Kognition in Online-Umgebungen

 

 

Online-Umgebungen bergen zahlreiche Herausforderungen. Charakteristisch ist ein Überangebot von Informationen, es werden teils Falschinformationen verbreitet und Nutzerinnen und Nutzer auf subtile Weise manipuliert. Wir möchten ein evidenzbasiertes Verständnis für die Dynamik und die Herausforderungen von Online-Umgebungen entwickeln und einen Fahrplan zum Umgang erstellen. Um das zu erreichen, führen wir Onlineexperimente und Feldforschung durch, nutzen konzeptionelle Modelle, fassen Forschungsergebnissen zusammen und werten sie aus. 

 

 

Kompetenzen für digitale Bürgerinnen und Bürger

Angesichts des Überangebots von Informationen ist Aufmerksamkeit eine begrenzte Ressource. Im Internet ist nicht alles, was es vorgibt zu sein, viele Inhalte sind irreführend, falsch oder manipulativ. Wir sind der Ansicht, dass Menschen neue Kompetenzen brauchen, um ihre Aufmerksamkeit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen. Dabei hilft das kritische Ignorieren, also die Fähigkeit zu entscheiden, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet und was man bewusst ausblendet. Wir untersuchen einfache Strategien, die Menschen dabei helfen, ihre digitalen Kompetenzen zu verbessern. Eine Strategie ist das sogenannte „laterale Lesen“, mit dessen Hilfe man die Glaubwürdigkeit von Inhalten prüfen kann. Eine weitere Strategie ist das sogenannte „Selbst-Nudging“. Mit Selbst-Nudging können Menschen ihre Selbstkontrolle stärken. Es geht darum, dass Menschen selbst zu Entscheidungsarchitekt*innen ihrer digitalen Umgebung werden und diese so gestalten, dass sie ihre Ziele langfristig im Blick behalten können. Man kann zum Beispiel Benachrichtigungen deaktivieren, um Ablenkungen zu minimieren, oder Newsfeeds so gestalten, dass sie nur glaubwürdige Quellen enthalten, wodurch sich die Qualität der abgerufenen Informationen verbessert.

Anastasia Kozyreva erklärt, wie man mehr Kontrolle über die eigene Online-Mediennutzung gewinnen kann.
Ralph Hertwig und seine Kolleg*innen diskutieren die Bedeutung des kritischen Ignorierens in der heutigen Aufmerksamkeitsökonomie.

 

Falschinformation als politische Herausforderung

Wir verstehen Falschinformationen als politische Herausforderung. Maßnahmen sind sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf individueller Ebene erforderlich. Auf gesellschaftlicher Ebene beschäftigt uns die Frage, wie Menschen die Moderation von Inhalten sehen, insbesondere wenn es um die Abwägung zwischen Meinungsfreiheit auf der einen Seite und dem Schutz vor schädlicher Falschinformation auf der anderen Seite geht. Dazu forschen wir aktuell in Europa, Großbritannien und den USA.

Auf individueller Ebene haben wir gemeinsam mit führenden Forschenden aus 24 Forschungseinrichtungen und Universitäten kognitive und verhaltensbezogene Maßnahmen gegen Falschinformation zusammengestellt. Der Überblick basiert auf 81 wissenschaftlichen Studien und enthält Strategien, die Menschen dabei helfen, Falschinformationen zu erkennen, darunter laterales Lesen, Tipps zur Verbesserung der Medienkompetenz, Methoden zur Überprüfung der Glaubwürdigkeit von Informationen, Erkennen von Falschmeldungen, Aufforderungen die Richtigkeit von Aussagen zu Überprüfen und Faktenchecks. 

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen testen wir aktuell praktische Methoden, mit denen Nutzerinnen und Nutzer Informationen selbst überprüfen können, etwa durch laterales Lesen, also das Hinzuziehen weiterer Quellen oder gezielte Online-Recherchen. Gleichzeitig untersuchen wir, wie solche Maßnahmen wirken, wenn Menschen sie frei wählen und ob die Kombination von künstlicher und menschlicher Intelligenz zuverlässig zwischen richtigen und falschen Meldungen unterscheiden kann.

