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Umkämpfte Solidarität. Moralische Ökonomien in der Gewerkschaftsbewegung der 1970/80er Jahre

Marie Schubenz (Förderung ausgelaufen, Betreuer: Prof. Alexander Nützenadel)

Als Teil des gesellschaftlichen Modernisierungsprozesses nach 1968 erfuhr die westdeutsche Gewerkschaftsbewegung in den 1970er Jahren einen Aufschwung. Die Bundesrepublik erlebte einen neuen Höhepunkt der Solidarität, während Auseinandersetzungen zugleich auf zeitgenössische Konfliktfelder verweisen. Herausgefordert wurden die Gewerkschaften nicht nur durch wirtschaftliche Krisen und die Entstehung post-fordistischer Arbeitsformen, sondern auch durch neue soziale Bewegungen und Akteure. Die Gewerkschaftsbewegung fungierte dabei als Schnittstelle für aufeinanderprallende, durch soziale Werte und Emotionen unterrichtete Praktiken.

Das Projekt untersucht, wie sich Konzepte und gesellschaftliche Bedingungen von Solidarität veränderten. Die Gewerkschaftsbewegung dient dabei als Brennglas, um unterschiedliche moralische Ökonomien dieser Zeit in ihrer Verbindung zu Institutionen zu analysieren. Einen Ausgangspunkt für die Untersuchung bilden die Arbeitskämpfe von Migranten und Migrantinnen mit einer Welle von "wilden Streiks" in den frühen Siebziger Jahren. Wie wurde hier das Spannungsverhältnis von Inklusion und Exklusion ausgehandelt? Wie wurden Vorstellungen vom jeweils "Anderen" transformiert? Ein weiterer Teil befasst sich mit der neuen Betonung von internationaler Solidarität nach dem Militärputsch in Chile 1973 und fragt, wie sich diese zur Idee der Menschenrechte verhält.

Da Solidarität ein konstitutives Element der Gewerkschaftsbewegung darstellt, ermöglicht ein begriffshistorischer Zugang die Emergenz und Kohäsion dieses Konzepts in der Geschichte der Gewerkschaften zurückzuverfolgen. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei dem Doppelcharakter von Solidarität als moralisches Prinzip und geteiltes Gefühl.