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Rethinking History (Special Issue 2012)

Rethinking History | Rethinking History Cover

Dieses Themenheft eröffnet neue Perspektiven auf die Geschichte der Gefühle. Es konzentriert sich auf die Untersuchung gruppen- oder raumspezifischer Gefühlsstile, die innerhalb größerer sozio-kultureller Zusammenhänge miteinander interagieren.

In der Einleitung diskutiert Benno Gammerl zunächst verschiedene Begriffe ‘des Subjekts’ und seiner Handlungs-, respektive Wahlmöglichkeiten, die der Untersuchung emotionaler Stile zugrunde liegen können. Ferner fragt er nach der Bedeutung unterschiedlicher Gefühlsstile in der Geschichtsschreibung und danach, wie Historiker_innen mit ihren eigenen Emotionen umgehen können. Schließlich beschreibt Gammerl emotionale Stile als unterschiedliche Modi des Denkens über, Kultivierens von, Umgehens mit und des Ausdrucks von Gefühlen.
Darauf aufbauend analysiert Mark Seymour die verschiedenen Gefühlsstile, die 1879 während eines Mordprozesses in Rom aufeinander prallten. Seymour behauptet, dass Versuche, einen bestimmten emotionalen Stil durchzusetzen, die italienische Nationalstaatsbildung begleiteten. Tamara Loos konzentriert sich dagegen auf emotionale Gemeinschaften, die gängige nationale und rassische Grenzen überbrückten. Diese bildeten sich im Umfeld eines Verfahrens gegen einen siamesischen Ehemann wegen versuchten Mordes an seiner britischen Ehefrau im Singapur des frühen 20. Jahrhunderts heraus. Caroline Braunmühl verwirft die Vorstellung von auf vorgängigen Identitäten basierenden gruppenspezifischen Gefühlsstilen schließlich gänzlich. Dabei beruft sie sich auf eine performativitätstheoretische Analyse eines US-amerikanischen Gerichtsverfahrens von 1990, in dem eine chinesische Migrantin des Kindsmords beschuldigt wurde. Andere Beiträge konzentrieren sich dagegen stärker auf den Zusammenhang zwischen Gefühlsstilen und räumlichen Konstellationen, den man nach Andreas Reckwitz am besten mit praxeologischen Ansätzen erforschen kann. Diese begreifen beide Seiten der Verknüpfung als dynamische Größen, die permanent interagieren. In diesem Sinn untersucht Sally Newman die Verbindungen zwischen einer spezifischen emotionalen Praxis – ‘the crush’ –, die Formen zwischenfraulicher Intimität ermöglichte und förderte, auf der einen und einem bestimmten räumlichen und institutionellen Setting auf der anderen Seite. Das US-amerikanischen College für junge Frauen, dem sich Newman widmet, wurde um 1900 einerseits vom ‘crush’ geprägt, während es andererseits gleichzeitig diese emotionale Praxis prägte. Schließlich erkundet Josef Chytry raumspezifische Gefühlsstile, indem er Walt Disneys Karriere als Schöpfer von Milieus nachzeichnet, die darauf abzielten, Kreativität zu fördern und Glücksgefühle zu generieren. Die Beiträge zu diesem Themenheft zeigen, dass die Untersuchung von Wechselwirkungen und Interaktionen zwischen vielfältigen emotionalen Stilen unser Verständnis der diachronen Wandelbarkeit und der synchronen Verschiedenheit emotionaler Muster und Praktiken ein gutes Stück weit voranbringen kann.