Solidarität ohne Grenzen? Die Pest von Albert Camus in den Zeiten von Corona

von Caroline Moine

4. Juni 2020

Seit Beginn der Corona-Krise erlebt Die Pest von Albert Camus (1947) eine erstaunliche Renaissance in der Lesergunst – und das nicht nur in Frankreich, sondern auch im Ausland: In Italien, Japan und China schnellten die Verkaufszahlen in die Höhe, ebenso in Deutschland oder in Großbritannien. In Österreich lasen mehr als 100 Prominente in einer 10-stündigen Marathonsendung das Buch im Radio vor. Nahezu alle Stellungnahmen, welche die Rückkehr des Buches auf die Lesebühnen Europas und der Welt begleiten, unterstreichen interessanterweise die Bedeutung des Aufrufs zur Solidarität in dem Roman und präsentieren dieses auch als ein Modell für die aktuelle Krise der Corona-Pandemie. Übersehen wird dabei aber, dass bei Camus das Gefühl der Solidarität eine sehr eigene/eigenwillige Interpretation des Begriffs der „Brüderlichkeit“ und einer möglichen Empathie mit dem Anderen entwirft.

Foto von Martin Greslou, CC-BY-SA 3.0

Erinnern wir uns an den Inhalt des Romans: Im Frühjahr 194* wird die algerische Stadt Oran von einer Pestepidemie heimgesucht. Nachdem die erste Fassungslosigkeit überwunden ist, reagieren die Behörden mit der Ausrufung des Ausnahmezustands und der Isolierung der Stadt vom Rest der Welt. Dr. Rieux, der Erzähler, ist einer der ersten, der die Pest erkennt und sie bekämpft, tags wie nachts. Eine Gruppe von Freiwilligen beschließt ebenfalls, sich zu engagieren und unterstützt trotz des drohenden Todes die bereits überforderten Ärzte. Nach mehreren Monaten scheint die Epidemie endlich überstanden zu sein. Doch warnt der Autor seine Leser, dass "der Pestbazillus niemals ausstirbt oder verschwindet, sondern jahrzehntelang in den Möbeln und der Wäsche schlummern kann…".

Revolte und Solidarität

Camus beschäftigte sich bereits 1938 mit dem Thema des Buches, inspiriert durch verschiedene historische Epidemien (etwa der Cholera-Epidemie des Jahres 1849 in Algerien). Gleichzeitig ist der Roman aber auch stark von den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges geprägt: Der Virus wird mit der braunen Pest des NS-Regimes assoziiert, die Isolation mit der Besatzung durch die Deutschen und Rieux‘ Haltung mit der der Widerstandskämpfer. Aber der Roman, der sich in den breiteren Zyklus der Auseinandersetzung von Camus mit dem Thema Revolte und Solidarität einschreibt, weist weit über diese konkreten politischen Anspielungen hinaus.

Angesichts der Feststellung, dass das Leiden einen jeden von uns treffen kann, angesichts der Absurdität des Bösen beschreibt Camus die Wandlung der Haltung seiner Protagonisten: von einem Gefühl der Ohnmacht hin zum Engagement. Auf die anfängliche Fassungslosigkeit und die Angst folgt die Wut, als ein erster Impfstoff nur die Agonie eines kranken Kindes verlängert und es unter dem Blick der Ärzte und eines Priesters mit schrecklichen, nicht enden wollenden Schmerzen stirbt. Weder die Religion noch die Wissenschaft versprechen Rettung. Aus dieser Wut erwächst bei Rieux aber weniger ein Gefühl der Niedergeschlagenheit, sondern das der Revolte, auch, um die Würde des Menschen zu bewahren. Das Thema der Solidarität führt Camus dabei über das Gefühl der Brüderlichkeit ein. Diese erwächst aus dem gemeinsamen Kampf der Freiwilligen, welche Rieux‘s Emotionen teilen. Sie sind aufgewühlt und von dem Wunsch beseelt, das Böse nicht nur passiv zu beobachten, sondern gemeinsam aktiv dagegen vorzugehen.

Doch es ist nicht jedem gegeben, an dieser Solidarität teilzuhaben. 

