Liebe als Lebensprojekt

Der Pfarrer, Gefühl und Moral in der Württemberger Erweckungsbewegung des 19. Jahrhunderts

Julia Lieth (Dissertationsprojekt)

Portrait von Albert Knapp, Theologe (1798-1864)

Der Beginn des 19. Jahrhunderts war im deutschsprachigen Raum sowohl von Tendenzen der Säkularisierung als auch von einem neuen religiösen Pluralismus geprägt. Insbesondere der Protestantismus wandelte und diversifizierte sich. Ein Dialog zwischen rationalistischen, liberalen und „erweckten“ Theologen führte zu seiner Revitalisierung und Erneuerung, mündete aber auch in intrakonfessioneller Spaltung. Während die Kirchen an institutioneller Macht verloren, gewannen religiöse Praktiken und die Erfahrung religiöser Gefühle im Lebensalltag vor allem unter den Erweckten an Bedeutung, die den Pietismus zu erneuern strebten. Während aufgeklärt-rationalistische Theologen Wahrheit in Vernunft und Verstand suchten und idealistisch-liberale Vertreter sie an einen Historismus knüpften, durch den Glaube, Wissenschaft und Kultur versöhnt werden sollten, hatte der Pietismus im Rahmen seiner Frömmigkeitspraxis schon seit seinen Ursprüngen im 17. Jahrhundert die Bedeutung von Gefühlen betont. Auch die Erweckten des 19. Jahrhunderts fanden Wahrheit in Gefühlen, die es zu erzeugen galt, da sie Gottes Präsenz im eigenen Leben belegten. Sich pietistisch zu fühlen, ging damit einher, pietistische Gefühle zu haben. In Anbetracht ihrer signifikanten Rolle in der christlichen Glaubenstradition begibt sich das Dissertationsprojekt auf die Spuren der pietistisch geprägten Liebe und zeichnet ihre mannigfachen Erscheinungsformen im Leben des Württemberger Pfarrers Albert Knapp (1798–1864) nach.

Obwohl sich in Württemberg vereinzelt auch separatistische Gruppen des Pietismus bildeten, blieb die Bewegung dort weitestgehend in der lutherischen Landeskirche integriert, die ab 1806 vermehrt in staatliche Abhängigkeit geriet. Albert Knapp, der vor allem für sein literarisches Talent und sein Engagement bei der Gründung des ersten Tierschutzvereins in deutschen Landen bekannt geworden ist, setzte sich Zeit seines Lebens kritisch mit der pietistischen Bewegung auseinander. Ab 1845 hatte er das Amt des Stadtpfarrers an der Leonhardskirche in Stuttgart inne, das ihm innerhalb des pietistisch geprägten Bürgertums eine wirkungsmächtige Position und Vorbildfunktion einbrachte. Quellengrundlage der Dissertation ist Knapps Nachlass, der eine große Fülle an (auto-)biographischen Schriftstücken enthält. Einerseits gewähren diese Einblicke in Knapps Amtsgeschäfte und sein theologisch-moralisches Verständnis, andererseits bilden sie auch sein (semi-)privates und familiäres Leben ab. In einem mikrogeschichtlichen Rahmen stehen diese Selbstzeugnisse in stetigem Bezug zueinander sowie zur Pietismus- und Bürgertumsgeschichte. Durch ihren gefühlsgeschichtlichen Zuschnitt ist die Arbeit ein erweiternder Beitrag zu diesen sonst bereits gut erforschten Forschungsfeldern.

Von der Annahme ausgehend, dass Religion ebenso wie Gefühle historisch wandelbare Phänomene sind, werden sie in Bezug auf ihr kausales Verhältnis im Leben Knapps untersucht. Dies bedeutet ihre individuelle Veränderung, ihre Beziehung zueinander ebenso wie ihre Bedeutung in den Augen des historischen Akteurs in den Blick zu nehmen. Dazu definiert diese Arbeit das Religiöse als intersubjektives Netzwerk zwischen Himmel und Erde (s. Robert Orsi), in dem sich die Liebe in Hinblick auf ihre körperlichen und geistigen Orientierungen und Qualitäten, ihre Zeitlichkeit sowie ihr Verhältnis zum nicht-Religiösen oder anders-Religiösen untersuchen lässt. Die unterschiedlichen Kapitel gewähren so einen kaleidoskopischen Einblick in verschiedene Erscheinungsformen, die sie in Knapps Lebensverlauf einnahm. Sie beleuchten die Liebe zu Gott, zu Brüdern und Schwestern, Ehefrauen und Kindern ebenso wie zu Tieren. Die Untersuchung des Gefühlswissens, das die Liebeserfahrungen der Erweckten strukturierte, zeigt, wie sich ihr Ausdruck in Sprache und Praktiken stetig als Schwellenmoment konstituierte, der ein Ringen um ihre moralische Validierung erforderlich machte und dabei immer wieder erwecktes Sein bezeugte und „wahr“ machte.

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