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Unter dem Mantel der Anständigkeit: Bürgerliche Reaktionen auf die “Judenfrage” in London und Berlin 1890-1914.

Gibt es eine "moralisch richtige" Antwort auf die "Judenfrage"? In den frühen 1890er Jahren wurde diese Frage in den bürgerlichen Zirkeln Berlins und Londons heftig diskutiert. Schließlich hatten sich die bisherigen Versuche – wie die Antisemiten-Bewegung in Berlin und die Pogromen im zaristischen Russland – als unvereinbar mit dem bürgerlichen Ideal einer zivilisierten, rational denkenden und gewaltfreien Gesellschaft erwiesen. In den bürgerlichen Kreisen London und Berlins war man in der Folge tunlichst bemüht, den Vorwurf des "Antisemitismus" zu vermeiden, konnten derartige Anschuldigungen doch den eigenen Ruf und die eigene Karriere nachhaltig beschädigen. Gleichzeitig war die gefühlte Problematik und Dringlichkeit der "Judenfrage" stark angestiegen: London und Berlin beherbergten nicht nur die größten und aktivsten jüdischen Gemeinden ihres Landes, sondern waren seit dem Ausbruch der russischen Pogrome auch Ziel einer wachsenden Zahl jüdischer Flüchtlinge, deren Unterkunft und Versorgung beide Städte vor große Herausforderungen stellte.

Mein Projekt untersucht die Handlungen ausgewählter Akteure aus dem bürgerlichen Milieu, die sich weiterhin für eine Lösung der "Judenfrage" einsetzen, aber gleichzeitig Status und Selbstbild als respektable Mitglieder der Gesellschaft nicht aufgeben wollten. Dabei werden unter Anderem der in Berlin ansässige, völkische Deutschbund, die Deutschkonservative Partei und ihr Konzept des "Reinen Antisemitismus" sowie die Londoner Anti-Immigration und Pro-Buren Aktivisten auf folgende Fragen hin untersucht: Was verstanden sie jeweils unter der "Judenfrage" und wie bewerteten sie sie? Was waren ihre "Lösungsansätze"? Blieben diese auf der theoretischen Ebene? Wie wurden ihre Ideen kommuniziert? Reagierten sie auf den durch jüdische und liberale Organisationen aufgebauten öffentlichen Druck? Wie gingen sie mit Antisemitismusvorwürfen um?

Der hier gewählte akteurs- und milieuzentrierten Forschungsansatz bietet neue Einblicke in die Konstruktion und Kommunikation anti-jüdischer Rhetorik und Praxis in einem städtischen Kontext. Zudem offenbart die vergleichende Herangehensweise den transnationalen Charakter der in bürgerlichen Kreisen geführten Debatten über die "Judenfrage", der in bisherigen Studien kaum eine Rolle spielte. Das übergeordnete Ziel der Studie ist es schließlich, Gemeinsamkeiten und Spezifika zwischen beiden Städten herauszuarbeiten und sie auf ihre Konsequenzen für die in beiden Ländern spürbare Radikalisierung anti-jüdischen Denkens zu hinterfragen.

Kontakt

Betreuerin

Prof. Stefanie Schüler-Springorum