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Unstatistik des Monats

Gemeinsam mit dem RWI-Vizepräsidenten Thomas Bauer (Rheinisch-Westfälisches-Institut für Wirtschaftsforschung) und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer (TU Dortmund) hat der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung, im Jahr 2012 die Aktion "Unstatistik des Monats" ins Leben gerufen.

Mit dieser Maßnahme hinterfragen die Wissenschaftler jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit statistischen Daten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu deuten und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoll und allgemein verständlich zu beschreiben.

„Es gibt eine Art Analphabetismus im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken.“ (Gerd Gigerenzer)

Im Forschungsbereich Adaptives Verhalten und Kognition (ABC) widmet sich das MPI für Bildungsforschung mit einem Team von Wissenschaftlern um Direktor Gigerenzer in zahlreichen Studien der Frage, wie Menschen Entscheidungen unter unsicheren Umständen treffen. Im angegliederten Harding Zentrum für Risikokompetenz steht die Vision eines mündigen Bürgers im Fokus der Forschung, der mit den Risiken einer modernen technologischen Welt informiert umzugehen versteht.

Ergebnisse aus Studien und Experimenten sowie aus Umfragen in der Bevölkerung sollen dabei helfen, Risiken kompetent und richtig zu beurteilen. Fort- und Weiterbildungen für Ärzte sowie für Journalisten, für deren Arbeit eine korrekte Interpretation sowie eine transparente und verständliche Kommunikation von statistischen Daten essentiell sind, bietet das Harding Zentrum ebenfalls an.

Kaputter Mietmarkt?

Presseinformation vom 30. Juni 2018

Die Unstatistik des Monats stammt diesmal von der Süddeutschen Zeitung, die in ihrer Ausgabe vom 16. Juli das nach ihrer Meinung unsozial hohe Niveau der Mieten in vielen deutschen Großstädten beklagt.

Basis des Artikels „Deutschlands Mietmarkt ist kaputt“ ist eine Stichprobe von 57.000 Personen, die an einer Umfrage der Zeitung teilgenommen hatten; 3.000 davon haben ihre persönliche Geschichte mitgeteilt. Aus einer solchen Stichprobe lässt sich aber nicht auf die Grundgesamtheit aller Mietverhältnisse zurückschließen. Aufgrund eines ähnlichen Fehlers hatte die Zeitschrift Readers Digest einmal gemeldet, fast alle in den USA verlorenen Geldbörsen würden den Besitzern mitsamt Inhalt retourniert. So die Rückmeldung von Lesern, die sich auf einen entsprechenden Aufruf gemeldet hatten. Genauso wie an dieser Umfrage vor allem Menschen teilgenommen hatten, denen etwas Ungewöhnliches widerfahren war, sind in der Stichprobe der Süddeutschen Zeitung vermutlich soziale Härtefälle konzentriert. Zwar weist die Zeitung in ihrem Methodenbericht auf die fehlende Repräsentativität ihrer Stichprobe hin. Dennoch macht sie die Stichprobe nicht durch eine geeignete Gewichtung der Beobachtungen repräsentativer.

Auch der als ungewöhnlich steil kritisierte Anstieg der Mieten in München von 80 Prozent seit Mitte der 1990er Jahre ist alles andere als steil - pro Jahr ergibt das im Durchschnitt rund drei Prozent und damit in etwa den Anstieg der Lebenshaltungskosten insgesamt. Nichtsdestoweniger ist aktuell in Städten wie Berlin, München oder Hamburg ein starker Anstieg der Mietpreise zu beobachten, wenn auch mit erheblichen Unterschieden innerhalb derselben Stadt. Die Ursachen sind ein von der Politik gebremstes Angebot (auch durch Restriktionen bei der Ausweisung von Bauland), erhöhte Baukosten (nicht zuletzt aufgrund der Energieeinsparverordnung), und sicher auch Airbnb und ähnliche Angebote, die eine zeitlich befristete Vermietung von Wohnraum unterstützen und damit die Nachfrage zusätzlich erhöhen. Daran werden auch staatlicher Wohnungsbau und Mietpreisbremsen so schnell nichts ändern. Mit einem angeblich kaputten Mietmarkt hat das nichts zu tun.

