Monografien und Herausgaben 2019 - 2020


Ute Frevert, <em>The Politics of Humiliation: A Modern History</em>. Oxford: Oxford University Press.
Ob Pranger oder Prügelstrafe – viele Rituale öffentlicher Demütigung wurden seit der Aufklärung in Frage gestellt, gemildert oder abgeschafft. Und doch blieben Demütigung und Beschämung zentrale Mittel der Machtausübung in Kindererziehung, Strafrecht und Politik – dies zeigt Ute Frevert in einem Gang durch 250 Jahre moderner Geschichte. mehr
Bettina Hitzer, <em>Krebs Fühlen. Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts</em>. Stuttgart: Klett-Cotta, 2020.
Die Diagnose "Krebs" war früher ein Todesurteil. Heute ist dies nicht mehr der Fall. Es dauerte lange, bis Ärzte, Krankenschwestern, Krebspatienten und ihre Angehörigen sich auf ihre Gefühle einließen, die Krebskrankheiten auslösen: Zuversicht, Lebensangst, Lebensfreude, Verzweiflung, Mut, Trauer, Leid, Apathie. Bettina Hitzer schildert, wie es zu dieser Gefühlsrevolution in Medizin und Gesellschaft kam. mehr
Bettina Hitzer u.a., Themenheft "Tech Fear", <em>TG Technikgeschichte</em>, 86, Heft 3 (2019).

Angst vor Technologie hat einen schlechten Ruf. Technophobie gilt als irrational, unbegründet und innovationsfeindlich. Doch das Verhältnis zwischen Angst und Technologie ist vielschichtiger, wie der Band unter dem neu geprägten Begriff Technik-Angst nachzuzeichnen vermag. Anhand von Beispielen aus den USA, Japan und Deutschland zeigt er, wie Technik-Angst Entwicklung, Design, soziale Akzeptanz und Gebrauch von Technik historisch beeinflusst hat. Zugleich ist die Geschichte der Angst, unser Verständnis von Angst ebenso wie unser Umgang mit ihr, in hohem Maße und auf vielfältige Weise geprägt von der Angst, die Menschen gegenüber Technik empfinden.

mehr
Margrit Pernau, <em>Emotions and Modernity in Colonial India</em>. <em>From Balance to Fervor.</em> Delhi: Oxford University Press, 2019.

Im Buch werden die Erfahrungen, die Interpretationen und die Praktiken von Emotionen in Indien zwischen 1857 und dem Ersten Weltkrieg untersucht. Die Studie stützt sich auf einen großen Korpus von Quellen in Urdu, von denen manche zum ersten Mal untersucht wurden. Die konsultierten Quellen reichen von philosophischen und theologischen Abhandlungen zu Fragen von Moral über Ratgeberliteratur, Zeitungen und Zeitschriften, Kinderliteratur und nostalgischen Beschreibungen der höfischen Kultur sowie Predigten bis hin zu psychologischen Essays. Seit langen wurde die Moderne als Prozess angesehen, der mit einer zunehmenden Kontrolle von Emotionen einherging. Diese Kontrolle wurde mit dem Kapitalismus und dem modernen bürokratischen Staat in Verbindung gebracht, wodurch sich die externen Kontrollmechanismen in das Subjekt hinein verlagerten.Die Fallstudien in diesem Buch zeigen, dass diese Disziplinierung zusammen mit der Transformation vom Ideal der Balance und Harmonie hin zum Wunsch nach starken, viszeralen und sogar unzähmbaren Leidenschaften, die die Jugendlichkeit und die Energie der Gemeinschaft ausdrücken, betrachtet werden muss. Männer (und wenig später auch Frauen) strebten mehr und mehr nach diesen starken Emotionen und versuchten diese auch in andere einzupflanzen und entwarfen neue Sprachen und Praktiken und diese Gefühle herbeizuführen.

