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Einfache Regeln in einer komplexen Welt

Einfache Entscheidungsregeln – häufig „Heuristiken“ oder „Faustregeln“ genannt – können zu relativ guten und manchmal sogar besseren Ergebnissen führen als komplexe Strategien, die mehr Informationen auf kompliziertere Weise verarbeiten (Gigerenzer, Hertwig, & Pachur, 2011). Einfachheit und Genauigkeit schließen sich also nicht gegenseitig aus. Diese Einsicht führt zu neuen Fragen in der Debatte über menschliche Rationalität: Unter welchen Bedingungen kann eine Heuristik eine komplexe Entscheidungsregel (z.B. ein Bayes-Modell) übertreffen und unter welchen nicht?

Es wird zwar allgemein anerkannt, dass Heuristiken in einfachen, nicht-sozialen Entscheidungsdomänen durchaus erfolgreich sein können. Dass Heuristiken aber auch in komplexen sozialen Situationen gut funktionieren, wird kaum für möglich gehalten. Dahinter steht die Annahme, dass soziale Welten mit ihren kompetitiven und interagierenden Akteuren komplexer sind als nicht-soziale Domänen und dass deshalb auch komplexere Strategien notwendig sind. Unser Ansatz (Hertwig, Hoffrage, & the ABC Research Group, 2013) bietet eine Alternative zu dieser Sichtweise. Soziale Welten sind aufgrund der konkurrierenden Motive der Akteure sowie der häufigen Unvereinbarkeit von sozialen Zielen (z.B. Fairness vs. Maximierung) so komplex, dass Strategien, die eine Optimierung anstreben, unmöglich sind oder mehr Zeit oder Rechenleistung benötigen, als sie dem Entscheider zur Verfügung stehen. Deshalb sind Heuristiken notwendig. Heuristiken können aber nicht nur als Ersatz für komplexe Strategien fungieren, sie können auch eingesetzt werden, um auf effiziente Weise sozial relevante Ziele – wie zum Beispiel Transparenz, Fairness, und Schnelligkeit – umzusetzen.

Nehmen wir als Beispiel Eltern mit mehr als einem Kind. Wie sollen sie ihre begrenzten Ressourcen – Liebe, Aufmerksamkeit oder Zeit – verteilen? Die klassische (ökonomische) Antwort lautet: Maximiere! Theoretisch sollten Eltern jene Kinder bevorzugen, von denen sie vermuten, dass sie es später zu mehr Wohlstand bringen und den Eltern im Alter zur Seite stehen werden. Allerdings können Eltern natürlich nicht in die Zukunft schauen und berechnen, von welchem Kind sie mehr profitieren werden. In dieser ungewissen Situation verlassen sich viele Eltern auf eine einfache Regel, die gleichzeitig auch ihren Sinn für Gerechtigkeit befriedigt: Teile deine Ressource (z.B.: Zeit) gleichmäßig unter deinen Kindern auf.

Auf den ersten Blick sollte man meinen, dass Eltern, die dieser sogenannten 1/N-Regel folgen, eine gleiche Ressourcenverteilung erzielen. Tatsächlich findet man allerdings keine derartige Gleichverteilung: Zum Beispiel erhalten mittlere Kinder weniger zeitliche Zuwendungen als das älteste und das jüngste Kind (siehe Hertwig, Davis, & Sulloway, 2002). Diese ungleiche Verteilung wird umso stärker, je grösser die Familie ist und je mehr die Geschwister altersmäßig auseinanderliegen. Liegen den Eltern ihre Erstgeborenen und Nesthäkchen mehr am Herzen als die mittleren Kinder ‒ vielleicht, weil die ersteren reifer und die letzteren niedlicher sind? Man muss nicht zu diesen spekulativen inneren Motiven greifen, um komplexe, ungleiche Ressourcenverteilung zu erklären. Wie die Abbildung illustriert, führt die Anwendung der 1/N-Regel und deren Zusammenspiel mit den Bedingungen der spezifischen familiären Umgebung (z.B. Anzahl der Kinder, zeitlicher Abstand zwischen den Kindern) zu systematisch unterschiedlichen Verteilungsmustern. Die 1/N-Regel kann sowohl eine gleiche wie auch eine ungleiche Ressourcenverteilung zur Folge haben (vgl. Familien mit zwei und drei Kindern). Einen relativen Nachteil haben die mittleren Kinder deshalb, weil diese die Eltern nie für sich allein haben. Im Gegensatz zum ältesten und jüngsten Kind müssen sie diese immer mit mindestens einer Schwester oder einem Bruder teilen. So produzieren Eltern auch dann Ungleichheit, wenn sie bemüht sind, ihre Ressourcen fair zu verteilen. Dieses Analyse zeigt, dass man mithilfe einfacher Heuristiken erstaunlich komplexe und kontraintuitive Verhaltensweisen einfach erklären kann (siehe Hertwig et al., 2002).

Systematisch unterschiedliche Verteilungsmuster
bei Anwendung der 1/N-Regal

Systematisch unterschiedliche Verteilungsmuster bei Anwendung der 1/N-Regel (nac
© MPI für Bildungsforschung

Literatur

Hertwig, R., Hoffrage, U., & the ABC Research Group. (2013). Simple heuristics in a social world. New York: Oxford, UK: Oxford University Press.

Gigerenzer, G., Hertwig, R., & Pachur, T. (2011). Heuristics: The foundations of adaptive behavior. Oxford, UK: Oxford University Press.

Hertwig, R., Davis, J. N., & Sulloway, F. J. (2002). Parental investment: How an equity motive can produce inequality. Psychological Bulletin, 128, 728–745.

Reference

Hertwig, R., Hoffrage, U., & the ABC Research Group. (2013). Simple heuristics in a social world. New York: Oxford University Press.

Simple heuristics in a social world | Buchcover