Den inneren Weg durch Klang erfühlen

Soziale Wärme, kritische Gefühle und affektive Trance in islamischen Ritualen Nord Afrikas

Tamara Turner

Diwan Ritual des Bilaliyya Ordens, eines von vielen Sufi Orden in Algerien. Der junge Mann vor den Musikern wird von der Musik in Trance versetzt. Oran (Algerien) 2016

Das Forschungsprojekt untersucht die fundamentale Rolle des Fühlens in Sufi- und populären islamischen Ritualen im Nordafrika der Gegenwart. "Das Fühlen" in diesem Kontext entspricht dem, was in Europa unter "Atmosphäre", "Emotionen",  "Empfindungen" und "Affekte" gefasst wird. In der Welt der untersuchten Rituale funktioniert es als weltzugewandtes Orientierungs- und Ordnungssystem, quasi als ein "emotionales Gerüst". Auf Grund der Erfahrung, wie sich Dinge anfühlen, wird jeder Moment fassbar. Fühlend Erfahrungen zu machen und sich Wissen anzueignen, wird daher akribisch kultiviert und als bedeutsam angesehen.


Beispielsweise beginnt im algerischen diwan, einem populären islamischen Ritual, die Kultivierung des Fühlens mit dem affektiven Bearbeiten der Atmosphäre des Rituals, so dass sich Trancezustände einstellen können. Das Projekt betrachtet aus anthropologischer und ethnomusikalischer Sicht besonders die Funktion von Musik im Ritual, die vor allem als Auslöser und Erzeuger einer lebhaften und pulsierenden Atmosphäre einer "sozialen Wärme" dient. In dieser im diwan erzeugten Atmosphäre gelangen Teilnehmer, die an mental-emotionalen Schmerzen leiden, in verschiedene Trancezustände, die einer gewissen lokalen Systematik der Intensität des Fühlens unterworfen sind – die Zustände werden nach ihrer affektiven Qualität geordnet. Entgegen westlicher Ansichten von "veränderten Bewusstseinszuständen" ist Trance hier ein emotional-körperlicher Prozess, der sich – manchmal über Stunden hinweg – verändert.
In dem Maße wie musikalische Themen körperliche Empfindungen und Gefühle auslösen und verstärken, fühlen sich die Teilnehmer durch den Klang in ihren Schmerz ein und mit dem Klang und körperlichen Bewegungen durchleben sie ihr Leiden.

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