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Abgeschlossene Projekte

Bereits abgeschlossene Projekte bzw. Projekte die nun an anderer Stelle fortgeführt werden, werden hier vorgestellt.

Klangkulissen des Politischen

bearbeitet von Dr. Sarah Zalfen

Klangkulissen des Politischen

Die Erforschung der Darstellung des Politischen hat durch den kulturalistischen Paradigmenwechsel in den Sozialwissenschaften eine Vielzahl an Facetten gewonnen – von der Rolle symbolischer Politik über die Theatralisierung und Medialisierung bis zum Verhältnis von Machtdarstellung und Darstellungsmacht, sind zahlreiche neue Bilder des Politischen in den Blick gerückt. Doch wie ‚klingen‘ diese Bilder? Anders als den visuellen Manifestationen wird der ephemeren Rolle der Musik für die Vermittlung und Erfahrbarkeit von Politik wenig Gehör geschenkt.

Im Fokus dieses Forschungsprojektes steht die musikalische Gestaltung von Parteitagen und Versammlungen von Parteien in Deutschland im 20. Jahrhundert. Der Einsatz von Musik  und insbesondere gemeinsamem Gesang interessiert als ein Medium und eine Praxis der emotionalen Vergemeinschaftung. Die musikalischen Elemente auf Parteitagen reichen der klassischen Konzertouvertüre über Arbeiterlieder, National- und Regionalhymnen und volkstümliche Blaskapellen bis hin zu Popstars.

 Selten erfüllen sie die Funktion der Aufführung eines Werkes sondern bildet eine Form der sozialen und emotionalen Partizipation, in der die Gemeinschaft erlebt wird. Musik ist hier keine Sprache der Gefühle, die individuelle und innerliche Emotionen auslöst, sondern eine Praxis, in der Gefühle mobilisiert, moduliert und kommuniziert werden. Die Vielfalt und Veränderlichkeit der Repertoires und Darbietungsformen verweist auf die Varianz auch der Bedeutungen und Empfindungen, die Musik in unterschiedlichen Parteikontexten erhält.

Die funktionale Rolle der Musik soll dabei nicht als ‚Missbrauch‘ verstanden werden – sie bildet vielmehr eine spezifische Strategie der Kontrolle und Selbstkontrolle, politische Ereignisse oder Gemeinschaften erlebbar zu machen. Sie ist ein Instrument „weicher Steuerung“, (der Steuerung mit und durch Emotionen).

“Can You Feel It, Too?”: Musik, Affekt, und Intimität in gegenwärtigen urbanen Elektronische-Tanzmusik-Szenen

bearbeitet von Luis-Manuel Garcia

“Can You Feel It, Too?”: Musik, Affekt, und Intimität in gegenwärtigen urbanen Elektronische-Tanzmusik-Szenen

Im Jahr 1988, als Chicagos post-disco “House Music” begann ein europäisches Publikum zu erreichen, veröffentlichte der Musikproduzent Larry Heard unter dem Namen „Fingers Inc.“ eine Schallplatte mit dem Titel „Can You Feel It?“ (Jack Trax JTX-20, vinyl EP). Der Titel-Track wies eine stimmliche Aufführung von Robert Owens auf, der den bombastischer Stil eines afroamerikanischen Predigers verwendete, um die House-Music und ihre zusammengehörige Tanzfläche als eine Utopie universeller und durch körperliche beziehungsweise affektive Erfahrung vermittelter Zugehörigkeit zu beschreiben. Eingestreut in Owens Rede war ein Sound-Sample einer Konzertaufnahme des Soul-Musik-Ensembles „The Jacksons,“ in der ein Musiker brüllend fragte, „Can you feel it?“ und ein erregtes Publikum mit brausend euphorischem Geschrei antwortete. Mehrfach und über verschiedene Kanäle stellte dieses House-Musik-Anthem eine utopische Fantasie von affektiver Zugehörigkeit zu einem noch zu entstehenden internationalen Publikum von Zuhöhrer_innen-Tänzer_innen der 1980er Jahre dar. Diese utopischen Fantasien werden immer wieder bei Elektronische-Tanzmusik (ETM) Veranstaltungen ausgelebt—so wohl in der Vergangenheit als auch heutzutage—während derer sich Massen von Unbekannten versammeln und überraschend intim miteinander umgehen; dabei nehmen sie an euphorischen und performativen Utopien eines Zusammensein teil, die aus Gesten von gesellschaftlicher Herzlichkeit, Momenten von Offenherzigkeit, und zusammen erlebten intensiven musikalischen Erfahrungen entstehen. Auf den Tanzflächen von Nachtclubs, Loft-Partys, und Raves beteiligen sich diese tanzende Musikfans an besonderen Formen von Intimität, die die herkömmlichen Narrative von Intimität umgehen und gegen die alltäglichen Etikette verstoßen. Wie entsteht und dauert solche Fremdenintimität fort? Auf welchen Ebenen wird sie gespürt, gefühlt, und artikuliert?