Gemeinsames Projekt von Forschenden aus 25 Institutionen und Universitäten
 
Eine Studie ermittelt, wie Menschen Dilemmas bei der Moderation von Online-Inhalten lösen

 

Anfälligkeit für Falschinformationen bei Erwachsenen und Jugendlichen

Wir untersuchen, wer besonders anfällig für Falschinformationen ist und warum. In einer umfangreichen Metaanalyse, die 31 Studien umfasste, haben wir festgestellt, dass ältere Erwachsene, politisch liberal eingestellte Menschen und Personen mit ausgeprägtem analytischen Denkvermögen besser in der Lage sind, richtige von falschen Nachrichten zu unterscheiden und dass der Bildungsgrad allein kaum einen Unterschied macht. Gleichzeitig halten Menschen Informationen eher für richtig, wenn sie ihren politischen Ansichten entsprechen oder ihnen vertraut erscheinen. Ein stark ausgeprägtes analytisches Denkvermögen kann dabei politische Voreingenommenheit mitunter sogar eher verstärken als zu verringern.

Besonders interessiert uns, wie Falschinformationen Jugendliche beeinflussen, also die in den sozialen Medien aktivste Gruppe. Jugendliche müssen ihre sozialen und kognitiven Fähigkeiten noch entwickeln und könnten daher anfälliger für Falschinformationen sein. Dafür sind sie offen und souverän im Umgang mit digitalen Medien. Daran können Maßnahmen gegen Falschinformationen anknüpfen.

Ergänzend zu dieser Arbeit entwickeln wir konzeptionelle Instrumente, um das Verständnis und die Diskussion über Falschinformationen zu verbessern. Die Instrumente sollen dazu beitragen, künftige Forschungsansätze und politische Maßnahmen zu gestalten, indem sie unterschiedliche Auffassungen darüber aufzeigen, wie Falschinformationen definiert, untersucht und bekämpft werden sollten.

 

Digitale Technologien bewusst und sinnvoll nutzen

Wie können digitale Werkzeuge dabei unterstützen, bewusster und selbstbestimmter mit Online-Angeboten umzugehen? Im Mittelpunkt unserer Forschung stehen nicht Beschränkungen wie Bildschirmzeitlimits, sondern selbst gewählte Maßnahmen (Selbst-Nudges), die helfen, Nutzungsgewohnheiten zu durchbrechen. In einer Feldstudie wurde die App „One Sec“ untersucht, die ausgewählte Social-Media-Apps erst nach einer individuell wählbaren Unterbrechung öffnet. Über einen Zeitraum von einem Jahr reduzierte die App die Zahl der Öffnungsversuche deutlich.

Ein groß angelegtes Pilotprojekt mit Jugendlichen in Dänemark zeigte zudem, dass kleine Eingriffe innerhalb von Apps die tägliche Nutzung sozialer Medien verringert, die Nutzung während der Schulzeit reduziert und die Schlafdauer erhöht, ohne dabei die Angst, etwas zu verpassen, zu verstärken. Die Ergebnisse zeigen, dass digitale Interventionen, die Menschen dabei unterstützen, ihre Bildschirmzeit selbstbestimmt zu steuern, erfolgreich in größerem Maßstab eingesetzt werden können.

 

Auswirkung digitaler Plattformen auf öffentliche Debatten und Demokratie

Führt die Nutzung von sozialen Medien zur Meinungsbildung und Information zu einem Rückgang der Demokratie? Wir untersuchen, wie digitale Plattformen die öffentliche Debatte und das politische Verhalten beeinflussen. Dazu werten wir Forschungsergebnisse zu Kausalität und Korrelation aus und führen Feldstudien durch. Unser Ziel ist es zu verstehen, wie Online-Umgebungen politische Einstellungen und Verhaltensweisen prägen. Ein Beispiel ist die Frage, wer sich an öffentlichen Diskussionen beteiligt und wessen Stimme ungehört bleibt. Online-Debatten werden häufig von einer kleinen, sehr aktiven Minderheit dominiert, während die Mehrheit schweigt, insbesondere wenn Diskussionen als aggressiv oder stark polarisierend wahrgenommen werden. So kann ein verzerrtes Bild entstehen. In einer Feldstudie auf Reddit zeigte sich, dass in hitzigen Diskussionen aktive Nutzerinnen und Nutzer besonders präsent sind. Finanzielle Anreize und positives Feedback konnten dagegen mehr stille Mitlesende dazu bewegen, sich zu beteiligen, während Appelle zu höflichem Verhalten kaum Wirkung zeigten.

Ein weiteres Ziel unserer Forschung ist es zu verstehen, warum Menschen das Vertrauen in demokratische Institutionen und anerkannte Fakten verlieren. Unsere aktuellen Studien untersuchen diese wichtige Frage sowohl aus der Perspektive des Einzelnen als auch aus gesellschaftlicher Sicht.