Trumpeske Statistik?

Presseinformation vom 28.06.2018

Die Unstatistik des Monats stammt diesmal vom amerikanischen Präsidenten, der Mitte dieses Monats twitterte, in Deutschland sei infolge der Zuwanderung die Kriminalität um zehn Prozent angestiegen. Die deutsche Regierung würde diesen Anstieg jedoch absichtlich verschleiern.

Die Trumpschen Twittermeldungen führten in Deutschland wieder zu einer heftigen Diskussion über die Entwicklung der Kriminalität, die zum Beispiel der Münchener Merkur aufgriff. Fakt ist, dass sich die vom Bundeskriminalamt (BKA) ausgewiesenen Straftaten zwischen 2016 und 2017 um nahezu zehn Prozent verringert haben. Fakt ist aber auch, dass die polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) mit erheblichen Problemen verbunden ist. So erfasst die Kriminalstatistik nur das sogenannte Hellfeld, also diejenigen Straftaten, die der Polizei auch gemeldet werden. Daher hängen die in der Kriminalstatistik ausgewiesenen Straftaten von vielen verschiedenen Faktoren ab, die sich regional, insbesondere aber über die Zeit verändern können. So können Veränderungen der Anzahl der Straftaten über die Zeit auf echte Kriminalitätsänderungen, aber auch auf ein sich verändertes Anzeigeverhalten der Bevölkerung, beispielsweise aus versicherungstechnischen Gründen oder aufgrund öffentlicher Debatten, wie der mit dem MeToo-Hashtag verbundenen Diskussion über sexuelle Belästigung, zurückgeführt werden. Auch eine verstärkte polizeiliche Strafverfolgung oder auf Änderungen des Strafrechts können sich hier auswirken.

Im November 2016 wurden zum Beispiel im Sexualstrafrecht sowohl Straftatbestände geändert als auch neue geschaffen. Aus diesen Gründen wird in der PKS explizit darauf hingewiesen, dass die PKS „kein getreues Spiegelbild der Kriminalitätswirklichkeit [bietet], sondern ein je nach Deliktsart mehr oder weniger starke Annäherung an die Realität“. Ein ähnlicher Hinweis findet sich im Übrigen auch in der vom FBI herausgegebenen Kriminalitätsstatistik der USA.

Schließlich gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass die Bundesregierung die Kriminalitätsstatistik bewusst fälschen lässt. Auch wurde in Deutschland (noch) kein Statistiker dafür verurteilt, eine nach den gesetzlichen Vorgaben richtige Statistik veröffentlicht zu haben. In anderen Ländern geschieht das leider. So wurde gerade der ehemalige Chefstatistiker Andreas Georgiou zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er das Staatsdefizit Griechenlands korrekt ausgewiesen und ohne Rücksprache an Brüssel gemeldet hatte.

Computerfehler führte zum Tod von 270 Frauen

Presseinformation vom 30.05.2018

Die Unstatistik des Monats Mai 2018 beschäftigt sich mit den Schlagzeilen über versäumte Einladungen zum Mammographie-Screening in Großbritannien.

Zwischen 2009 und 2018 führte ein Fehler in einem Computer-Algorithmus dazu, dass in Großbritannien rund 450.000 Frauen im Alter von etwa 70 die Einladung zum letzten Mammographie-Screening nicht erhielten. Dadurch könnte möglicherweise das Leben von 135 bis 270 Frauen verkürzt worden sein, erklärte der britische Gesundheitsminister Jeremy Hunt vor dem Parlament. Das Nachrichtenportal RT Deutsch berichtete daraufhin, dass „135 bis 270 Frauen unerkannt an Brustkrebs gestorben“ sein könnten und das Online-Portal des österreichischen Frauen-Lifestyle-Magazins WIENERIN schrieb: „Das könnte 270 Frauen das Leben gekostet haben.“

Sind also bis zu 270 Frauen wegen nicht versendeter Einladungen gestorben?

