Entwicklung von Entscheidungsprozessen über die Lebensspanne

 

Kognitive Fähigkeiten, Emotionsregulation und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, werden durch Erfahrungen geprägt. Das gilt für das gesamte Leben, insbesondere aber für die sensiblen Entwicklungsphasen im Kindes- und Jugendalter. Wir untersuchen, wie Alltagserfahrungen und soziale Beziehungen Lern- und Entscheidungsstrategien im Laufe des Lebens beeinflussen und wie junge Menschen im Laufe ihres Heranwachsens mit ungewissen Entscheidungen umgehen.

 

Statistik gesammelter Erfahrungen: Muster erkennen

Menschen lernen aus Erfahrung. Besonders in der Kindheit und Jugend prägen Erfahrungen die Denkweise, das Handeln und die Interaktion mit der Umwelt. So entwickeln Jugendliche zum Beispiel eine stärkere Neigung, Risiken einzugehen, wenn sie positive Erfahrungen mit Risiken machen. Solche Lernerfahrungen können das Verhalten auch noch im Erwachsenenalter prägen. Frühe Entwicklungsphasen wirken sich also auf das ganze Leben aus.  

Wir untersuchen, warum früh im Leben gemachte Erfahrungen so langfristige Auswirkungen haben. Wir vermuten, dass sich das Gehirn an die statistischen Muster der gesammelten Erfahrungen anpasst, also zum Beispiel, wie oft das Eingehen eines Risikos zu einem positiven Ergebnis führt. Daraus ergibt sich ein Sinn dafür, was sicher und was riskant ist, wem man trauen kann, wann es sich lohnt, in Ziele zu investieren, worauf man seine Aufmerksamkeit richten sollte und wie man seine Impulse reguliert.

Um das zu untersuchen, nutzen wir eine Kombination aus Computermodellen, Verhaltensexperimenten und Quer- und Längsschnittstudien, mit deren Hilfe wir erforschen, wie frühe Erfahrungen spätere Gewohnheiten prägen. 

Wir möchten herausfinden, wann frühe Erfahrungen den Menschen zugutekommen und wann sie nicht mehr hilfreich sind, beispielsweise wenn sich die Umwelt zwischen dem Jugend- und Erwachsenenalter verändert und was früher gut war, heute nicht mehr stimmt.

 

Simon Ciranka: How Brains, Peers, and Environments Fuel Risky Behaviors in Teens

 

Entscheidungsstrategien entwickeln

Die Schule abbrechen und eine Band oder ein Start-up gründen? Führt das zu einem besseren Leben? Vermutlich nicht, auch wenn man es nicht mit Gewissheit sagen kann. Jede Entscheidung ist mit Ungewissheit verbunden, niemand kann die Zukunft vorhersagen. Das gilt zwar grundsätzlich, jüngere Menschen stehen aber vor einer zusätzlichen Schwierigkeit: Viele Situationen sind neu für sie, sie können daher nicht auf frühere Erfahrungen zurückgreifen. Wir untersuchen, wie sich die Strategien, die Kinder und Jugendliche nutzen, um mit Ungewissheit umzugehen, von Erwachsenen unterscheiden, wie sich die Strategien im Laufe des Lebens verändern und was die Veränderungen über die Herausforderungen aussagen, die die jungen Menschen zu meistern versuchen.

Im Laufe ihres Heranwachsens entwickeln Kinder und Jugendliche ihre kognitiven Fähigkeiten weiter. Sie können daher ihre Strategien gut anpassen und Entscheidungen mit ungewissem Ausgang flexibel angehen. Jugendliche orientieren sich stark an ihren Altersgenossen, was möglicherweise eine adaptive Strategie ist, um sich bei schwierigen Entscheidungen von Altersgenossen leiten zu lassen. Wir untersuchen, wie sich die Strategien parallel zu den Veränderungen der Umwelt entwickeln. Damit möchten wir den Jugendlichen helfen, gute Entscheidungen zu treffen und den Umgang mit Ungewissheit beim Übergang ins Erwachsenenalter zu bewältigen. 

 

Gewolltes Nichtwissen

Kinder scheinen einen unermüdlichen Wissensdurst zu haben, neugierig erkunden sie die Welt. Es hat einen guten Grund, weswegen sie dauernd „Warum?“ fragen: Kinder müssen noch viel lernen, um sich in der Welt zurechtzufinden. Im Laufe des Heranwachsens zeigt sich allerdings, dass man manche Dinge lieber nicht wissen will. Es kann um Banalitäten gehen, wie der Ausgang eines Films oder um gravierende Sachverhalte, wie das genetische Risiko für eine schwere Krankheit. 

