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Räume der Entsorgung. Werte, Praktiken und Topographien von Müll (1880-1930)

Müll ist mehr als ein materielles Artefakt. Seine permanente Produktion durch die Menschheit macht ihn zu einem gesellschaftlichen Problem. Als solches ist Müll keine in sich geschlossene Entität, sondern Gegenstand moralischer, ökonomischer und politischer Konstruktionen. Müll ist damit verhandelbar. Welche Bedeutung Müll beigemessen wird, variiert und hängt vom jeweiligen sozioökonomischen Status des Betrachters sowie seiner moralischen Haltung gegenüber dem Akt des Wegwerfens ab.

Im Zusammenhang mit dem Aufkommen neuer Muster des Konsumverhaltens entwickelte sich Müll zum Ende des 19. Jahrhunderts zu einem gravierenden Problem urbaner Metropolen. Die verwobenen Prozesse von Migration, Urbanisierung und Industrialisierung bedingten diesen Wandel und trieben ihn voran. Die in den Großstädten aggregierten Menschenmassen und ihre desolaten Lebensbedingungen begünstigten Theorien moralischen Verfalls, die sich direkt gegen die Stadt als solche richteten. Müll rangierte weit oben auf der Liste der urbanen Übel, da Schmutz und Abfall als visuelle Marker fehlender Ordnung galten und als Bedrohung der öffentlichen Gesundheit betrachtet wurden. Wie aber wurde dieses Problem adressiert bzw. gelöst?

Beeinflusst von höheren Standards öffentlicher Gesundheit, kapitalistischer Effizienz und von technologischen Fortschritten wurden etablierte Vorstellungen von Müll und alltägliche Praktiken des Sortierens, Wiederverwertens und Entsorgens neu bewertet. Die Argumente, die unterschiedliche Expertengruppen vortrugen, waren nicht nur von technischer Art sondern zugleich moralisch aufgeladen und transportierten somit Überzeugungen einer hygienischen Idealstadt. Sozialreformerischer Druck und die desolaten Lebensbedingungen rückten Müll in den Fokus von Politik und Verwaltung. Dies führte gleichermaßen zur Transformationen städtischer Infrastrukturen, der Veränderung von Lebensbedingungen und der Überwachung alltäglicher Gewohnheiten der Müllentsorgung.

Das Projekt untersucht die Werte, Praktiken und Räumlichkeiten von Müll zwischen 1880 und 1930 in Berlin, Buenos Aires und New York. In der vergleichenden Betrachtung verschiedener Müllregime identifiziert die Studie konkurrierende Vorstellungen, umstrittene Praktiken und führende Akteure bei der Entwicklung städtischer Müllentsorgungssysteme und rekonstruiert die Entstehung moderner Ver- und Entwertungsketten.

Kontakt

Betreuer

Prof. Sebastian Conrad