Emotionale Hintergründe des “Erdoğanismus” in der Türkischen Diaspora

Nagehan Tokdogan

Taksim Platz, Istanbul (2019), digitale Ausstellung anlässlich des Jahrestages des Putschversuches vom 15. Juli 2016

Seit nunmehr fast sechzehn Jahren ist Recep Tayyip Erdoğan - Vorsitzender der AKP, früherer Premierminister und derzeit Präsident der Republik Türkei - durch seine Reden und seine Innen- und Außenpolitik eine Symbolfigur, und es überrascht nicht, dass in dieser Zeit seine Führungsrolle und die immer größer werdende Unterstützung, die er von seinen Anhängern erhält, Untersuchungsgegenstand der akademischen Forschung wurde. Nicht untersucht wurden dabei bisher jedoch die emotionalen Hintergründe und Motive der Unterstützer Erdoğans.

Das Forschungsprojekt versucht Einblicke in Erdoğans Führungsrolle seit 2003 zu erlangen und herauszufinden, wie er das Symbol einer emotionalen Gemeinschaft wurde. Wie erlangte er durch die Verkörperung und die Reflektion der Emotionen der Massen in seinem politischen Diskurs, seine persönlichen Vorlieben und durch sein Verhalten ihre Unterstützung?
Aus emotionspolitischer Sicht kann argumentiert werden, dass Erdoğans Führungsrolle und auch seine persönliche Geschichte sehr stark dazu beigetragen haben, dass Sehnsüchte, Leidenschaften und Bedürfnisse der Massen angesprochen wurden. Seine Macht resultiert substantiell aus seiner Fähigkeit, diese bereits existierenden Gefühle der Massen auszulösen und zu erwecken.

Der türkische Kontext des “Erdoğanismus” im Hinblick auf Emotionen scheint das Ergebnis seiner Wirkung auf die emotionalen Bedürfnisse und Wünsche seiner in der Türkei lebenden Anhänger zu sein. Dies erklärt aber nicht die jahrelange große Unterstützung Erdoğans durch die weltweite türkischen Diaspora. Bei den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni 2018 beispielsweise stimmten auffällig viele, nämlich 64,8 Prozent der in Deutschland lebenden türkischen Staatsbürger für ihn.

Die Ergebnisse dieses Projektes sollen zur Forschung zur Regierungsrolle der AKP und insbesondere zum “Erdoğanismus” beitragen. Die Bedeutung der Diaspora wird bei akademischen und politischen Analysen zumeist eher vernachlässigt. Das Projekt schließt hier eine Forschungslücke und untersucht die emotionalen Motive der Unterstützung der türkischen Diaspora für die Regierung Erdoğan. Interviews mit Angehörigen der türkischen Diaspora in Berlin werden die Basis für die Analyse sein, die versuchen wird Antworten auf die Fragen zu geben warum und wie “Erdoğanismus” in der türkischen Diaspora verbreitet ist und was die emotionalen Hintergründe und Erfahrungen sind, die dieser Verbreitung zu Grunde liegen.

Zur Redakteursansicht