Einfache Heuristiken in der Praxis

Unter Laborbedingungen entspricht menschliches Verhalten oft nicht dem Ideal rationalen Verhaltens, wie sich in mehr als 50 Jahren Forschung gezeigt hat. Im Labor werden den Probandinnen und Probanden stark vereinfachte Situationen geschildert, in denen sie Entscheidungen treffen sollen. Die Folgen dieser Entscheidungen und deren Eintrittswahrscheinlichkeiten sind dabei meist explizit beschrieben und damit bekannt. In der Realität ist das aber meist nicht so. Ob es darum geht ins Ausland zu ziehen, den Beruf zu wechseln oder die sexuelle Identität zu outen (im Sinne eines Coming-out)– Menschen treffen Entscheidungen, ohne vorher zu wissen, was die Zukunft bringt.

Im Laufe ihrer ontogenetischen Entwicklung und durch kollektives und individuelles Lernen haben Menschen einen mentalen Werkzeugkasten im Umgang mit Ungewissheit entwickelt. Der Werkzeugkasten enthält einfache, aber effektive Entscheidungsstrategien (Heuristiken), die mit wenig Aufwand und begrenzten Informationen einsetzbar sind. Trotz (oder vielleicht wegen) ihrer Einfachheit sind diese Heuristiken oft leistungsfähiger als komplexere Strategien. Das gilt insbesondere, wenn die Heuristiken sowohl an die kognitiven Gegebenheiten wie auch die Gegebenheiten der jeweiligen Umgebung angepasst sind (sie also „ökologisch rational“ sind).

Menschen müssen ständig Entscheidungen treffen. Dies wird nicht dadurch leichter, dass die Rahmenbedingungen (und damit die Anforderungen und Chancen) sich kontinuierlich ändern. Unsere Forschungsgruppe beschäftigt sich mit der Frage, welche Entscheidungsstrategien Menschen wählen und unter welchen Bedingungen diese Strategien gut funktionieren. Mit der entsprechenden technischen Ausstattung wie GPS, Kopfkameras, Computersimulationen und KI-Sprachmodellen (Large Language Modells) können wir diese Fragen nicht nur im Labor, sondern auch in realen Situationen erforschen. Unsere Ergebnisse zeigen, dass Menschen oft einfache Strategien anwenden, die häufig mindestens so gut wie komplexere Strategien funktionieren.

Lebensverändernde Entscheidungen

Auswandern, sich scheiden lassen, einen sexuellen Übergriff melden? Manche Entscheidungen können den Lebensweg eines Menschen grundlegend verändern. Dennoch ist überraschend wenig darüber bekannt, wie Menschen diese Entscheidungen treffen. In einer umfangreichen Studie, die Stichproben aus Deutschland, Großbritannien, Indien, Nigeria und den USA umfasst, haben wir festgestellt, dass solche einschneidenden Entscheidungen im Erwachsenenleben häufig vorkommen. Bei diesen Entscheidungen greifen Menschen eher auf einfache Strategien zurück, anstatt alle Faktoren sorgfältig abzuwägen und erzielen damit ebenso befriedigende Ergebnisse. Obwohl sie selbst einfache Strategien nutzen, empfehlen Menschen aus den beteiligten westlichen Ländern die Anwendung komplexer Strategien. Weil wir diese Diskrepanz nur in den westlichen Ländern gesehen haben, gehen wir davon aus, dass es kulturell bedingt ist, welche Strategie als ideal empfunden wird. 

Wir untersuchen außerdem, wie Menschen unter extremen Bedingungen außergewöhnliche Entscheidungen treffen und Zivilcourage beweisen, indem sie sich zum Beispiel weigern militärische Befehle auszuführen, die sich gegen Zivilisten richten, verfolgte Minderheiten schützen oder gegen mächtige Persönlichkeiten aussagen, trotz erheblicher persönlicher Risiken. Anhand von Fällen wie Alexej Nawalnys anhaltendem Widerstand gegen die russische Autokratie versuchen wir nicht nur zu verstehen, warum Menschen so außergewöhnlich handeln, sondern auch, wie sie diese Entscheidungen treffen und über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten.

Shahar Hechtlinger: The Psychology of Life's Most Important Decisions

Heuristiken für kompetitive Entscheidungen

Die Nahrungssuche, also das Aufspüren und Gewinnen von Ressourcen aus der Umwelt, ist ein grundlegendes Verhalten, das für das Überleben aller Arten von entscheidender Bedeutung ist. Von Bienen auf der Suche nach Nektar bis hin zu Menschen, die Pilze sammeln oder im Internet nach Informationen suchen – sie alle müssen Strategien entwickeln, um den Ertrag zu maximieren und dabei möglichst wenig Zeit und Arbeit zu investieren. 

