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Kältestarre. Medien und Modi der Gefühllosigkeit in Europa 1790-1870

 "The feel of not to feel it, /When there is none to heal it/ Nor numbed sense to steel it,/ Was never said in rhyme."
John Keats, In Drear-Nighted December, 1817

Gäbe es Gefühle ohne Gefühllosigkeit? In welchen Milieus und Medien findet sich ein Mangel an Gefühl und welches sind die Modi seiner Darstellung? Und nicht zuletzt: Welche Begriffe –Empfindungslosigkeit, Gefühlskälte, Hartherzigkeit, Indifferenz, Rohheit, Abstumpfung – gibt es für die Abwesenheit von Emotionen?

Anhand verschiedener visueller und literarischer Medien, einschließlich populärer und Gebrauchsgattungen, untersucht dieses Forschungsprojekt Darstellungen, Repräsentationen und Performanzen von Gefühllosigkeit im langen 19. Jh. in Nordwest-Europa (insbes. Deutschland, England und Frankreich). Anhand der Analyse von Konstruktion, Aushandlung und Klassifikation von Emotionen durch und innerhalb verschiedener Medien und Diskursen liegt der Fokus des Projekts auf Konzepten der Individualität, Subjektivität, Gesellschaft und Gemeinschaft einerseits und auf Darstellungsmodi in der Ästhetik und Geschichtsschreibung andererseits. Kurz: Welche Rolle spielt Gefühllosigkeit in Ordnungs- und Klassifikationsprozessen von Menschen, Phänomenen, Wissen und Objekten. Platon definiert Empfindungslosigkeit als das "Entgehen" von Eindrücken, die "im Körper erlöschen, ehe sie zur Seele gelangen, sodass sie jene unteilnehmend lassen" (Philebos 33d), und damit als einen Prozess, der – im Gegensatz zum Vergessen, das einer ursprünglichen Erinnerung folgt – Erinnerung von Beginn an unterbindet; nach Adam Smith schwindet die Erinnerung an Schmerz im Moment seines physischen Verschwindens, und wie Platon unterscheidet Smith zwischen Zeugenschaft und der daraus folgenden möglichen, aber nicht notwendigen Beschreibung: Indem Empfindungslosigkeit Erinnerung und damit die Konservierung von Ereignissen verhindert, wird sie ex negativo Teil der – sprachlichen und visuellen – Ordnung von Wissen.

Enrique Simonet Lombardo, Una Autopsia (1890)
© Museo Nacional del Prado

Auf der Grundlage eines interdisziplinären Ansatzes, der sowohl literatur- und kulturwissenschaftliche als auch begriffsgeschichtliche Studien einbezieht, sollen die Konzepte, Narrative und die Rhetorik von Gefühllosigkeit erforscht werden. Damit einher geht ein Analyse der mit Gefühlsmangel assoziierten oder konnotierten sozialen Milieus und Zusammenhänge und die daraus resultierenden Implikationen für die Gestaltung von Staat und Gesellschaft hinsichtlich moralischer und ethischer Normativierungen, körperlicher und mentaler Disziplinierungen und der Verteilung und Struktur von Macht und Autorität. Insbesondere im Feld der Körpergeschichte erscheint hier eine weitere Korrelation beachtenswert: Mit der Einführung der Anästhesie, d.h., der neurologisch induzierten Gefühllosigkeit bzw. Taubheit, im Jahre 1842 wird der psychologischen Empfindungslosigkeit ein empirisches Pendant gegenüberstellt, was die Frage nach der Kategorisierung und Hierarchisierung der Gesellschaft auf die sinnlich-körperliche Ebene verlagert: Welche sozialen und individuellen Körper dominieren, welche werden dominiert? Wer durfte Empfindungen ausschalten? Wer sollte sie behalten und wer sich gegen deren Verlust wehren?

Hier offenbart sich die Relevanz und soziale Dimension von Gefühllosigkeit: Während Gefühle Menschen sozial miteinander vernetzen, gilt Gefühllosigkeit – sowohl als psychisches als auch als physiologisches Phänomen – als isolierender Faktor, der Menschen aus Beziehungen und dem Spiel aus Aktion und Reaktion ausschließt und ihnen Zuordenbarkeit verweigert – und diese Wahrnehmung von gefühllosem als a-sozialem Verhalten tritt in verschiedenen Varianten regelmäßig auf: So war für den Schotten Francis Hutcheson Gefühllosigkeit ein Beweis für den "plain neglect to the Good of others"(Inquiry, 1726); Karl Philipp Moritz beschrieb die "Ertötung" aller Gefühle als religiöses Ideal, das einen der Welt enthebt und die Vereinigung mit Gott möglich machen soll (Anton Reiser, 1782); für Charles Dickens war Gleichgültigkeit eine "looseness respecting everything" (Night Walks, 1857); und Prosper Mérimée schuf mit Carmen eine nach wie vor äußerst populäre Figur, die ihren eigenen Mord durch ostentativen Gefühlsmangel provoziert: "Jetzt liebe ich nichts mehr, und ich hasse mich, weil ich dich geliebt habe" (Carmen, 1847).

Aufgrund der vielfältigen Überschneidungen und Schnittmengen zwischen kulturellen, sozialen und künstlerischen Diskursen, zwischen verschiedenen Gruppen, Kontexten und Repräsentationsmodi, wird ein besonderer Schwerpunkt des Projektes auf multimedialen Vermittlungen und Akteuren liegen, auch und insbesondere im Hinblick auf die psychisch-physische Beziehung und das Konzept von Taubheit und Abstumpfung. Die Tatsache, dass Ästhetik (der Begriff existiert seit 1730) und Anästhesie den gleichen Wortstamm haben, weist darauf hin, dass Kunstrezeption an die Sinne gebunden ist und diese dementsprechend beeinflussen kann, sodass sich die Frage nach dem Gebrauch von Medien stellt: Kann Ästhetik oder generell Repräsentation – bspw. durch andauernde Wiederholungen – als psychisches oder soziales Anästhetikum genutzt werden? "One,", schrieb Adam Smith, "who has been witness to a dozen dissections, and as many amputations, sees, ever after, all operations of this kind with great indifference, and often with perfect insensibility" (Moral Sentiments, 1759). Und zuletzt: Kann dieser Betäubung auch ein der Selbstentleerung oder Gemütsruhe folgendes Lustgefühl innewohnen – wie bspw. im Zusammenhang mit Opium beschrieben (De Quincey, Confessions of an English Opium-Eater, 1821) –, ein Vergnügen, das sich paradoxerweise aus der Erstarrung, Stockung und Lustlosigkeit speist?