Harry Potter und gewolltes Nichtwissen in der Wohlfahrtsökonomie

Warum wir manche Informationen lieber ignorieren sollten

Es gibt Situationen, in denen gewolltes Nichtwissen zu besseren Entscheidungen führen kann. Das gilt auch im Verhältnis von Markt und Staat, also in der Frage, wann der Staat in die Wirtschaft eingreifen sollte, um etwa ein Marktversagen zu korrigieren. Der Wirtschaftswissenschaftler Felix Bierbrauer beleuchtet Beispiele dafür und zeigt mögliche Auswirkungen auf Gerechtigkeit, Freiheit und die Motivation des Einzelnen auf.

Text: Felix Bierbrauer
Redaktion: Elena Hungerland und Kerstin Skork

Ist es gerecht, einen Kuchen in gleich großen Stücken zu verteilen? Oder sollte man bei der Verteilung den Charakter der Esser berücksichtigen? Schließlich könnte von zwei Personen, an die der Kuchen geht, die eine eher egoistisch sein und das meiste für sich wollen, während die andere selbstlos ist und sich auch über das kleinere Stück freut. Dieses Problem beleuchtet der Ökonom Felix Bierbrauer unter dem Aspekt des gewollten Nichtwissens, also des bewussten Ausblendens von Informationen.

Stellen Sie sich vor, der Schuldirektor Albus Dumbledore aus den Harry Potter-Romanen soll unter den zwei Widersachern Harry Potter und Draco Malfoy einen Kuchen aufteilen. Und zwar so, dass ein Höchstmaß an Bedürfnisbefriedigung erreicht und – ökonomisch ausgedrückt – die Wohlfahrt maximiert wird.

Wären Harry und Draco jeweils nur am eigenen Kuchenstück interessiert, sollte Dumbledore den Kuchen in zwei gleiche Hälften aufteilen. Angenommen Harry bekäme weniger und hätte daher mehr Hunger als Draco, dann wäre eine Umverteilung von Draco zu Harry am besten, um das Höchstmaß an Bedürfnisbefriedigung zu erreichen. Sie würde Harry mehr bringen, als sie dem gesättigten Draco kostet.

Nun haben wir es aber mit zwei Figuren zu tun, die sich in ihren Charakteren sehr unterscheiden und demnach auch die Kuchenaufteilung unterschiedlich beurteilen würden: Harry ist uneigennützig und selbstlos, Draco hingegen tendiert zu Neid und ist eher auf den eigenen Vorteil bedacht. Nehmen wir daher an, der uneigennützige Harry würde sich nicht nur über sein eigenes Stück Kuchen freuen, sondern auch emphatisch einen Nutzen daraus ziehen können, wenn sich Draco über seinen Anteil freut.

Wenn Dumbledore Harrys Selbstlosigkeit und Dracos Neid in seine Überlegungen miteinbezieht, müsste er Draco ein größeres Kuchenstück geben. Weicht er von der hälftigen Aufteilung in dieser Weise ab, gibt es einen Verlust von Bedürfnisbefriedigung bei Harry und einen Gewinn bei Draco, die sich etwa die Waage halten. Eine Berücksichtigung von Harrys Altruismus führt daher dazu, dass der Gesamtgewinn den Verlust übersteigt. Die Orientierung an einem Wohlfahrtsmaß, das die Bedürfnisbefriedigung von Harry und Draco auf die gleiche Waagschale legt wie die Intensität von altruistischer Anteilnahme oder Neid, führt dazu, dass Draco mehr von dem Kuchen bekommt als Harry. Harry wird demnach für seinen Altruismus bestraft und Draco für seinen Neid belohnt. Dieses Ergebnis erscheint aber unakzeptabel und so muss der weise Dumbledore noch einmal in Ruhe darüber nachdenken, welche Informationen er bei seiner Entscheidung berücksichtigt und welche er besser ignoriert.

Effizienz, Marktversagen und Verteilungsgerechtigkeit

In der Wohlfahrtsökonomie spielen solche Gedanken eine zentrale Rolle. Denn sie will klären, ob die Ergebnisse wirtschaftlichen Handelns gut oder verbesserungswürdig sind. Ihre wichtigste Anwendung ist die Frage, ob Marktergebnisse als effizient zu beurteilen sind oder ob ein Staatseingriff zum Heilen eines Marktversagens vonnöten ist. Eine weitere Frage ist, ob Marktergebnisse, selbst wenn sie effizient sind, aus Gründen der Verteilungsgerechtigkeit vom Staat korrigiert werden sollten. Dumbledores Entscheidung über die Aufteilung des Kuchens ist ein einfaches Beispiel für ein solches Verteilungsproblem.

Doch ganz so einfach verhält es sich in der Wohlfahrtsökonomie meist nicht. Denken wir zum Beispiel an Umwelt- und Klimaschutz im Kontext von Wirtschaftsinteressen. Hier ist es Ziel der Wohlfahrtsökonomie, mögliches Marktversagen zu beheben. Was das bedeutet, zeigt ein Beispiel des Wirtschaftswissenschaftlers Ronald Coase, in dem das Ausblenden von Informationen erst mal noch kein Thema ist, das jedoch die Logik der Wohlfahrtsökonomie verdeutlicht.

