Monografien und Herausgaben 2021

Dieses Buch der Elements Serie bringt die Geschichte der Emotionen und der Zeitlichkeit zusammen und bietet eine neue Perspektive auf beides. Zeit wurde oft als eine Bewegung von der Vergangenheit in die Zukunft vorgestellt: Die Vergangenheit ist vergangen und die Zukunft noch nicht da. Nur die Subjekte der Gegenwart konnten Beziehungen zu anderen Zeiten herstellen, die Geschichte aufarbeiten und die Zukunft imaginieren und antizipieren. Angelehnt an die Betonung des porösen Selbst, das sich durch Emotionen konstituiert, die nicht innerhalb, sondern zwischen den Subjekten angesiedelt sind, plädiert dieses Buch für eine poröse Gegenwart, die offen ist für die Intervention von Geistern, die aus der Vergangenheit und aus der Zukunft kommen. Sowohl der Fluss zwischen den Zeiten als auch die Grenzen, die die Geister erst verbannen und dann ihre Existenz leugnen gilt es zu untersuchen. Die Emotionen sind das wichtigste Mittel, durch das sich die Subjekte in der Zeit verorten und verstehen.
Ute Frevert gab der Sozial- und Geschlechtergeschichte durch richtungsweisende Publikationen wichtige Impulse. Schon früh hat sie dabei auch die geschichtsbildende Kraft einzelner Gefühle herausgearbeitet und deren historische Gebundenheit untersucht. In ihrem neuesten Buch präsentiert sie eine sorgsam komponierte Auswahl von programmatischen Aufsätzen, anregenden Einzelstudien und bislang unveröffentlichten Vorträgen aus drei Jahrzehnten, die von der Macht der Gefühle in der Geschichte zeugen und den Reiz wie den Wert der Emotionsgeschichte belegen.

Gefühle sind uns angeboren und waren immer gleich? Mitnichten. Erst in der Auseinandersetzung mit ihrer sozialen und kulturellen Umgebung lernen Kinder, wie und was man fühlen darf und wie man diese Gefühle ausdrücken kann.
Die 13 Autorinnen und Autoren zeigen, dass sich Gefühle und Vorstellungen vom „richtigen Fühlen“ in den vergangenen 150 Jahren massiv gewandelt haben. Dazu nutzen sie Kinderbücher und Ratgeber, denn Kinder beobachten nicht nur das Verhalten von Anderen. Sie orientieren sich auch an fiktiven Gestalten, die ihnen in Geschichten und Filmen begegnen.



Sexualaufklärungsfilme versuchten über das gesamte 20. Jahrhundert hinweg, Einstellungen und Verhalten der Menschen zu formen. Sie zirkulierten ins europäische Ausland, in die USA und zurück. Ihr visueller und erkenntnistheoretischer Referenzrahmen waren die Wissenschaften der Medizin, Pädagogik und Psychologie, was sich auch in der Zuschauer*innenforschung spiegelte. Im Namen der Gesundheit des Körpers wurden stets Gefühle eingesetzt, doch die emotionale Kultur veränderte sich. Im Ersten Weltkrieg sollte Wissen über Syphilis Angst erzeugen und so Soldaten von ungeschützten Sexualkontakten abhalten. Im Weimarer Kino wurde die Bevölkerung gegen eine „falsche Scham“ mobilisiert. Im Frontkino des Nationalsozialismus wurde die Angst durch ein unbedingtes Vertrauen ersetzt. Während der Besatzungszeit wurde Verständnis gefordert, gerade für die junge Generation. Diese sollte dann durch „positive Emotionen“ in der DDR zur „sozialistischen Persönlichkeit“ erzogen, in der BRD zur Selbstführung befähigt werden. Die AIDS-Bekämpfung ließ die Gefühle mit dem zu vermittelnden Wissen verschmelzen. So erzählt die Geschichte des Sexualaufklärungsfilms nicht nur von der Konstituierung, sondern auch von der Steuerung einer globalen Mediengesellschaft. Anja Laukötters Habilitation wurde mit dem Otto-Hintze-Preis der Claudia-und-Michael-Borgolte-Stiftung ausgezeichnet und ist nun als Buch erschienen.

Von heimlichen Begegnungen bis zum Christopher Street Day, vom §175 bis zur Ehe für alle – die Wege schwulen und lesbischen Lebens in Deutschland waren steinig, und sie sind bis heute weniger geradlinig, als unsere Vorstellung von Liberalisierung vermuten lässt. Benno Gammerl legt die erste umfassende Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik vor. Eindringlich beschreibt er die Lebens- und Gefühlswelten von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen seit den 1950er Jahren und lässt Männer und Frauen verschiedener Generationen zu Wort kommen. Ein lebensnaher und einsichtsreicher Blick auf eine spannende Geschichte, der Historikerinnen und Historiker bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.
Zur Redakteursansicht