Während eines Wettbewerbs auf einem gefrorenen See in Finnland beobachteten wir mit Kopfkameras und GPS-Geräten ausgestattete Angelnde auf der Suche nach Fischen. Die GPS-Geräte und Kopfkameras zeigten, dass die Angelnden einfache Strategien anwandten. Je länger sie ohne Fang blieben, desto eher wechselten sie den Standort. Umgekehrt blieben sie länger, sobald sie einen Fisch gefangen hatten. Die Heuristik ist also „Gewinnen – Bleiben“, „Verlieren – Wechseln“. Diese Heuristik funktioniert in unvorhersehbaren Situationen scheinbar besser als komplexere Heuristiken, wie zum Beispiel die Berechnung der durchschnittlich gefangenen Fische pro 30 Minuten. Damit bestätigen unsere Forschungsergebnisse den Wert von einfachen Heuristiken in unübersichtlichen, realen Entscheidungskontexten.

Anpassung an den Klimawandel

Die Anpassung an den Klimawandel bringt schwierige Entscheidungen und große Ungewissheit mit sich – etwa zu künftigem Wetter, Klimafolgen, gesellschaftlichen Entwicklungen und den Kosten von Anpassungsmaßnahmen. Davon sind sowohl Einzelpersonen als auch Organisationen betroffen. Mit dem Fokus auf Land- und Forstwirtschaft haben wir Expertinnen und Experten gebeten zentrale Anpassungsstrategien zu diskutieren. In der Praxis greifen sie auf Erfahrungen und einfache Strategien zurück wie zum Beispiel das Lernen von Anderen, Abwarten, Vorbereitung für den Ernstfall und Diversifikation. In unklaren Situationen können diese Strategien hilfreich sein, auch weil sie keine genauen Informationen erfordern. In unserer Forschung untersuchen wir, ob diese einfachen Strategien ausreichen, um Risiken wie Einkommensverluste zu mindern und ob maßgeschneiderte Klimaprognosen für die nächsten 1 bis 10 Jahre Landwirtinnen und Landwirten helfen können sich im richtigen Maße anzupassen.

Gesunde Lebensmittel

Angesichts des riesigen Angebots ist die Auswahl gesunder Lebensmittel im Supermarkt oft schwierig. Eine große Analyse mit Daten von über 7.600 Produkten zeigt jedoch: Einfache Heuristiken können bei der Auswahl gesunden Essens helfen. Besonders wirksam sind Strategien, die auf Nährstoffe wie Eiweiß oder Ballaststoffe achten. Diese Strategien führen meist automatisch zu insgesamt nährstoffreicheren Lebensmitteln mit mehr Vitaminen und Mineralstoffen. Dagegen bringt es wenig, sich nur auf das Vermeiden von Zucker oder Salz zu konzentrieren. Auch einfache Faustregeln wie „Vollkorn statt raffiniert“ oder „weniger verarbeitet“ unterstützen gesündere Essenssentscheidungen. Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, Verbraucherinnen und Verbraucher mit Hilfe sehr einfacher Heuristiken und guter Lebensmittelkennzeichnung in die Lage zu versetzen, gesündere Entscheidungen beim Einkauf zu treffen.

Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Literatur

  • Claassen, M. A., Fuławka, K., Sultan, M., Kozyreva, A., & Hertwig, R. (2026). Heuristics for healthier food selection. OSF. https://doi.org/10.31234/osf.io/vdaup_v1 
  • Hechtlinger, S., Schulze, C., Leuker, C., & Hertwig, R. (2024). The psychology of life’s most important decisions. American Psychologist. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/amp0001439
  • Hechtlinger, S., Hertwig, R., & Schulze, C. (2025). How people make the most important decisions in their lives. OSF. https://doi.org/10.31234/osf.io/2sv8k_v1 
  • Rüsenberg, F., & Fleischhut, N. (2026). A behavioral change approach to understanding true demand for future climate information. OSF. https://doi.org/10.31235/osf.io/fynq6_v4
  • Schakowski, A., Deffner, D., Kortet, R., Niemelä, P. T., Kavelaars, M. M., Monk, C. T., Pykälä, M., & Kurvers, R. H. J. M. (2026). High-precision tracking of human foragers reveals adaptive social information use in the wild. Science, 391, eady1055. https://doi.org/10.1126/science.ady1055 

 

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