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Sehnsucht nach Zukunft. Jugend, Musik und Gefühlsbildung im geteilten Deutschland

„Fröhlich sein und singen“ war nicht nur der Titel eines der bekanntesten Pionierlieder in der DDR, es war zugleich Verpflichtung für die Kinder und Jugendlichen. Denn die Musik hätte – so das Statement der Musikpädagogen in der DDR - eine besondere emotionale, „bewusstseinsbildende“ und „persönlichkeitsformende“ Kraft. Damit begründeten sie die Indienstnahme der Musik in das staatliche Erziehungskonzept zur „allseits gebildeten sozialistischen Persönlichkeit“. Das gemeinsame Singen nahm als kollektive Praktik hierbei eine Schlüsselstellung ein. Das regelmäßige Singen eines verbindlich zu lernenden Liederkanons nicht nur in der Schule, jedoch vor allem innerhalb der organisierten Freizeitaktivitäten, sollte den Kindern und Jugendlichen nicht nur ideologische Grundsätze vermitteln.

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© Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv

Im Forschungsprojekt werden Traditionslinien bürgerlicher und sozialdemokratischer Gesangspraktiken und Musikerziehung im 19. Jahrhundert bis in die Zeit des Nationalsozialismus zusammengetragen. Daraufhin sollen im Vergleich zur Musikerziehung in der Bundesrepublik Deutschland bis Ende der 1960er Jahre Spezifika von Musikerziehung und jugendlicher Gesangspraktiken in der DDR beschrieben werden. Anhand der Analyse der Handreichungen für Musiklehrer und des verbindlichen Liedrepertoires werden zunächst politisch erwünschte Gefühlskonzepte rekonstruiert. Dazu gehören beispielsweise das Heimatgefühl, das Solidaritäts- und Kollektivitätsgefühl. Sind in dieser Ordnung der Gefühle Veränderungen erkennbar und was sagen diese über politische und gesellschaftliche Wandlungen in der DDR aus? Weiterhin werden Gesangspraktiken innerhalb der Freien Deutschen Jugend, der staatlichen Jugendorganisation, zusammengetragen. Strukturierte tatsächlich das gemeinsame Singen die alltäglichen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen und welche Emotionen sollten durch die Erfahrung gemeinschaftlichen Gesanges kommuniziert werden? In einem letzten Schritt werden alternative musikalische Praktiken jugendlicher Subkulturen in der DDR, wie Punk und Rock der 1960er, 1970er und 1980er Jahre zusammengetragen und im Vergleich zu Gesangspraktiken jugendlicher Protestbewegungen in der Bundesrepublik betrachtet. Daran wird noch einmal die Frage aufgegriffen, ob die Vermittlung von politisch erwünschten Gefühlskonzepten über den gemeinschaftlichen Gesang spezifisch für die Musikerziehung der DDR war.