Feldexperiment auf Reddit: Warum die Mehrheit schweigend mitliest und wie sich Beteiligung steigern lässt
Stephan Lewandowsky und seine Kolleg*innen diskutieren den Zusammenhang von sozialen Medien und funktionierender Demokratie.
Lisa Oswald: Wie digitale Medien unser politisches Verhalten beeinflussen

 

Forschungsberichte

Wir engagieren uns in Forschung, die für die Politik relevant ist und arbeiten an Forschungsberichten zu den Auswirkungen digitaler Technologien auf die Demokratie und die Nutzung sozialer Medien auf Jugendliche mit.

 

Herausgegeben von der Europäischen Kommission

 

Assoziierte Projekte

  • Reclaiming Individual Autonomy and Democratic Discourse Online: How to Rebalance Human and Algorithmic Decision Making, Volkswagen Stiftung 2021–2025.
  • Social Media for Democracy (SOME4DEM): Understanding the causal mechanisms of digital citizenship, EU Horizon Europe, 2023–2025. https://www.mis.mpg.de/some4dem/index.html

 

Literatur

Grüning, D. J., Riedel, F., & Lorenz-Spreen, P. (2023). Directing smartphone use through the self-nudge app one sec. Proceedings of the National Academy of Sciences, 120(8), e2213114120. https://doi.org/10.1073/pnas.2213114120

Kozyreva, A., Herzog, S. M., Lewandowsky, S., Hertwig, R., Lorenz-Spreen, P., Leiser, M., & Reifler, J. (2023). Resolving content moderation dilemmas between free speech and harmful misinformation. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America, 120(7), e2210666120. https://doi.org/10.1073/pnas.2210666120

Kozyreva, A., Lewandowsky, S., & Hertwig, R. (2020). Citizens versus the internet: Confronting digital challenges with cognitive tools. Psychological Science in the Public Interest, 21(3), 103–156. https://doi.org/10.1177/1529100620946707

Kozyreva, A., Lorenz-Spreen, P., Herzog, S. M., Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Hertwig, R., Ali, A., Bak-Coleman, J., Barzilai, S., Basol, M., Berinsky, A. J., Betsch, C., Cook, J., Fazio, L. K., Geers, M., Guess, A. M., Huang, H., Larreguy, H., Maertens, R., … Wineburg, S. (2024). Toolbox of individual-level interventions against online misinformation. Nature Human Behaviour, 8(6), 1044–1052. https://doi.org/10.1038/s41562-024-01881-0 

Kozyreva, A., Smillie, L., & Lewandowsky, S. (2023). Incorporating psychological science into policy making: The Case of Misinformation. European Psychologist, 28(3), 206–224. https://doi.org/10.1027/1016-9040/a000493

Kozyreva, A., Wineburg, S., Lewandowsky, S., & Hertwig, R. (2023). Critical ignoring as a core competence for digital citizens. Current Directions in Psychological Science, 32(1), 81–88. https://doi.org/10.1177/09637214221121570

Lorenz-Spreen, P., Lewandowsky, S., Sunstein, C. R., & Hertwig, R. (2020). How behavioural sciences can promote truth, autonomy and democratic discourse online. Nature Human Behaviour, 4(11), 1102–1109. https://doi.org/10.1038/s41562-020-0889-7

Lorenz-Spreen, P., Oswald, L., Lewandowsky, S., & Hertwig, R. (2023). A systematic review of worldwide causal and correlational evidence on digital media and democracy. Nature Human Behaviour, 7(1), 74–101. https://doi.org/10.1038/s41562-022-01460-1

Ma, I., Sultan, M., Kozyreva, A., & Van Den Bos, W. (2026). Understanding the impact of misinformation on adolescents. Nature Human Behaviour, 10, 18–28. https://doi.org/10.1038/s41562-025-02338-8

Oswald, L., Kozyreva, A., Herzog, S. M., Nickl, P. L., & Hertwig, R. (2025). Boosting Media Literacy Using Lateral Reading and Online Search Interventions. Psychological Science, 09567976261453813. https://doi.org/10.1177/09567976261453813

Oswald, L., Schulz, W., Lorenz-Spreen, P. (2025). Disentangling participation in online political discussions with a collective field experiment. Science Advances, 11(50), eady8022. https://doi.org/10.1126/sciadv.ady8022

Sultan, M., Tump, A. N., Ehmann, N., Lorenz-Spreen, P., Hertwig, R., Gollwitzer, A., & Kurvers, R. H. J. M. (2024). Susceptibility to online misinformation: A systematic meta-analysis of demographic and psychological factors. Proceedings of the National Academy of Sciences, 121(47), e2409329121. https://doi.org/10.1073/pnas.2409329121 

 

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