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Emotionen und Temporalitäten. Das Konzept der "Modernität" in Urdu, 1900-1960

Das Interesse an der Erforschung der Erzeugung  kolonialen Wissens hat eine reichhaltige Forschung hervorgebracht. Weniger zahlreich hingegen sind Untersuchungen zur Einbettung dieses Wissens in die vernakularen Diskursen und seine daraus folgende Veränderung. Im Zentrum dieses Forschungsprojektes steht der Begriff der Modernität in Urdu von der Jahrhundertwende bis in die 1960er Jahre in Indien und in Pakistan. Es bringt die Gefühlsgeschichte und die Geschichte der Temporalitäten zusammen, indem es die Emotionen untersucht, die durch die Interpretation der Gegenwart und die Vorstellung der Zukunft zugleich hervorgerufen wurden und diese prägen.  

Ziel des Projektes ist es, die Methodologie der Begriffsgeschichte auf drei Wegen zu erweitern: Erstens, der Begriff der Moderne  wurde nicht ins Urdu übersetzt und erst sehr spät auf Englisch verwendet. Wie sieht das semantische Netz aus, das den zeitgenössischen Akteuren ermöglichte, über die Gegenwart und die Zukunft zu sprechen, über ihre Untersuchung und ihre Anforderungen, über die Aufgaben, die sie mit sich bringen und die Emotionen und die Leidenschaften, die sie hervorrufen? Wie sind die Begriffe von Fortschritt und Niedergang, aber auch von Jugend und Alter, Licht und Dunkelheit, Hoffnung und Verzweiflung und Stolz und Scham mit der Vorstellung von Moderne verknüpft?

Zweitens: "Moderne" wurde nicht nur in unterschiedlichen Begriffen, sondern auch in getrennten Diskursen verhandelt und führte zu unterschiedlichen Emotionen. Anders als bei umkämpften Begriffen beziehen sich diese Ausführungen nur selten aufeinander. Wie können wir das Feld so vermessen, dass die Brüche und Widersprüche – die in Verbindung zu unterschiedlichen sozialen Gruppen aber auch zu unterschiedlichen Genres stehen können – stehen bleiben können, ohne dabei auf Argumente und Narrative auf einer allgemeineren Ebene zu verzichten?

Und letztlich: Begriffe sind nicht ausschließlich - vielleicht sogar nicht einmal in erster Linie - durch Worte geprägt. Das gilt besonders für das 20. Jahrhundert. Wie können wir Bilder und Filme für die Interpretation der Moderne durch die Akteure einbeziehen?

Literatur

  • Pernau, M. (in press). Die gefühlte Moderne: Emotionen und Begriffsgeschichte. Geschichte und Gesellschaft.
  • Pernau, M., & Rajamani, I. (2016). Emotional translations: Conceptual history beyond language. History and Theory, 55, 46-65. doi:10.1111/hith.10787

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