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Orthographic Processing in Reading Acquisition (OPeRA)

Kinder können beim Lesen von Wörtern unterschiedliche Einheiten nutzen, zum Beispiel einzelne Buchstaben („B-ü-c-h-e-r“), Buchstabenkombinationen („B-ü-ch-e-r“) oder Silben („Bü-cher“). Sie können aber auch größere Einheiten verwenden, wie komplette Wörter oder Morpheme. Das sind Teile von Wörtern, die auch alleine eine Bedeutung haben („Büch-er“ besteht aus der Bedeutung von „Buch“ und „er“, was die Mehrzahl anzeigt). Theorien zum Leseerwerb nehmen an, dass Kinder mit zunehmender Leseerfahrung immer größere Einheiten verwenden.

Schriftspracherwerb | Vier Kinder lernen Lesen und Schreiben in der Schule
© Christian Schwier - Fotolia

Wie diese Entwicklung von kleineren zu größeren Einheiten beim Lesen verläuft, untersucht das Projekt OPeRA (Orthographic Processing in Reading Acquisition). Die Art, wie Kinder bestimmte Wörter erkennen, soll dabei Aufschluss geben über die Veränderung in Prozessen des Lesens von der ersten bis zur vierten Klasse. Kinder beginnen meist damit, Wörter durch Zusammenlautung einzelner Buchstaben oder Buchstabenkombinationen zu erfassen. Wenden Kinder kleinere Einheiten zur Zusammenlautung an, ist dies häufig langsamer, je länger ein Wort ist: es dauert länger das Wort „Bär“ im Vergleich zum Wort „Elefant“ zu lesen. Mit zunehmender Leseerfahrung wird es Kindern auch möglich, größere Einheiten zu erfassen, wobei das gesamte Buchstabenbild von Bedeutung ist. Werden größere Einheiten genutzt, so werden häufige Wörter schneller erkannt als selten Wörter: „Tiger“ hat dann einen Vorteil gegenüber „Tapir“. Diese sogenannten Längen- und Frequenzeffekte können als Anzeichen für die Leseentwicklung verstanden werden. Mit der Entwicklung zur Nutzung größerer Einheiten verändert sich auch die Sensitivität gegenüber Störungen im Buchstabenbild, wie Buchstabenvertauschungen („Lerher“ statt „Lehrer“) oder Aufteilungen an Silben- oder Morphemgrenzen („Leh:rer“ oder „Lehr:er“). Es wird vermutet, dass die Präferenz für bestimmte Einheiten beim Lesen von der Leseerfahrung, aber auch individuellen Fähigkeiten und sprachspezifischen Eigenschaften abhängt. Wann die verschiedenen Einheiten von Kindern effizient verwendet werden und welche sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten zu Beginn des Lesererwerbs die Nutzung bestimmter Einheiten in der Leseentwicklung unterstützen, ist bisher nicht geklärt.

Um diese Fragen bestmöglich zu beantworten, ist das Projekt OPeRA längsschnittlich angelegt. Es hat im Oktober 2013 mit rund 130 Berliner Erstklässlern begonnen und begleitet diese bis zum Ende der vierten Klasse im Frühjahr 2017. Die Kinder bearbeiten in regelmäßigen Abständen speziell konstruierte Worterkennungs- und Leseaufgaben einzeln am Computer. Dabei werden die oben beschriebenen Anzeichen mit lexikalischen Entscheidungsaufgaben und dem „masked priming“-Paradigma untersucht (siehe Methodenbereich). Erste vorläufige Auswertungen deuten an, dass Anzeichen der Nutzung größerer Einheiten überraschend früh im Leseerwerb zu beobachten sind: Frequenzeffekte und Effekte von Buchstabenvertauschungen entstehen bereits ab der zweiten Klasse. Außerdem scheint die Entwicklung der Nutzung größerer Einheiten von interindividuellen Unterschieden beeinflusst zu werden. Die Ergebnisse versprechen wichtige neue Erkenntnisse über die Entwicklungsverläufe der Nutzung verschiedener Einheiten im Lesen, welche in die Optimierung von Leseförderprogrammen einfließen können.

Kontakt

Bei Fragen oder Anregungen zu OPeRA wenden Sie sich bitte an

Jana Hasenäcker

hasenaecker [at] mpib-berlin [dot] mpg [dot] de