Liebe, Mitgefühl und das distanzierte Leiden

Eine der Figuren des Romans, der Pariser Journalist Rambert versucht, zunächst aus Angst und dann aus Wut aus der Stadt zu fliehen: Ihm erscheint es ungerecht, das Schicksal von Menschen teilen zu müssen, die er nicht als seine Mitbürger betrachtet. Und er will nach Paris zu der Frau, die er liebt. Letztlich entscheidet sich der junge Mann aber für das Bleiben, um sich an der Seite der Freiwilligen zu engagieren, und zwar nicht im Namen eines Ideals, denn das wäre leeres Heldentum: "Ich weiß, dass der Mensch zu großen Taten fähig ist. Aber wenn er nicht zu großen Emotionen fähig ist, nun, dann lässt er mich kalt". Rambert bleibt aus Liebe zur Menschlichkeit, weil die persönliche Liebe hinter der Pflicht zur Brüderlichkeit zurückstehen muss.

Rambert verkörpert damit die Möglichkeit für einen „Fremden“, aus seiner Einsamkeit auszubrechen, Empathie und Solidarität zu zeigen, um effektiv gegen das Böse zu kämpfen. Doch Camus fällt ein sehr hartes Urteil über jegliche Form der Solidarität ferner Zuschauer, die häufig von Pathos geleitet ist. Die Szene, in der Rieux am Radio die Appelle einer internationalen Solidarität hört, ist hier sehr bezeichnend:

„[…] Von allen Enden der Welt, über Tausende von Kilometern, versuchten unbekannte brüderliche Stimmen unbeholfen ihre Solidarität auszudrücken und drückten sie tatsächlich aus, bewiesen aber gleichzeitig die schreckliche Unfähigkeit jedes Menschen, einen Schmerz, den er nicht sehen kann, wirklich zu teilen […]. ‘‘Zusammen lieben oder sterben, ein anderes Hilfsmittel gibt es nicht. Sie sind zu weit weg‘‘ [dachte der Arzt]“.

Was wird hier aus dem „Distant Suffering“ von Luc Boltanski und aus der Hannah Arendts Unterscheidung zwischen dem Mitgefühl einerseits, das mit einer Präsenz verbunden wird und damit lokal erscheint, und andererseits dem Mitleid, das eher generalisiert und eine Dimension der Distanz einbezieht? Und welche der beiden Arten der Solidarität soll im Kontext der aktuellen Corona-Pandemie vertreten werden, angesichts einer Geographie der Emotionen, die sich sehr stark von jener unterscheidet, die Camus beschreibt: diejenige, die sich auf ein lokales Engagement bezieht und damit auf eine spezifische Situation reagiert, oder jene, die angesichts der globalen Krankheit nach einer internationalen Antwort verlangt?

Die Solidarität, eine Affäre der Männer

Ein weiteres Merkmal des Gefühls der Empathie, der Brüderlichkeit und der Solidarität bei Camus, das erstaunlicher Weise in allen Kommentaren der letzten Monate zu dem Werk fehlte, ist die Abwesenheit der Frauen. In Die Pest erscheint die Fähigkeit, Empathie zu empfinden und für die Revolte zu kämpfen, allein den Männern vorbehalten zu sein. Die Frauen bleiben im Hintergrund, sie sind weinende, leidende, aber vor allem hilflose Figuren angesichts der Krankheit und des Todes ihrer Ehemänner, Kinder und Angehörigen. Zwar tritt, wie immer bei Camus, die Figur der liebevollen, aber zurückhaltenden Mutter hervor. Doch auch sie bleibt passiv und beobachtend. Die Träger der Revolte sind hingegen Männer wie Rieux oder Rambert. Die Frauen sind die Liebenden und Leidenden, oft distanziert, begehrt, zu Objekten der Emotionen und Gefühle der Männer geworden. Sie werden von ihren eigenen Gefühlen überwältigt, von der Angst und der Verzweiflung. Ein Mann kann zwar auch mit Camus weinen, aber er handelt und rebelliert zugleich.

In Corona-Zeiten sind die Frauen dagegen nicht passiv, sondern machen sich laut und deutlich bemerkbar. Es ist unbestreitbar, dass sie als Krankenschwestern, Ärztinnen, Kassiererinnen, Pflegerinnen, Mütter zu den „Kämpferinnen“ der Krise zu zählen sind.

Daher: Lesen wir Camus – aber passen wir ihn auch an unsere Zeiten an und begrüßen wir Banksys Game Changer.

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