Nein. Und das aus zwei Gründen. Der erste ist einfach: Eine verkürzte Lebenserwartung bedeutet nicht, dass man bereits gestorben ist. Nur etwa eine von sieben Frauen, die im Alter von 70 Jahren eine Brustkrebsdiagnose erhalten, stirbt in den nächsten fünf Jahren an Brustkrebs.

Der zweite Grund ist wichtiger und nicht ganz so einfach: Randomisierte Studien, bei denen etwa eine halbe Million Frauen unter Verwendung eines Zufallsmechanismus unterschiedlichen Gruppen zugeordnet wurden, ergaben keinen Nachweis, dass das Mammographie-Screening die Lebenserwartung erhöht. Vielmehr wurde gezeigt, dass sich die Sterblichkeit an Brustkrebs reduziert. Dies ist nicht das gleiche. Von je 1.000 Frauen, die über zehn Jahre am Screening teilnahmen, starb etwa eine weniger mit der Diagnose „Brustkrebs“, aber eine mehr mit einer anderen Krebsdiagnose. Daher wurde durch das Screening insgesamt kein Leben gerettet oder die Lebenserwartung verlängert. Hinzu kommt, dass pro 1.000 Frauen etwa fünf unnötigen Operationen oder Strahlenbehandlungen unterzogen wurden – unnötig, da sie einen nicht-progressiven, klinisch unbedeutenden Krebs haben, der diesen Frauen während ihres Lebens nie geschadet hätte. Letzteres bedeutet, dass die nicht versendeten Einladungen wahrscheinlich sogar hunderte von Frauen vor Schaden bewahrt haben.

Fazit: Eine Verringerung der brustkrebsspezifischen Sterblichkeit ist nicht das gleiche wie eine Erhöhung der Lebenserwartung. Und selbst wenn es eine Verringerung der Lebenserwartung für 270 Frauen gegeben hätte, dann hätte dies nicht bedeutet, dass diese 270 Frauen bereits gestorben sind. Dies sind feine, aber wichtige Unterschiede, die jeder Bürger und vor allem jede Frau kennen sollte, um sich nicht durch verdrehte Statistiken in sachlich unbegründete Aufregung und Angst versetzen zu lassen.

Immer noch Konfusion bei Kriminalität

Presseinformation vom 27.04.2018

Die Unstatistik April 2018 beschäftigt sich mit der jüngst veröffentlichten Kriminalitätsstatistik.

Die Stadt Frankfurt am Main führt mit 14.864 erfassten Straftaten pro 100.000 Einwohner im Jahr 2017 die Kriminalitätsliga in Deutschland an. Das melden unter anderem die Frankfurter Rundschau und der Tagesspiegel.

Aber tut sie das wirklich? Zunächst einmal gibt es große Unterschiede über Raum und Zeit bei der Erfassung von Kriminalität. In der einen Gemeinde schaut man bei Rauschgiftdelikten lieber weg, in der anderen wird ermittelt. Zudem pendeln in Frankfurt rund 300.000 Menschen täglich zur Arbeit ein, rund 60 Millionen Fluggäste kamen 2017 auf dem Flughafen Frankfurt an oder flogen ab. Alle von diesen Menschen verübten oder durch diese Menschen erlittenen Straftaten gehen auf das Konto der Stadt Frankfurt. In München dagegen gehört der Flughafen den Landkreisen Erding und Freising an.

Für einen sinnvollen Vergleich der Kriminalität über Gemeinden oder Länder hinweg wäre es also besser, die Zahl der Straftaten auf die Zahl der potenziellen Opfer und Täter und nicht auf die gemeldeten Einwohner zu beziehen.

