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Raum und Emotionen

Jüngere Debatten in den Kulturwissenschaften haben den Körper in den Vordergrund gerückt – ohne ihn jedoch zu universalisieren. Stattdessen wurde konsequent betont, dass jeder Körper geprägt und hervorgebracht wird von historisch kontingenten Erfahrungen, die ihrerseits sozial und kulturell mediatisiert sind. Emotionen werden dergestalt nicht nur durch den Körper ausgedrückt, sondern auch durch ihn gelernt. Der Körper ist nicht das Gegenteil von Kultur, sondern der Ort, an dem Kultur wirksam wird.
Diese Hinwendung zum Körper fordert eine neue Betonung von Raum und Räumen. Körper sind notwendigerweise im Raum situiert und sie werden geformt von den Räumen, durch die sie sich bewegen und bewegten. Vermittelt durch den Körper mit seinen Sinnen, rufen unterschiedliche Räume unterschiedliche Emotionen hervor. Dieses Verhältnis ist weder zufällig, noch ist es ein für alle Mal festgeschrieben: Emotionen, die an bestimmte Räume gekoppelt sind, können sich über die Zeit verändern und dieselben Räume können in verschiedenen Menschen sehr unterschiedliche Emotionen auslösen.

The Chandni Chowk from the top of the Lahore Gate of the Fort, the canal depicte
© The British Library Board, ADD. OR.4827

Jede Untersuchungen der Beziehung zwischen Raum und Emotionen muss nicht nur auf eine Vielzahl von Disziplinen zurückgreifen – von Memory Studies bis zu Soziologie und Geografie – sondern auch auf sehr unterschiedliche Quellengattungen. Neben schriftlichen Quellen, die Auskunft darüber geben, wie bestimmte Räume wahrgenommen, erfahren und gedeutet wurden und wie diese Bedeutungen in Praktiken umgesetzt wurden, gilt es geografische Karten heranzuziehen (und auf das Wissen der Kulturgeografie zurückzugreifen), sowie Bildmaterialien, Gemälde und Fotografien (und mit ihnen die Zugänge, die von der Kunstgeschichte und den Visual und Media Studies entwickelt wurden).
Die Herausforderung bei der Interpretation dieser Quellen liegt darin, dass sie aus verschiedenen Ebenen zugleich gelesen werden müssen. Die Kulturwissenschaften haben uns gelehrt, Karten und Bilder als Interpretationen und nicht als eins-zu-eins Abbildungen von Realität zu sehen, sowie als Möglichkeiten eine Vorstellung von der Welt zu erzeugen und durchzusetzen. Besonders für die Emotionsforschung eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit zu verstehen, wie Akteure Räume wahrnahmen und sich emotional zu ihnen in Beziehung setzten. Wenn wir jedoch die Materialität von Räumen ernst nehmen, führt uns das zurück zur Notwendigkeit einer klassischen Quellenkritik: Hatte der Autor einer Karte oder eines Gemäldes Zugang zu den Informationen, die er weitergab? Bestand ein bestimmtes Gebäude oder eine Straße in dieser Zeit und in dieser Form "wirklich"?
Mein Projekt verfolgt diese Fragen am Beispiel von Delhi von seiner Gründung im 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert und verknüpft dazu die Untersuchung von Karten, visuellen Quellen, der Geschichte des Klanges und Textquellen und fragt nach ihrer Intermedialität.

Literatur

  • Pernau, M. (2013). Ashraf into Middle Class. Muslims in Nineteenth century Delhi. Delhi: Oxford University Press.
  • Pernau, M. (2014). Space and emotion: Building to feel. History Compass, 12, 541-549.

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