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Geplante Liebe? Ratgeberkommunikation zu Ehe und Partnerschaft in der DDR

Dass sich glückliche, echte Liebe dank Familiengesetzgebung, Betreuungseinrichtungen und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der vielen berufstätigen Frauen in der DDR ungehinderter entfalten konnte als in der Bundesrepublik, gehörte zu den Standarderzählungen der ostdeutschen Nachkriegsöffentlichkeit. Dieses Narrativ speiste das Selbstbild vieler Ostdeutscher auch nach dem Zusammenbruch der DDR. Doch gibt es einen Unterschied zwischen den Emotionen im Staatssozialismus zu den Gefühlen im Kapitalismus? Dieses Promotionsvorhaben untersucht ostdeutsche Diskurse und Praktiken zur romantischen Liebe zwischen 1945 und 1990. Der darin gezeichnete Wandel offenbart genuin ostdeutsche Züge sowie gleichsam Ähnlichkeiten zu Entwicklungen in Westeuropa und den USA. Eine solche Untersuchung zur Formierung des Selbst – die sich eben auch durch das Lieben und die Vorstellungen zur Liebe vollzieht – ermöglicht eine genauere Beschreibung, warum und wie die Ostdeutschen in spezifischen Kontexten und bestimmten Momenten die staatssozialistische Moral akzeptierten, anzweifelten oder ablehnten.

Die Dissertation bedient sich eines praxeologischen Zugriffs auf die Geschichte der Gefühle. Sie stützt sich auf Ratgeberliteratur in Form von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen, vor allem aber auf die Leserbriefe, in denen sich Reaktionen und emotionale Dilemmata formuliert finden. Das Projekt folgt außerdem den Verweisen der Ratgeber auf Kunst und Literatur als mögliche Quellen eines Vokabulars für das Selbst. Auch alternative Lebensentwürfe und ihre Praktiken werden mithilfe der Texte von Dissidenten, Kirchengruppen oder der Bürgerbewegung untersucht. Dabei soll das Schreiben selbst als eine emotionale Handlung verstanden werden, die Emotionen benennt, kommuniziert, mobilisiert und reguliert. Lebens- und Liebesrat zu formulieren oder auf ihn zu reagieren, wies Gefühlen Bedeutungen zu und bezog wissenschaftliche Erkenntnisse sowie kulturelle Phänomene aus Ost und West ein. Die Schreiber konnten darin sowohl die ideologischen Vorgaben des Staatssozialismus stärken, als auch deren Gewissheit herausfordern. Anstatt der ostdeutschen Gefühlsgeschichte eine Liberalisierungserzählung bis 1990 einzuschreiben, untersucht dieses Projekt die Vielzahl von verknüpften Prozessen, in denen sich die Vorstellungen und Praktiken zur Liebe entwickelt haben. Eine Geschichte der Liebe eröffnet neue Perspektiven auf Selbstwahrnehmungen, Wertevorstellungen und Moralhaushalte sowie die daraus erwachsenen Handlungsmöglichkeiten der Ostdeutschen.

Kontakt

Betreuerin

Prof. Ute Frevert