Suchen und Lernen

Wenn Menschen Entscheidungen unter Unsicherheit treffen, wissen sie oft nicht genau, welche Folgen ihre Entscheidungen haben werden oder wie wahrscheinlich diese Folgen sind. Ein Ansatz besteht darin, die Optionen aktiv zu erkunden, sich einen Eindruck von den möglichen Ergebnissen und deren Wahrscheinlichkeiten zu verschaffen und dann auf Grundlage dieser Informationen zu entscheiden. Ein anderer Ansatz, den wir aktuell erforschen, ist der bewusste Verzicht darauf, Informationen einzuholen und so explizit im Ungewissen zu bleiben – was möglicherweise gewisse Entscheidungsprozesse vereinfacht.

Erfahrungsbasierte Entscheidungen

Über mögliche Folgen von Entscheidungen und deren Wahrscheinlichkeiten können sich Menschen auf zwei Arten informieren, entweder durch das Einholen von Wahrscheinlichkeitsinformationen oder durch das persönliche Erleben der Konsequenzen einzelner Entscheidungen. Wir haben Studienteilnehmer*innen Glücksspiele spielen lassen und dabei beobachtet, dass eine „Description–experience gap” auftritt. Diese Kluft zwischen beschreibungsbasierten und erfahrungsbasierten Entscheidungen beschreibt folgendes Phänomen: Bei beschreibungsbasierten Entscheidungen wird seltenen Ereignissen zu viel Gewicht beigemessen, bei Entscheidungen auf Basis eigener Erfahrungen dagegen zu wenig. 

Dies liegt unter anderem daran, dass Entscheidungen aufgrund von eigenen Erfahrungen auf kleinen Stichproben basieren. Es ist einfach weniger wahrscheinlich, dass seltene Ereignisse im eigenen Erleben vorkommen. Die Kluft zwischen Beschreibung und Erfahrung tritt bei Tausenden von Entscheidungen auf und wurde über die monetären Glücksspiele hinaus auch in Bereichen wie kausale Argumentation, Verbraucherverhalten, Investitionsentscheidungen, medizinische Entscheidungen und Risikobereitschaft bei Jugendlichen festgestellt.

Gewolltes Nichtwissen

Ein aktueller Forschungszweig beschäftigt sich mit der Entscheidung, auf die Informationssuche zu verzichten. Unter bestimmten Bedingungen entscheiden Menschen sich dafür, unwissend zu bleiben. Bis zu 55 % derjenigen, die auf HIV getestet werden, holen ihre Ergebnisse nicht ab. Wir nennen die bewusste Entscheidung gegen das Einholen von Informationen „gewolltes Nichtwissen“. Was ist die Motivation dafür, auf Informationen zu verzichten und welche kognitiven Strategien liegen dieser Entscheidung zugrunde?

Literatur

  • Hertwig, R., & Erev, I. (2009). The description–experience gap in risky choice. Trends in Cognitive Sciences13, 517–523.
  • Hertwig, R., & Engel, C. (2016). Homo ignorans: Deliberately choosing not to know. Perspectives on Psychological Science11, 359–372. 
  • Hertwig, R., Wulff, D. U., & Mata, R. (2019). Three gaps and what they may mean for risk preference.Philosophical Transactions of the Royal Society B:Biological Sciences, 374: 20180140.
  • Wulff, D. U., Mergenthaler-Canseco, M., & Hertwig, R. (2018). A meta-analytic review of two modes of learning and the description–experience gap. Psychological Bulletin144, 140–176.
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