Wir untersuchen, wie Kinder sich von grenzenloser Neugier zu der Einsicht gelangen, dass Wissen auch Nachteile haben kann, weswegen man sich manchmal bewusst für Nichtwissen entscheiden. Nichtwissen kann vorteilhaft sein: Es schützt die eigenen Gefühle, spart mentale Ressourcen, bringt Überraschung und Spannung ins Leben und erleichtert einen fairen Umgang mit anderen. Bewusstes Nichtwissen setzt jedoch bestimmte kognitive Fähigkeiten voraus, darunter ein Bewusstsein für die eigenen Denkprozesse, Emotionsregulation und die Fähigkeit, sich sein zukünftiges Ich vorzustellen. Wenn Kinder etwa bewusst darauf verzichten, ein Geschenk zu öffnen, nutzen sie „gewolltes Nichtwissen“, um sich die Überraschung für später aufzuheben. Sie zeigen damit, dass sie ihre Neugier zügeln und ihre Gefühle vorhersehen können. Aus dieser Perspektive des gewollten Nichtwissens erklärt sich, warum kindliche Neugier im Laufe des Heranwachsens nachlässt.

 

Evolutionäre und entwicklungsbedingte Wurzeln der Entscheidungsfindung

 

Ungewissheit ist von zentraler Bedeutung für alle adaptiven Entscheidungen, die menschliche und nicht-menschliche Tiere treffen, einschließlich der Wahl des Futterplatzes, der Partnerwahl und des Umgangs mit gefährlichen Situationen. Wir untersuchen die evolutionären und entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln der menschlichen Risikopräferenzen, des Denkens und der Entscheidungsfindung, indem wir den Menschen mit anderen Tieren vergleichen - vor allem mit Schimpansen, den nächsten lebenden Verwandten des Menschen. Außerdem untersuchen wir, wie sich Kinder in verschiedenen Gesellschaften entwickeln.

 

Literatur

  • Ciranka, S., Chevallier, C., & Nettle, D. (2025). Low socioeconomic status amplifies the perceived rarity of large rewards. Cognition, 270, 106409. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2025.106409
  • Ciranka, S., & Hertwig, R. (2023). Environmental statistics and experience shape risk-taking across adolescence. Trends in Cognitive Sciences, 27(12), 1123–1134. https://doi.org/10.1016/j.tics.2023.08.020
  • Ciranka, S., & van den Bos, W. (2021). Adolescent risk-taking in the context of exploration and social influence. Developmental Review, 61, 100979. https://doi.org/10.1016/j.dr.2021.100979
  • Ciranka, S., & van den Bos, W. (2025). Internal uncertainty impacts social information use in risky choice across adolescence. Communications Psychology, 3, 137. https://doi.org/10.1038/s44271-025-00314-6
  • Giron, A. P., Ciranka, S., Schulz, E., van den Bos, W., Ruggeri, A., Meder, B., & Wu, C. M. (2023). Developmental changes in exploration resemble stochastic optimization. Nature Human Behaviour, 7, 1955–1967. https://doi.org/10.1038/s41562-023-01662-1 
  • Haux, L. M., Engelmann, J. M., Arslan, R. C., Hertwig, R., & Herrmann, E. (2023). Chimpanzee and human risk preferences show key similarities. Psychological Science, 34(3), 358–369. https://doi.org/10.1177/09567976221140326
  • Haux, L. M., Engelmann, J. M., Herrmann, E., & Hertwig, R. (2021). How chimpanzees decide in the face of social and nonsocial uncertainty. Animal Behaviour, 173, 177–189. https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2021.01.015
  • Kerbl, L., Rahwan, Z., Hertwig, R., & Ciranka, S. (2025). More than incurious: The development of deliberate ignorance. Trends in Cognitive Sciences, 29(12), 1083–1085. https://doi.org/10.1016/j.tics.2025.09.015
  • Molleman, L., Ciranka, S., & van den Bos, W. (2022). Social influence in adolescence as a double-edged sword. Proceedings of the Royal Society B, 289, 20220045. https://doi.org/10.1098/rspb.2022.0045
  • Offer, K., Rahwan, Z., & Hertwig, R. (2024). Foucault’s error: The power of not knowing. European Review of Social Psychology, 1–36. https://doi.org/10.1080/10463283.2024.2383085 
  • Offer, K., Oglanova, N., Oswald, L., & Hertwig, R. (2025). Prevalence and predictors of medical information avoidance: A systematic review and meta-analysis. Annals of Behavioral Medicine, 59, kaaf058. https://doi.org/10.1093/abm/kaaf058
  • Pietraszewski, D., & Wertz, A. E. (2022). Why evolutionary psychology should abandon modularity. Perspectives on Psychological Science,17(2), 465–490. https://doi.org/10.1177/1745691621997113
  • Thoma, A. I., Newell, B. R., & Schulze, C. (2025). Emerging adaptivity in probability learning: How young minds and the environment interact. Journal of Experimental Psychology: General, 154(6), 1523–1544. https://doi.org/10.1037/xge0001747 
  • Thoma, A. I., & Schulze, C. (2024). Do children match described probabilities? The sampling hypothesis applied to repeated risky choice. Journal of Experimental Child Psychology, 251, 106126. https://doi.org/10.1016/j.jecp.2024.106126

 

 

Zur Redakteursansicht