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MORPHEME

Viele Untersuchungen zum Schriftspracherwerb konzentrieren sich darauf, wie Kinder lernen, Buchstaben in Silben und Laute zu übersetzen. Dies ist wichtig, um zu verstehen, welche mentalen Prozesse an der frühen Leseentwicklung beteiligt sind. Bislang ist jedoch nur wenig über späteren Stadien der Leseentwicklung bekannt. In diesen lesen Kinder komplexere Wörter, die aus kleineren bedeutungstragenden Einheiten, sog. Morphemen, bestehen (z.B. Lehrer = Lehr + er  jemand, der lehrt). Das ist notwendig, weil die meisten Wörter vieler Sprachen morphologisch komplex sind. Das MORPHEME-Projekt untersucht in einer innovativen, interdisziplinären und sprachübergreifenden Längsschnittstudie, wie und wann Kinder lernen, morphologisch komplexe Wörter in ihre Bestandteile zu zerlegen.

Illlustration Lesende Maus
© Max-Planck-Institut für Bildungsforschung / Max Planck Institute for Human Development

Was untersucht MORPHEME?

Geübte Leserinnen und Leser können morphologisch komplexe Wörter schnell und mühelos in kleinere bedeutungstragende Einheiten, sog. Morpheme, zerlegen und ihnen Bedeutung zuweisen. Denn die Bedeutung der Wortstämme bleibt in den abgeleiteten Formen erhalten (z.B. ändert sich die Bedeutung des Stamms lehr- in den Wortformen Lehrer oder Lehren nicht). Auch ist die Bedeutung von Affixen wie z.B. er ziemlich konsistent (es bezieht sich auf jemanden, der eine gewisse Handlung ausführt). Die schnelle Identifikation von Morphemen ist deshalb wichtig für effizientes Lesen und erleichtert das Wiedererkennen von unbekannten und neuen Wörtern (wie z.B. entfreunden).

Ziel des MORPHEME-Projekts ist es, die mentalen Prozesse zu untersuchen, die bei der morphologischen Zerlegung beteiligt sind, und festzustellen, wie und wann morphologisches Wissen während der Leseentwicklung in das Lesesystem integriert wird. Das Projekt untersucht diese Forschungsfragen in einer sprachübergreifenden Längsschnittstudie, nämlich im Französischen und im Deutschen, die sich hinsichtlich ihrer morphologischen Produktivität stark voneinander unterscheiden.

Das von ANR-DFG geförderte MORPHEME-Projekt ist eine Zusammenarbeit zwischen Forscherinnen und Forschern der Forschungsgruppe REaD des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB) und des Laboratoire de Psychologie Cognitive der Universität Aix-Marseille (CNRS). Beide Partner sind Experten in der Leseforschung und verwenden eine Kombination von Methoden aus der experimentellen Kognitionspsychologie, Computerwissenschaft, Linguistik und Pädagogik.

Ziele des MORPHEME-Projekts

Ziel 1: Wir wollen ermitteln, wie und wann Kinder im Laufe der Leseentwicklung die Fähigkeit erwerben, morphologisch komplexe Wörter in ihre konstituierenden Morpheme zu zerlegen.

Ziel 2: Wir wollen untersuchen, ob die morphologische Produktivität einer Sprache die morphologische Entwicklung beeinflusst.

Ziel 3: Wir wollen untersuchen, ob morphologische Prozesse nur bei der Identifikation einzelner Wörter relevant ist oder auch beim natürliche Lesen im Satzkontext auftritt.

Ziel 4: Wir werden die Daten aus dem Projekt dazu verwenden, komputationale Modelle zur Worterkennung weiterzuentwickeln und zu testen, wie morphologische Prozesse bei Leseanfängern und bei geübten Lesern integriert werden können.

Wie wird MORPHEME durchgeführt?

In unseren Untersuchungen verwenden wir verschiedene Aufgaben, die unterschiedliche Wortidentifikationsprozesse erfassen (z.B. auditive und visuelle lexikale Entscheidung, lautes Lesen, maskiertes Priming). Diese Aufgaben werden deutsche und französische Kindern in einer Längsschnittstudie in den Klassen 2 bis 4 bearbeiten, um zu erfassen, wie sich ihre Fähigkeiten entwickeln. Gleichzeitig setzen wir auch Eyetracking-Verfahren ein, um zu untersuchen, ob diese Effekte auch in einer normalen Lesesituation beim Lesen von Sätzen auftreten. Mit dieser Methode werden die Augenbewegungen aufgezeichnet und überprüft, ob der Satzkontext die morphologische Verarbeitung beeinflusst.

Um zu beschreiben, wie sich morphologische Prozesse im Schriftspracherwerb entwickeln, werden wir die Daten aus dem Projekt dazu verwenden, die französischen und deutschen Versionen des CDP+-Modells der visuellen Worterkennung zu evaluieren und weiterzuentwickeln. Solche Modelle erlauben uns, besser zu verstehen, welche Prozesse genau bei der morphologischen Analyse ablaufen und zu prüfen, ob sie bei Leseanfängern und geübten Lesern identisch sind.

Warum ist MORPHEME wichtig?

Die meisten Untersuchungen zum frühen Lesenlernen konzentrieren sich auf lautbasierte Ansätze, bei denen Buchstaben in Laute und Silben überführt werden. In Sprachen wie dem Französischen oder Deutschen ist jedoch davon auszugehen, dass Kinder bereits früh in der Lage sind, auch größere Wortbestandteile zu verarbeiten. Das MORPHEME-Projekt untersucht die Prozesse, die in späteren Stadien der Leseentwicklung eine Rolle spielen, wenn französische und deutsche Kinder morphologisch komplexe Wörter lesen lernen. Die Ergebnisse des Projekts sind für alle Forscherinnen und Forscher von Interesse, die sich mit der Entwicklung von Leseprozessen im Schriftspracherwerb beschäftigen. Allerdings sind unsere Ergebnisse auch für Praktikerinnen und Praktiker, wie Lehrkräfte oder Sprachtherapeuten, relevant und die Ergebnisse des Projekts können dazu beitragen, neue evidenzbasierte Leseförderprogramme in Frankreich und in Deutschland zu entwickeln.

Kontakt

Bei Fragen oder Anregungen zu MORPHEME wenden Sie sich bitte an
Betty Mousikou

mousikou [at] mpib-berlin [dot] mpg [dot] de