An einem Fluss liegen eine Fischerei und ein Chemiewerk. Das Chemiewerk befindet sich flussaufwärts und verunreinigt das Wasser des Flusses. Die Verschmutzung hat negative Auswirkungen auf die Fischbestände und verringert den Ertrag der Fischerei. Eine gemeinsame Eigentümerin würde das Einleiten von Abwässern drosseln oder in saubere Technologien investieren, um den Ertrag der Fischerei nicht zu sehr zu gefährden. Wenn das Chemieunternehmen sich dagegen nur am eigenen Erfolg orientiert, wird nicht nur die Umwelt verschmutzt. Es entsteht auch im engeren wirtschaftlichen Sinn eine Ineffizienz.

Es wäre nämlich möglich, für saubereres Wasser zu sorgen, ohne dem Chemieunternehmen wirtschaftlich zu schaden: Wenn das Chemieunternehmen für das Einleiten von Abwässern einen Emissionspreis zahlen muss, erhält es einen Anreiz, in saubere Technologien zu investieren. Der damit einhergehende höhere Ertrag des Fischereiunternehmens führt zu höheren Steuereinnahmen, die genutzt werden können, um solche Investitionen zu subventionieren. All dies kann so arrangiert werden, dass das Chemieunternehmen nicht schlechter gestellt wird, die Fischerei aber von dem sauberen Wasser profitiert. Die Botschaft des Beispiels ist: Die Gewinne aus dem Umweltschutz sind so hoch, dass es möglich ist, vermeintliche Verlierer zu kompensieren, so dass es am Ende gar keine Verlierer gibt.

Eine wichtige Voraussetzung in der Wohlfahrtsökonomie ist der methodologische Individualismus: Zur Beurteilung einer Situation werden nur die Präferenzen der betroffenen Akteurinnen und Akteure herangezogen. Paternalistische Motive derjenigen, die entscheiden, werden damit ausgeschlossen. Um im Beispiel zu bleiben: Dumbledores etwaige Sympathie für Harry darf bei der Kuchenverteilung kein Argument sein. Analog spielt der Umweltschutz nur eine Rolle, insofern er im Interesse des Chemieunternehmens und der Fischerei ist.

Das Ausblenden von Präferenzen in der Wohlfahrtsökonomie

Das Harry Potter-Beispiel zeigt, dass wir zu fragwürdigen oder gar verwerflichen Ergebnissen kommen, wenn wir bei solchen Analysen alle verfügbaren Informationen über Einstellungen und Präferenzen gleichermaßen berücksichtigen. Die Wohlfahrtsökonomie würde offensichtlich in eine falsche Richtung gehen, wenn sie sich nach dem neidischen Draco richten würde. Manche Informationen müssen also ausgeblendet werden. Aber welche?

Der Politikwissenschaftler Robert Goodin ist ein wichtiger Vertreter der Ansicht, dass Präferenzen zunächst einen Prozess der Reinigung durchlaufen sollten, ehe sie in eine Wohlfahrtsanalyse eingespeist werden. Goodin geht es um problematische Präferenzen, wie etwa Dracos Neid. Das obige Beispiel zeigt, dass man dieses Prinzip aber auch auf soziale Präferenzen anwenden muss, etwa auf Harrys Altruismus. Eine Wohlfahrtsanalyse basierend auf den unbereinigten Präferenzen von Draco würde zum gleichen Schluss führen wie eine Wohlfahrtsanalyse auf der Grundlage von Harrys unbereinigten Präferenzen: Draco würde bessergestellt als Harry.

Die Kompensationslogik der Wohlfahrtsökonomie ist im Umweltschutz überzeugend. Eine Ausdehnung dieses Prinzips auf private Angelegenheiten erzeugt aber ein Spannungsverhältnis zwischen den Prinzipien der Wohlfahrtsökonomie und freiheitlichen Werten. Die Prinzipien einer freiheitlichen Gesellschaft erfordern daher, dass Präferenzen gegenüber den privaten Angelegenheiten von anderen ausgeblendet werden.

Dies verdeutlicht ein Beispiel des Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Amartya Sen: Eine Person möchte den Roman „Lady Chatterley" von D. H. Lawrence lesen, ein Buch das explizite sexuelle Darstellungen enthält. Eine andere, prüdere Person findet, dass niemand so ein Buch lesen sollte, und versucht die erste Person davon abzuhalten. Wenn die erste Person das Buch trotzdem lesen würde, hätte diese Handlung also negative Auswirkungen auf die zweite, prüdere Person. Vordergründig kann auch hier eine Anwendung der Kompensationslogik eine Ineffizienz beheben: Wenn die erste Person darauf verzichtet, das Buch in Gänze zu lesen und für diesen Verzicht durch die zweite Person entschädigt wird, wäre beiden gedient: Die erste Person würde sich über das Geld freuen, und die zweite über den Anstand der ersten.

