Politik mit Gefühl

Wie Institutionen Emotionen formen

CHRISTO AND JEANNE-CLAUDE: Wrapped Reichstag, Berlin 1971-95

Haben Emotionen in der politischen Auseinandersetzung ein Wörtchen mitzureden? Und wenn ja, wie weit sollte ihr Einfluss gehen? Wäre es nicht besser, sie würden von der Politik ferngehalten? Aus den aktuellen Debatten zum Populismus, insbesondere dem nach wie vor virulenten 'Trumpismus‘, sind diese Fragen nicht wegzudenken. Der Stil des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wird als hemmungslos emotionalisierend kritisiert. Im Gegensatz dazu wird die deutsche Bundeskanzlerin gerne wohlwollend als 'analytisch‘ oder 'kopfgesteuert‘ bezeichnet.

Dieses Gegensatzpaar aus Vernunft und Gefühl, das den politischen Diskurs seit dem späten 18. Jahrhundert begleitet, ist verführerisch, aber mit Vorsicht zu genießen, denn es verrät wenig über Gefühle, aber viel über Elitenbildung und Machtstrukturen. Politik, so hieß es damals, sei eine Domäne rationaler und gebildeter Männer, in der als emotional verschriene Menschen, wie Frauen, das Proletariat, people of colour und Kinder, nichts verloren hätten. Im Kontrast zwischen Donald Trump und Angela Merkel scheinen diese Einschätzungen wieder auf, wenn diesmal auch, ironischerweise, mit vertauschten Rollen.

"Feeling Political"

Was heißt es, 'politisch zu fühlen‘? Man kann durch Politik sicher emotional bewegt werden, aber kann man auch durch Emotionen politisiert werden? Um sich diesen Fragen zu nähern, entwirft das Gemeinschaftsprojekt auf der Grundlage empirischer Fallstudien eine emotionshistorische Perspektive auf die politische Geschichte Europas und Amerikas seit dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Eine Politik demokratischer Mitbestimmung, so der Leitgedanke, beruht darauf, dass Emotionen mobilisiert, geteilt, kommuniziert und verhandelt werden. Sei es, dass die politische Mitbestimmung durch soziale oder politische Bewegungen erfolgt, durch Clubs und Vereinigungen, Parlamente oder die Medien – politisches Interesse und Engagement basieren maßgeblich auf der Empfindung, dass Bürger zu einer gemeinsamen Sache ihren Beitrag leisten können. Dieses Gefühl be- und entsteht nicht nur in liberalen Demokratien, sondern auch in faschistischen oder sozialistischen Systemen; es betrifft Bürger*innen und Wähler*innen sowie Beamt*innen und Amtsträger*innen; es ist auf lokaler und regionaler Ebene ebenso vorzufinden wie auf nationaler und internationaler; es durchdringt die Gesellschaft in Friedens- wie in Kriegszeiten. Bemerkenswert ist jedoch, dass – emotionshistorisch betrachtet – keine lineare Entwicklung von Emotionalität zur Rationalität – mit einer gelegentlichen Eruption als Ausnahme, die die Regel bestätigt – stattfand, sondern es sich nahezu umgekehrt verhielt: Je mehr Menschen an Politik teilhaben konnten, desto mehr spielten Emotionen eine Rolle.

Institutionen

Methodisch lässt sich die zentrale Rolle politischer Emotionen über den Zugriff der ‚Institution‘ untersuchen, deren Definition bewusst weit gedacht ist: Kann es sich dabei einerseits um formale Strukturen wie Parlamente, die Justiz oder Regierungsorganisationen handeln, so fallen andererseits auch informelle Zusammenkünfte wie Gesangsvereine, Sportclubs, religiöse Gruppierungen oder Freunde und Familien darunter.

"Templates"

Daraus leitet sich die Hauptthese des Projektes ab: Gefühle in der Politik und für die Politik sind weder individuell noch einzigartig. Sie konstituieren sich durch gemeinsame Haltungen und Handlungen, die durch Institutionen geformt werden. Institutionell gebundene Verhaltensmuster (‚emotional templates‘) aktivieren und lenken Menschen und ihre emotionalen Repertoires in Richtung eines spezifischen politischen Anliegens.

Institutionen vermitteln ihren Angehörigen mithilfe visueller, akustischer und räumlicher Instrumente und Medien Regeln und Normen für Gefühlsäußerungen. Emotionen werden auf diese Weise zum konstitutiven Element von Institutionen. So wie Emotionen an politische Institutionen herangetragen werden, so prägen umgekehrt eben jene Institutionen die Emotionen. Diese Wechselwirkung zwischen 'politischem Fühlen‘, 'politischen Gefühlen‘ und 'politischen Organisationen und Institutionen‘ bilden das Fundament politischer Partizipation in der Moderne.




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