Die Solidaritätsbewegung mit Chile in Europa nach dem 11. September 1973

Politische Emotionen und transnationale Mobilisierungen

Caroline Moine

Detail des Chile-Wandbildes, seit 1976 an der Stirnseite der Zentralen Halle der Universität Bielefeld

Das Thema der internationalen Solidarität in der Zeit des Kalten Krieges beschäftigt seit einigen Jahren die Historiker. Die Mobilisierung gegen die Diktatur in Chile nach dem Putsch des 11. September 1973 gilt dabei als ein zentrales Element der europäischen und globalen Geschichte der 1970er Jahre. Herausgestellt wird von der Forschung die breite internationale Welle von Emotionen, die etwa von den Bildern des Bombardements des Präsidentenpalastes im Zentrum der chilenischen Hauptstadt hervorgerufen wurden. Auch die vom Radio direkt übertragene letzte Rede Allendes berührte weit über Lateinamerika hinaus die Weltöffentlichkeit und löste Entsetzen und Empörung über den Sturz der drei Jahre zuvor demokratisch gewählten Regierung des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende aus.

Die Geschichte des Staatsstreichs des 11. Septembers und seiner weltweiten Folgen ist zum zentralen Bestandteil der grossen Erzählungen der europäischen Linken geworden, Teil ihrer Mythologie und ihres Pathos, der die Erinnerung der Aktivisten umrankt. Für die Historikerin ist es daher wichtig, sich von diesen Perspektiven abzusetzen, um die Geschichte der internationalen Solidarität mit Chile in eine Geschichte der Emotionen und der sozialen Bewegungen einzuschreiben. Ein solcher Ansatz erlaubt es, den vermeintlich spontanen und einigenden Charakter jener Emotionen zu hinterfragen, welche gemeinhin als Ausgangspunkt einer Welle der Solidarität angesehen werden, die allein durch das Anschauen bzw. Anhören der Nachrichten aus Santiago de Chile ausgelöst worden seien. In Frage gestellt werden soll damit eine allzu glatte bzw. starre Vision der Mobilisierung, um genauer die Ausdrucksformen und mit ihr verbundenen Strategien in den Blick zu nehmen, welche die Emotionen ausdrückten.

Diese Frage erscheint umso relevanter, als die historische Forschung den Staatsstreich in Chile und seine internationalen Folgen üblicherweise in zwei unterschiedliche historische Entwicklungsstränge eingebettet hat:  in der längeren Perspektive der 1968er Bewegung, die in den 1970er Jahren neue Themen und andere Formen der politischen Mobilisierung in den Vordergrund rückte; und in eine längere Geschichte der Menschenrechte. Das Projekt fragt nicht nur nach den diskursiven Strategien der emotionalen Aufladung des Kampfes um die Menschenrechte in Chile. Vielmehr soll auch breiter die Bedeutung von Medien (Radio, Plakate, Film, Wandmalerei…) und medialen Praktiken (Konzerte…) sowie von kollektiven Emotionskulturen, vor allem religiöser Prägung, für die europäische Mobilisierung der internationalen Solidarität mit Chile gefragt werden, aus denen sich die neuen transkontinentalen Netze des Engagements speisten.

Die Analyse des übergreifenden Sensibilisierungsprozesses soll gleichzeitig gekreuzt werden mit dem Blick auf die biographischen Dynamiken der Aktivisten der europäischen Solidaritätsbewegung. Der akteurszentrierte Ansatz erlaubt es, eine Vielfalt unterschiedlicher Mobilisierungsformen in den Blick zu nehmen, und zwar nicht nur auf einer lokalen und nationalen, sondern auch internationalen Ebene. Auch wenn der Schwerpunkt der Untersuchung auf die Entwicklung in den beiden deutschen Ländern gelegt wird, soll im Sinne eines Beitrags zu einer internationalen Emotionsgeschichte des Kalten Kriegs diese doch stets in einen breiteren europäischen und internationalen Rahmen eingeordnet werden.

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