisiert werden. In unserer Forschung nutzen wir freie Wortassoziationen, um die Struktur des semantischen Gedächtnisses als Netzwerk abzubilden. So wird sichtbar, wie Konzepte miteinander verbunden sind, welche Assoziationen am stärksten sind und wo individuelle Unterschiede auftreten.

Fragt man Menschen beispielsweise, was ihnen zu dem Begriff „Risiko“ einfällt, entsteht ein reichhaltiges Netz aus Assoziationen. Die Assoziationen lassen sich in Themenbereiche gruppieren, von Gefahr und Nervenkitzel bis hin zu Sorge, Abwägung und Belohnung. In dem hier gezeigten Netzwerk steht jeder Punkt für ein Wort, das Menschen mit Risiko assoziieren, wobei die größeren Punkte zentralere Assoziationen kennzeichnen und die Farben Cluster verwandter Wörter markieren. Die Abbildung verdeutlicht, dass „Risiko“ keine einheitliche Bedeutung hat, sondern ein facettenreiches Konzept ist, das für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen hat. Was „Risiko“ für einen Menschen bedeutet, ändert sich unter anderem mit dem Alter und ist abhängig von der jeweiligen Sprache.

Um unsere Methoden zugänglich zu machen, entwickeln wir Open-Source-Tools. Wir haben beispielsweise eine Software zur Erfassung, Verarbeitung und Analyse von Daten zu freien Assoziationen entwickelt. Dafür nutzen wir große Sprachmodelle und Sprachverarbeitungstechniken für natürliche Sprache.

 

Gewolltes Nichtwissen

Je mehr man weiß, desto besser kann man Entscheidungen treffen – jedenfalls könnte man das meinen. Tatsächlich verzichten Menschen aber manchmal bewusst auf bestimmte Informationen. Patientinnen und Patienten möchten möglicherweise nicht wissen, ob sie eine genetische Disposition für bestimmte Krankheiten haben. Wir erforschen, wann und warum Menschen sich für „gewolltes Nichtwissen“ entscheiden und wie das die Entscheidungsfindung in Bereichen wie Medizin, Politik und zivilgesellschaftlichem Engagement prägt.

Millionen Menschen haben ihre Stasi-Akten gelesen, viele andere entschieden sich aber bewusst dagegen, unter anderem um Beziehungen zu Freunden, Partnern und Familie zu schützen, negative Gefühle zu vermeiden und sich vom ehemaligen Überwachungsregime zu distanzieren. Ralph Hertwig und Dagmar Ellerbrock sprechen im Podcast des Bundesarchivs über ihre Forschung zu diesem Phänomen: 111 Kilometer Akten.

Eine umfassende Auswertung von Forschungsergebnissen zu Gesundheitsentscheidungen ergab, dass fast jeder Dritte medizinische Informationen meidet. Alter, Geschlecht und Einkommen spielen dabei kaum eine Rolle, vielmehr geht es um mangelndes Vertrauen in das Gesundheitssystem und die Angst vor Überforderung oder Stigmatisierung. Auch in anderen Lebensbereichen spielt gewolltes Nichtwissen eine Rolle, etwa wenn Richter und Jury in Gerichtsverfahren von bestimmten Informationen abgeschirmt werden oder bestimmte Informationen bei Personaleinstellungsverfahren anonymisiert werden (Geschlecht, Alter, Aussehen).

If the secret police had a file on you, why wouldn’t you want to see it? Ask the Germans spied on by the Stasi

Risikokommunikation mittels Simulation

Risikokommunikation beschränkt sich meist auf die Wahrscheinlichkeit eines bestimmten Ereignisses. Wahrscheinlichkeit ist es aber nur eine Dimension von vielen. Wie verändern sich die Ereignisse mit der Zeit? Unter welchen Bedingungen kommen sie überhaupt vor? Und wie fühlt es sich an, sie zu erleben?

Um ein vollständigeres Bild zu erfassen, haben wir ein Klassifikationsschema für Risikodimensionen entworfen. Durch Rauchen kann man Stress abbauen – und an Lungenkrebs erkranken. Wir wenden nicht nur die gängigen Risikodimensionen (Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit) auf diese beiden Folgen des Rauchens an, sondern berücksichtigen auch weitere, meist vernachlässigte Dimensionen.

Wir empfehlen, dass Risikokommunikation diese oft übersehenen Dimensionen berücksichtigen sollte. Simulierte Erfahrungen sind dabei ein wirkungsvolles Mittel. Mit interaktiven Tools können Menschen die Folgen eines Risikos erleben, bevor sie eine Entscheidung treffen.

In einer klinischen Studie erhielt ein Teil der Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen eine Standardbeschreibung zu den Risiken von Opioidkonsum. Der andere Teil nahm an einer interaktiven Simulation zu den Risiken teil. Die Patientinnen und Patienten, die zuvor an der interaktiven Simulation teilgenommen hatten, reduzierten eher als die Vergleichsgruppe ihren Konsum, teilweise nutzten sie sogar vollständig alternative Therapien.

Wir wenden die Studienergebnisse auch auf andere Bereiche an, zum Beispiel wie Menschen den Zustand der Demokratie wahrnehmen. Bürgerinnen und Bürger, die Jahrzehnte lang in stabilen Demokratien gelebt haben, verfügen möglicherweise über wenig persönliche Erfahrung mit dem Zusammenbruch einer Demokratie und unterschätzen Bedrohungen für demokratische Institutionen daher. Ein ähnliches Muster zeigt sich bei Impfskepsis: Wenn eine Krankheit durch den erfolgreichen Einsatz von Impfstoffen selten geworden ist, fühlen Menschen sich sicher und halten Prävention möglicherweise für unnötig. Ralph Hertwig und Stephan Lewandowsky beschäftigen sich mit diesem „Erfolgsparadoxon“ in ihrem Artikel in The Conversation: The paradox of democracy’s success (auf Englisch).

 

Literatur

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