Diesel, Stickstoff und 6000 Tote

Presseinformation vom 28.03.2018

Die Unstatistik März 2018 beschäftigt sich mit den 6000 angeblichen Stickstofftoten im Jahr 2014 in Deutschland.

Eine Studie, die im Auftrag des Umweltbundesamtes erstellt wurde, will herausgefunden haben, dass 5996 Bundesbürger an Herz-Kreislauf-Krankheiten vorzeitig verstorben seien, die sie sich durch NO2-Belastung zugezogen hätten. Die methodischen und konzeptionellen Mängel dieser Studie wurden schon an anderer Stelle kritisiert, unter anderem bei „Spiegel online“ und welt.de, sowie kabarettistisch aufgespießt bei „Nuhr im Ersten“ in der ARD (ab Sendeminute 24:40). Die Zahl 6000 ist das Produkt einer reinen Modellrechnung; es gibt zwar die Vermutung, aber keinen Nachweis, dass NOx zum Tod durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen führt. Kaum ein Arzt hat bisher die NOx-Belastung als Todesursache angegeben.

Die Stickstoff-Debatte läuft einseitig und mit Gedächtnisverlust: Früher haben wir uns um CO2 und das Ozonloch gesorgt und deswegen den Diesel gepriesen; heute sorgen wir uns um NOx und preisen das Elektroauto. Dabei übersehen wir, dass jede Technik Vor- und Nachteile hat, wie eine frühere Veröffentlichung des Umweltbundesamtes veranschaulicht. Ein Elektroauto mit 250 Kilometer Reichweite verursacht in Deutschland derzeit weit mehr Treibhausgasemissionen als ein Diesel, vor allem wegen der Strombereitstellung und des Energieaufwands für die Produktion (in Frankreich ist das wegen des Atomstroms anders, aber dieser ist in Deutschland mehrheitlich unerwünscht). Auch ohne Elektroautos schätzt das Umweltbundesamt, dass die NOx-Emission der herkömmlichen Kraftfahrzeuge bis 2030 um 56 Prozent niedriger sein wird als im Jahr 2014 und die Feinstaub-Emission sogar um 82 Prozent niedriger – alleine durch die Verbreitung der Euro-6 Norm und Partikelfilter. Sollte es 2030 sechs Millionen Elektrofahrzeuge geben, wie im Nationalen Entwicklungsplan angestrebt, dann fällt dies vergleichsweise wenig ins Gewicht, mit einer zusätzlichen Abnahme von 12 und 4 Prozentpunkten bei NOx und Feinstaub.

Belastungen durch Feinstaub und NOx sind vergleichsweise gering

Am Ende ist es hilfreich, sich die Risiken vergleichend anzusehen. Die Feinstaub-Produktion von drei Zigaretten ist zehnmal so hoch wie jene, die am Auspuff eines alten Ford Mondeo Euro-3 Diesel eine halbe Stunde lang gemessen wurde. Ein Adventskranz mit vier brennenden Kerzen kann bereits die Grenzwerte für NOx überschreiten.

Weiterhin sei betont, dass die Zahl der durch ein Risiko gleich welcher Art verstorbenen Menschen selbst bei korrekter Berechnung nur ein sehr irreführender Indikator für die Gesundheitsgefahren ist, die von dieser Risikoquelle ausgehen. Denn diese Zahl kann selbst dann zunehmen, wenn die Gefahr selber abnimmt – ganz einfach dadurch, dass andere Risiken ausfallen. Mit diesem Argument hatten wir bereits die 13 Millionen Umwelttoten der Weltgesundheitsorganisation zur Unstatistik Dezember 2017 gekürt.

