Gesunde Exzesse?

Tanzende Körper und Ökonomien der Verausgabung im Gesundheitsfilm des 20. Jahrhunderts

Sandra Schnädelbach

Detail Buchcover von Rosemarie Ehm-Schulz, Choreografie. Versuch einer Darstellung der historischen Entwicklung der Raumgestaltung im Tanz. Leipzig: Zentralhaus für Kulturarbeit, 1980.

Seit der Antike ist der Tanz als „ursprüngliche“, „angeborene“, „natürlichste“ Form des menschlichen Ausdrucks beschrieben worden, die Lebensfreude und die Energie eines „gesunden“ Körpers vermittele. Gleichzeitig wurden tanzende Körper immer wieder als gefährlich eingestuft und mit Obsession, Sucht und Exzess in Verbindung gebracht: von mittelalterlichen Phänomenen der „Tanzmanie“ über Skandale um expressionistische Tanzstile auf Theaterbühnen um 1900 oder der Furcht vor „ansteckenden“ und „moralisch destabilisierenden“ Tanzpraktiken wie Rock’n’Roll in den 1950er Jahren bis hin zu Debatten um die gesundheitsschädliche Wirkung der Discokultur, wie sie seit den Siebzigern hervortrat. Der Selbstgenuss durch die Verausgabung in der Bewegung war in historischer Perspektive stets ambivalent: Entweder als Form der Verschwendung und des Risikos abgelehnt oder im Gegensatz als Mittel gelobt, um Energie freizusetzen, Zugang zu neuen körperlichen Ressourcen zu erlangen und Gesundheit zu erlangen.

Welche Theorien über den Körper lagen diesen Annahmen zugrunde? Wie hat der Aufstieg der visuellen Massenmedien Körper- und Gesundheitsbilder im 20. Jahrhundert geformt und verändert? Welches Wissen über den Körper wurde durch tanzende Körper in bewegten Bildern erzeugt? Ausgehend von diesen Fragen fragt das Projekt nach Gesundheitsvorstellungen und sich wandelnden Modellen von „Körperökonomien“: Ideen vom Haushalten mit Ressourcen, vom Investieren oder Wiedererlangen von Energie, die die Interpretation von tanzenden Körpern leiteten und Tanz als (un-)gesunde Praxis entwarfen.

Im 20. Jahrhundert entdeckten unterschiedliche Wissenschaften Film und Tanz als erkenntnistheoretische Instrumente, um unsichtbare Facetten der menschlichen Natur aufzudecken. Dieser Wechselbeziehung zwischen Tanz und Film bei der Produktion von Körperwissen geht das Projekt nach und untersucht Gesundheitsfilme in ihrer Funktion

a) als Untersuchungsinstrument: durch Sichtbarmachen tanzender Körper
b) als Instrument der Erziehung: durch die Vermittlung von Wissen über den Körper
c) als Instrument zur Gestaltung von Praktiken: durch die (Re-)Produktion tanzender Körper

Die Untersuchung konzentriert sich auf den deutschsprachigen Raum, insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, einschließlich west- und ostdeutscher Perspektiven. Sie möchte Tanz als Untersuchungsgegenstand der Gesundheitswissenschaften erkennbar machen, anhand dessen die Grenzen zwischen gesunder und ungesunder Verausgabung, wünschenswerter Selbsttranszendierung und riskantem Selbstverlust immer wieder neu bemessen wurden. Damit verortet sie die Produktion von Körperwissen zugleich in einem soziopolitischen Rahmen und erörtert, auf welche Weisen Vorstellungen vom richtigen Haushalten mit den Kräften des eigenen Körpers in Wechselwirkung standen mit unterschiedlichen Wirtschaftsmodellen, Idealvorstellungen von sozialer Interaktion und der Verortung des Individuums in der Gesellschaft. Dem Gesundheitsfilm, so die Annahme, kam bei der Einordnung und Bewertung tanzender Körper im Zeitalter visueller Massenmedien eine leitende Funktion zu, die weit über gesundheitspolitische Aspekte hinausging.

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