In einer freiheitlichen Gesellschaft sind private Entscheidungen jedoch zu respektieren. Präferenzen über Vorlieben anderer Menschen, zum Beispiel dazu, welche Bücher sie lesen, wie sie sich kleiden, mit wem sie sich treffen oder welche Meinungen sie äußern, sollten im öffentlichen Raum keine Rolle spielen. Daher sollte ein wohlfahrtsökonomisches Kalkül auch derartige Präferenzen ausblenden.

Das Modell des Wunschdenkens

Unsere Diskussion drehte sich bislang um die Frage, welche Informationen zum Wohle der Betroffenen von unparteiischen Entscheidern ausgeblendet werden sollten. Wie aber damit umgehen, wenn die Betroffenen selbst Informationen bewusst ausblenden? Das folgende Beispiel illustriert, was dabei auf dem Spiel stehen kann.

Viele Menschen glauben an die Gerechtigkeit der Welt und daran, dass diejenigen, die hart arbeiten oder in ihre Bildung investieren, einmal die Früchte dafür ernten und finanziell bessergestellt sein werden. Gleichzeitig sind viele damit konfrontiert, dass der soziale Aufstieg nicht immer gelingt, dass wirtschaftliche Ungleichheit über Generationen hinweg fortbesteht und dass sich harte Arbeit nicht immer auszahlt. Es gibt viele Belege dafür, dass Menschen die Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs allzu optimistisch sehen. Sie halten am amerikanischen Traum fest, auch wenn klar ist, dass der Aufstieg „vom Tellerwäscher zum Millionär“ für die wenigsten Menschen realisierbar ist. Vor diesem Hintergrund entwickelten die Wirtschaftswissenschaftler Roland Bénabou und Jean Tirole ein Modell des Wunschdenkens. Es soll abbilden, dass Individuen ungünstige Informationen oft unterdrücken, um mit kognitiven Unstimmigkeiten umzugehen. Sie haben das Bedürfnis, in einer gerechten Welt zu leben und blenden aus, was dieses Bild erschüttert.

Für Bénabou und Tirole hat das Ignorieren der unliebsamen Wirklichkeit aber auch eine positive Seite: Wenn Menschen am amerikanischen Traum festhalten, bleiben sie motiviert und investieren mehr in ihre Bildung, als sie es sonst tun würden. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen nämlich auch dazu neigen, weit in der Zukunft liegende Chancen unzureichend in ihre heutigen Entscheidungen einfließen zu lassen. Dies kann zum Beispiel dazu führen, dass sie sich nicht ausreichend um Bildungserfolg bemühen. Dieses Problem würde verschärft, wenn sie dann auch noch realistische Erwartungen hinsichtlich ihrer Chancen auf einen sozialen Aufstieg hätten. Das Festhalten am amerikanischem Traum macht es dagegen leichter, dem inneren Schweinhund etwas entgegenzusetzen und in der Schule, der Berufsausbildung oder der Universität am Ball zu bleiben.

Wenn wir dieses Beispiel einmal auf Kinder und Eltern anwenden, wird es noch deutlicher: Eltern vermitteln ihren Kindern meist, dass sich Fleiß auszahlt und nur Vorteile bringt. Sie behalten eher für sich, dass sich die Anstrengungen vielleicht nicht auszahlen. Doch was sind die Auswirkungen dieser Verhaltensweise auf deren Wohlfahrt? Schaden die Eltern ihren Kindern, indem sie Wissen zurückhalten? Die Antwort wäre „ja‘‘, wenn die Kinder ihre eigenen Ziele kompetent und umsichtig verfolgen würden. In einer solchen „besten Welt“, können die Eltern nur schaden, weil die Kinder ja von sich aus schon alles richtig machen.

Wenn wir jedoch davon ausgehen, dass Kinder nicht vorausschauend genug handeln können, ist die elterliche Belehrung hilfreich. In einer „zweitbesten Welt“, kann es daher sinnvoll sein, einer Irrationalität mit einer anderen Irrationalität zu begegnen. Eine ähnliche Logik kommt in der „Theorie des Zweitbesten“ der Ökonomen Richard Lipsey and Kelvin Lancaster zum Tragen.

Die Überlegungen und Beispiele zeigen, dass gewolltes Nichtwissen durchaus nützliche Zwecke erfüllen kann. Albus Dumbledore sollte sich beispielsweise nicht zu sehr in die sozialen Empfindungen von Harry und Draco hineinversetzen, sondern lieber den Kuchen gerecht aufteilen. Gilt demnach generell: „Unwissenheit ist ein Segen“? Nicht ganz. Mehr Wissen führt oft zu besseren Entscheidungen. Es gibt jedoch Situationen, in denen zusätzliche Informationen der Gerechtigkeit, der Freiheit oder dem sozialen Aufstieg im Weg stehen. Dann ist es gut, sie zu ignorieren.

Dieser Artikel ist eine übersetzte und bearbeitete Version des Kapitels „Harry Potter and the welfare of the willfully blinded“ aus dem Buch: Hertwig, R., & Engel, C. (Eds.). (2020). Deliberate ignorance: Choosing not to know. MIT Press.
Die Originalversion des Artikels finden Sie hier als PDF.

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