Die großen Killer heutzutage sind Rauchen, Alkohol, Bewegungsmangel und ungesundes Essen. Die von Umweltschützern immer wieder betonten Gefahren durch Feinstaub oder Pflanzengifte sind dagegen in Deutschland relativ klein. In dieser Debatte gibt es nur zwei Fakten, die von niemandem zu bestreiten sind: Die Belastung durch Umweltschadstoffe einschließlich Stickstoff nimmt in Deutschland seit Jahrzehnten ab und die Deutschen leben im Durchschnitt immer länger. Diese Erfolge sollten wir würdigen, statt uns durch Schreckensnachrichten und Panikmache verunsichern zu lassen.

54 Prozent der Deutschen haben eingeschränkte Gesundheitskompetenz

Presseinformation vom 26. Februar 2018

Die Unstatistik des Monats Februar beschäftigt sich mit der vermeintlichen Gesundheitskompetenz der deutschen Bevölkerung.

Die Unstatistik des Monats Februar bezieht sich auf eine der zentralen Aussagen des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz, der am 19. Februar dem Bundesminister für Gesundheit vorgestellt wurde. Demnach haben 54 Prozent der Bevölkerung in Deutschland eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Das hat der „Health-Literacy Survey auf europäischer Ebene“ herausgefunden.

Das klingt, als ob diese Studie sich die Mühe gemacht hat, zu testen, wie kompetent die Deutschen tatsächlich sind. Aber: Niemand wurde getestet. Vielmehr wurden 47 Fragen zu verschiedenen Kompetenzen gestellt und die Probanden schlicht gebeten, selbst subjektiv zu beurteilen wie hoch ihre Kompetenz wäre. Ein Beispiel: „Wie einfach/schwierig ist es, die Packungsbeilagen/Beipackzettel Ihrer Medikamente zu verstehen?“ Das fanden 41 Prozent der Befragten ziemlich einfach und 22 Prozent sehr einfach. Wir wissen aber von wirklichen Tests, dass Beipackzettel selbst von Ärzten nicht verstanden werden. Jedem, der nicht weiß, was er nicht weiß und fälschlicherweise angibt, Beipackzettel leicht zu verstehen, wurde hier hohe Gesundheitskompetenz zugeschrieben.

Dann wurde gefragt, wie schwierig es ist zu verstehen, warum man Vorsorgeuntersuchungen braucht. Das finden 80 Prozent ziemlich einfach oder sehr einfach. Die Frage unterstellt, dass Vorsorge (Früherkennung) unbestritten mehr nützlich als schädlich sei, was für jeden, der sich mit deren Vor- und Nachteilen wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, höchst fragwürdig ist. Eine im Journal of the National Cancer Institute veröffentlichte repräsentative Studie hat das wirkliche Wissen der Deutschen getestet und zeigte dagegen, dass 98 Prozent der Frauen den Nutzen der Früherkennung von Brustkrebs und 94 Prozent der Männer jenen der Früherkennung von Prostatakrebs weit überschätzen. Diese erstaunliche hohe Fehleinschätzung liegt wahrscheinlich an der jahrzehntelang üblichen irreführenden Information, welche den Nutzen übertrieben und den Schaden heruntergespielt hat. Wenn man aber nicht weiß, dass man falsch informiert worden ist, wird man im Health-Literacy Survey als gesundheitskompetent eingestuft.

Statt tatsächlicher wird die gefühlte Gesundheitskompetenz ermittelt

Die Zahl 54 Prozent bezieht sich also nicht auf den Anteil der Deutschen, welche eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz haben, sondern auf den Anteil, welche das glauben. Die Vorsitzende des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin kritisierte die Studie bereits im „Ärzteblatt“. Verteidigt wurde die Studie mit dem Argument, dass in anderen europäischen Ländern die gleiche subjektive Befragung durchgeführt worden sei. Wenn aber andere den Unterschied zwischen gefühlter und tatsächlicher Kompetenz nicht kennen, dann müssen wir diesen Fehler nicht auch noch nachmachen.

