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Faulheit, Fleiß und Selbstverwirklichung: Ethik und Psychologie der Arbeit im China der späten Kaiser- und frühen Republikzeit

Die späte Qing- und frühe Republikzeit (ca. 1895 – 1928) war eine Phase sozialer Umwälzungen, die für einige sozialen Abstieg bedeutete und für andere Aufstiegschancen versprach. Der Anspruch der Literati-Beamten – also der konfuzianischen Gelehrten, die das kaiserliche Beamtenprüfungssystem durchlaufen hatten – auf politische und epistemologische Macht wurde in Frage gestellt. Verlage schossen wie Pilze aus dem Boden und zahllose Zeitungen und Zeitschriften buhlten um LeserInnen. Mit Hilfe von Rhetorik und Bildern präsentierten diese Medien die prekäre geopolitische und ökonomische Lage Chinas als Anlass für persönliche Beschämung, während sie persönlichen Erfolg mit dem Ziel der Rettung der Nation verknüpften. Gleichzeitig lieferten Verleger und Journalisten Orientierung und Vorbilder in Form von verschiedenen Arten von Ratgeberliteratur, in denen die Themenkomplexe Arbeit und Arbeitsmoral eine zentrale Rolle spielten. Solche Texte spiegelten einerseits Standpunkte prominenter Intellektuellen wie Liang Qichao – beispielsweise zu Hygiene und Nationalcharakter – wieder, standen aber andererseits (zumindest vorgeblich) der alltäglichen Lebenswelt ihres Publikums näher. Mitunter kam dieses Publikum durch den Abdruck von Leserbriefen sogar selbst zu Wort.

Das Forschungsprojekt untersucht, wie Ratgeberliteratur auf konzeptueller und rhetorischer Ebene Faulheit, Fleiß, und Selbstverwirklichung miteinander in Beziehung setzt. Im Zentrum der Betrachtung steht die Analyse der semantischen Felder des Arbeitsdiskurses sowie der Momente konzeptionellen Wandels. Der begriffsgeschichtliche Zugriff wird ergänzt durch die Einbettung des Diskurses in die Entwicklung von Ratgeberliteratur als Genre, sowie durch eine Analyse von Autoren und der Leserschaft. Diese zweifache Kontextualisierung erschließt eine weitere Ebene von Forschungsfragen. Welchen Einfluss hatten ältere Moralbücher (shanshu 善書), die hauptsächlich im Daoismus und Buddhismus verwurzelt waren, sowie konfuzianische Konzepte und Wertvorstellungen (wie z.B. jingye 敬業– seine Pflichten respektieren)? Wie groß war die Bedeutungvon Übersetzungen und nicht-chinesischen Personen (z.B. als Vorbilder und Protagonisten in lehrreichen Anekdoten)? Welche Rolle spielten Gegenentwürfe zu Fleiß und Pro-Aktivität, etwa in Gestalt des Dandys oder des weisen Einsiedlers? Inwiefern dienten Arbeitsmoral und Einstellungen zu Arbeit dazu, Statusdistinktionen zu konstruieren und zu legitimieren und die gesellschaftliche Ordnung zu stabilisieren? Welches Verständnis der menschlichen Natur bzw. der emotionalen Bedürfnisse des Menschen liegen den untersuchten Texten zugrunde? Was sagt die Ratgeberliteratur über Wandel im Verhältnis zwischen den Generationen und zwischen Individuum und Gemeinschaft aus?

Ziel des Projektes ist insgesamt, Arbeit in einem Spannungsfeld zwischen Selbstvervollkommnung und nationalem Fortschritt, persönlichem Glück und sozialem Druck, Moralisierung und Psychologisierung zu verorten.

Betreuer

Prof. Sebastian Conrad