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Religiöse Tradition - säkulare Ethik? Transformationen tibetisch-buddhistischer Ethik im Südasien des zwanzigsten Jahrhunderts

Heutige Darstellungen des Buddhismus schwanken zwischen einer Rhetorik säkularer Ethik, Wissenschaft und Philosophie auf der einen, und Spiritualität, Hingabe und Exotik auf der anderen Seite. Tibetische Buddhisten und Anhänger des tibetischen Buddhismus spielen wichtige Rollen in der Verbreitung dieses Interpretationsspektrums. Die Gründe für dieses starke tibetische Engagement lassen sich aus der besonderen Geschichte des tibetischen Buddhismus im zwanzigstens Jahrhundert verstehen. Diese Geschichte dreht sich zwar um den Moment des indischen Exils 1959, muss jedoch weiter zurückverfolgt werden.

Im späten neunzehnten Jahrhundert kam es in Südasien, ausgehend von Sri Lanka und bald nach British Indien transportiert, zum sogenannten "Wiederaufleben des Buddhismus". Bereits sehr früh spielten Tibeter und tibetische Buddhisten dabei eine wichtige Rolle, da ihre Netzwerke Tibet mit dem indischen Subkontinent über Handel, Wallfahrt und Bildung verbanden. Koloniale und weltweite Vorstellungen von Tradition, Moderne und Fortschritt beeinflussten die Auseinandersetzungen und Neuverhandlungen buddhistischer Ethik - der individuellen Religiosität wie auch der buddhistischen Gesellschaft - in den buddhistischen Reformbewegungen. Mit dem Beginn des tibetischen Exils in Indien 1959 und der Verschlechterung indisch-chinesischer Beziehungen verhärtete sich die zuvor durchlässige Grenze zwischen Tibet und Südasien und unterband den ehemaligen Austausch. Überlegungen zu neuer buddhistischer Sozialethik, die bis dahin spekulativ geblieben waren, gewannen nun ungeahnte Bedeutung, da die tibetische Diaspora neuartige Institution und Praktiken der Regierung und Gemeinschaft schaffen musste. Im Projekt des Exilstaates wurden Sozialethiken formuliert und verwendet, die die buddhistische Tradition zwischen religiösem Traditionalismus und säkularer Modernisierung neu verhandeln.

Das tibetische Exil von 1959 wurde in der Forschung bislang häufig als radikaler Bruch beschrieben. Das vorliegende Projekt transzendiert diese Sichtweise, und fokussiert auf Kontinuitäten von Diskurs und Auseinandersetzung mit buddhistischer Sozialethik. Die Untersuchung transnationaler Verflechtungen tibetischer Reformer in den 1930ern bis 50ern ermöglicht es, ihren Einfluss auf die Re-formierung der tibetischen Gesellschaft im Exil in den 1960ern nachzuvollziehen. Die Analyse der umfangreichen Quellenbasis von Einzelveröffentlichungen, Reden und Zeitschriften sowie Regierungserklärungen und Lehrbüchern mit begriffsgeschichtlichen Methoden identifiziert wichtige Schlüsselbegriffe und Gefühle, welche die Basis der neuen Sozialethiken bilden. In einer Synthese der Erkenntnisse von Diaspora-Forschung und Gefühlsgeschichte wird die Exilgemeinschaft als Gefühlsgemeinschaft gesehen, die sich durch ihre besonderen emotionalen, diasporischen Praktiken rekonstituiert. Somit leistet das Projekt einen Vorstoß zur Gefühlsgeschichte des modernen Buddhismus und einen Beitrag zur Erforschung religiöser und sozialer Transformationsprozesse in Migration und Diaspora.

Betreuerin

Prof. Margrit Pernau