Mangelnde Gesundheitskompetenz ist ein wirkliches gesellschaftliches Problem und es ist an der Zeit, mehr dagegen zu unternehmen. Dazu könnte der Nationale Aktionsplan beitragen. Es fällt nicht leicht, uns zu einem Thema kritisch zu äußern, das uns selbst am Herzen liegt. Die Kritik betrifft alleine die vorgestellte Studie. Nach deren Logik bräuchte man keine aufwendigen PISA-Studien mehr durchzuführen, sondern könnte einfach die Schüler fragen, was sie denn meinen, wie gut sie in Mathematik und Deutsch sind.

Hexenjagd wegen korrekter Fakten

Presseinformation vom 31. Januar 2018

Die Unstatistik des Monats Januar hat zum Thema, was einem Statistiker widerfahren kann, der eine „Unstatistik“ aufdeckt und korrigiert.

Im Jahr 2009 behauptete das hellenische Amt für Statistik (Elstat), das griechische Haushaltsdefizit betrüge 13,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Diese Behauptung wurde vom Europäischen Amt für Statistik (Eurostat) als nicht korrekt moniert. Im Jahr 2010 berechnete der neue Elstat-Präsident Andreas Georgiou das Haushaltsdefizit korrekt nach den europäischen Standards, korrigierte es auf 15,4 Prozent des BIP und wurde dafür von Eurostat mehrfach gelobt.

Nicht aber von der griechischen Politik. Georgiou wird seitdem mit Anklagen überzogen, etwa weil er mit der Veröffentlichung des korrekten Haushaltsdefizits strengere Reformauflagen und einen Schaden von 171 Milliarden Euro für Griechenland verursacht hätte. Oder weil seine Nachfrage, warum nicht gegen seine Vorgänger ermittelt würde, die gefälschte Zahlen veröffentlicht hätten, als üble Nachrede gewertet wurde (und er deshalb zu einer Geldstrafe verurteilt wurde). Darüber hinaus wurde er wegen eines Formfehlers zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt, weil er vor der Veröffentlichung der korrekten Haushaltszahlen den politisch besetzten Aufsichtsrat von Elstat nicht konsultiert hätte. Inzwischen haben mehrere Nobelpreisträger und vierzig Statistikorganisationen einen Protestbrief unterzeichnet und die Einstellung der Verfahren gegen Georgiou gefordert.

Und in Deutschland? „Alternative Fakten“ wurde zum Unwort des Jahres gekürt, in zahllosen Talk Shows wird über „Fake News“ berichtet und Politiker verabschieden Gesetze zur Einschränkung von deren Verbreitung. Aber die staatliche Verfolgung eines Statistikers, der korrekte Zahlen veröffentlicht, wird weitgehend ignoriert. Diskussionen in Talkshows finden nicht statt. Und die Bundesregierung äußert sich grundsätzlich nicht zu gerichtlichen Verfahren im Ausland.

Auch von den deutschen Medien berichteten nur wenige über den Fall Georgiou, darunter die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit. Anscheinend wird die Bedeutung korrekter und von politischem Einfluss unabhängiger Statistiken für die Demokratie auch in Deutschland noch nicht ausreichend gewürdigt.

Der oben genannten Protestaktion kann man sich hier anschließen. Diese Netzseite liefert auch detaillierte Informationen zum Fall Georgiou.

Das Buch zur "Unstatistik des Monats"

Buchcover

Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet - Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

216 S., zahlreiche Tabellen und Grafiken, Klappenbroschur
EUR 16,99/EUA 17,50/sFr 24,90
ISBN 978-3-593-50030-0
 

Siehe auch

Beteiligte Personen

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
Direktor des Forschungsbereichs "Adaptives Verhalten und Kognition"
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
sekgigerenzer [at] mpib-berlin [dot] mpg [dot] de

Prof. Dr. Thomas Bauer
Vizepräsident Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung
(0201) 81 49-264
www.rwi-essen.de

Prof. Dr. Walter Krämer
TU Dortmund
Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik
(0231) 755-31 25
www.tu-dortmund.de