Benno Gammerl, Philipp Nielsen, Margrit Pernau (eds), <em>Encounters with Emotions: Negotiating Cultural Differences since Early Modernity. </em>New York: Berghahn Books, 2019.<em><br /></em>

Encounters with Emotions untersucht Erfahrungen von transkulturellen persönlichen Begegnungen vom 17. Jahrhundert bis heute, die von Europa über Asien bis zum Pazifik reichen. Das Augenmerk des Buches liegt dabei auf den emotionalen Dynamiken, die diese Begegnungen formten. Jede einzelne Fallstudie des Bandes erforscht faszinierende historiographische Fragen zu den Strategien, die Menschen nutzten, um die Gefühle der Anderen zu verstehen. Es wird auch nach der Rolle der Emotionen bei der Störung von  Kommunikation über kulturelle Grenzen hinweg gefragt. Zusammen erkunden die Beiträge die kulturellen Aspekte von Natur und die körperlichen Dimensionen von Erziehung. Sie zeichnen die historischen Pfade nach, die unser Verständnis heutiger kultureller Grenzen sowie die Auswirkungen der Globalisierung formen.

Ute Frevert,<em> Kapitalismus, Märkte und Moral.</em> Wien: Residenzverlag, 2019.

Ausgehend von aktuellen Forderungen nach einem „moralischen Kapitalismus“  fragt Ute Frevert nach dem historischen Verhältnis von Kapitalismus und Moral. Verstand und versteht sich der Kapitalismus selber als „moralische Ökonomie“? Oder wurde ihm die Moral von außen verordnet, mit welchen Folgen? Moralische Interventionen, so die These, haben den Kapitalismus fortlaufend verändert – und sein Überleben gesichert. 

Ute Frevert spannt den Bogen von Robin Hood über Karl Marx bis zu Papst Franziskus und Bernie Sanders, von der Genossenschaftsbewegung über die Steuerprogression bis zu den französischen Gelbwesten. Moralische Gefühle – Empathie, Solidarität, Fairness, Gerechtigkeit – werden hier zur politischen Antriebskraft, die die kapitalistische Ordnung herausfordert und transformiert.

mehr
<p><a class="external" href="#__target_object_not_reachable"> Ute Frevert (ed.),  <em>Moral Economies. </em>Göttingen: Vandenhoeck &amp; Ruprecht, 2019. (Geschichte und Gesellschaft: Sonderheft No. 26).</a></p>
Gibt es eine moralische Ökonomie des Kapitalismus? Der Begriff „moralische Ökonomie“ stammt aus einer vorkapitalistischen Zeit und bezeichnete nicht das, was wir uns heute unter Ökonomie vorstellen. Erst im 19. Jahrhundert verengte er sich auf die Produktion und Zirkulation von Waren und Dienstleistungen. Zugleich nahm er einen deutlich kritischen Ton an: Wer damals von moralischer Ökonomie sprach, zeigte in der Regel anklagend auf die moderne Wirtschaftsform, der es angeblich an Moral mangelte. Auch gegenwärtig wird die Frage nach der Moral des Kapitalismus häufig gestellt und kontrovers diskutiert. Das Buch greift in diese Diskussion ein. Anhand historischer Fallstudien aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert führt es vor, wie stark ökonomische Tätigkeiten und Entscheidungen von moralischen Gut-Böse-Klassifikationen durchsetzt waren. Es zeigt darüber hinaus, wie kraftvoll die klassisch-antike Vorstellung eines „eingebetteten“ Wirtschaftens in der Moderne fortwirkt. Vorbild war dabei oft der private Haushalt, in dem sich moralische, soziale und ökonomische Handlungsmotive sicht- und erfahrbar verschränkten. Noch die Do-It-Yourself-Bewegung des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts richtete sich an diesem Modell aus und verband damit zugleich eine moralische Kritik des Kapitalismus.
Hitzer, B. &amp; Geisthövel, A. (Hg.), <em>Auf der Suche nach einer anderen Medizin - Psychosomatik im 20. Jahrhundert.</em> Frankfurt: Suhrkamp, 2019.

Was Psyche und Körper stark macht… Schlagzeilen wie diese begegnen uns heute überall. Rückenschmerzen, Atemnot, Hautausschlag – viele körperliche Beschwerden schreiben wir  emotionalen Konflikten, mangelnder Achtsamkeit oder Dauerstress zu. Doch woher stammen derartige Vorstellungen von Psychosomatik?

Dieses Buch bietet erstmals einen Überblick über die Geschichte der psychosomatischen Medizin in Deutschland. Pointierte Einzeldarstellungen präsentieren ein Panorama, das neben den Spielarten der Psychosomatik im 20. Jahrhundert auch die Suche nach einer Medizin zeigt, die sich als menschlichere Alternative zur modernen, vermeintlich seelenlosen Apparatemedizin verstand.

Zur Redakteursansicht