Dieses Projekt widmet sich diesen Fragen durch ein Verweben von: ethnografischer Feldforschung in den ETM-Szenen von Paris, Chicago, und Berlin; Analysen ihrer musikalischen Ästhetiken; und einer Auseinandersetzung mit der aktuellsten Forschung zu den Themen Affekt, Taktilität, und Intimität. Anhand von zwischen 2006 und 2010 durchgeführter ethnographischen Feldforschung in drei Städten fokussiert sich dieses „multi-sited“ Projekt auf gegenwärtige Tanzveranstaltungen, um die räumliche und körperliche Dimensionen in den Vordergrund zu rücken und dabei den Begriff „Stranger-Intimacy“ durch Raum, Affekt, und Musik neu zu konzipieren. Darüber hinaus setzt es sich mit den aktuellen Forschungen der Urbanistik und der kritischen Geographie auseinander, die die Beziehungen und Ströme zwischen sozialen Begegnungen, Affekt, und der bebauten Umwelt theoretisieren.

Die Gesellschaft macht die Musik

bearbeitet von Dr. Sven Oliver Müller

Die Gesellschaft macht die Musik. Das Oper- und Konzertpublikum in Berlin, London und Wien im 19. Jahrhundert

Dieses Projekt beschreibt die wandlungsreiche Kulturgeschichte des Musiklebens. Es sieht einen Vergleich des Opern- und Konzertbesuches in Berlin, London und Wien zwischen 1815 und 1914 vor. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht die Frage nach der kulturellen Aneignung und politischen Bedeutung von Musik. Die Arbeit fixiert mithin die Ebene der Rezipienten und konzentriert sich auf die Fragen des Geschmacks und des Hörverhaltens von Bürgern und Adeligen. Untersucht werden Ausbildung, Aufstieg und Auflösung der an bürgerlichen Normen orientierten Aufführungspraxis. Das Musikleben wird als Brennglas verstanden, das Einblicke in die Ordnung und die Deutungskämpfe der europäischen Eliten, sowie in die kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen im Laufe des „langen“ 19. Jahrhunderts gestattet.

Richard Wagner und die Deutschen. Eine Geschichte von Hass und Hingabe

bearbeitet von Dr. Sven Oliver Müller

Richard Wagner und die Deutschen. Eine Geschichte von Hass und Hingabe

Warum sollte man sich im Jahr 2013, im 200. Geburtsjahr Richard Wagners, seiner erinnern? Die zahlreichen Veröffentlichungen fixieren in der Regel die Facetten seiner Biographie oder seiner Kompositionen – selten und weit weniger ausdifferenziert die Auseinandersetzung mit Richard Wagner in der deutschen Gesellschaft. Der Fokus muss deshalb von der Analyse der musikalischen Werke auf deren Wirkung verschoben werden. Aus einer historischen Perspektive heraus betrachtet gewann Wagner seine Bedeutung nicht nur durch die Reproduktion des Werkes, als durch die einzigartige Rezeption des Komponisten durch das Publikum im öffentlichen Raum. Hier soll daher Wagners Wirkung nicht allein vor dem Hintergrund der Geschichte des langen 20. Jahrhunderts beschrieben werden. Vielmehr kommt es darauf an zu fragen, ob und inwieweit der Wagner Mythos selber die deutsche Geschichte veränderte. Richard Wagner ist vielleicht der einzige Komponist, über den die deutsche Gesellschaft im 20. Jahrhundert nicht zur Ruhe gekommen ist. Zu diskutieren ist, welche gesellschaftlichen Lager und Schichten die Weltanschauungen Wagners, den Kultstatus wie den Kulturwert der Kompositionen verdammten oder verklärten. War die Figur des „Meisters“ ein Ideal des Bildungsbürgertums, aber eine Fremdfigur für Arbeiter und Angestellte? Blieb der Kult um Wagner in erster Linie ein Phänomen des deutschen Konservatismus, später eine Ikone des Nationalsozialismus, oder erfanden ihn die Linksintellektuellen des Regietheaters nach 1945 neu?

Werktreue

bearbeitet von Dr. Sarah Zalfen in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Brunner (Executive Master in Arts Administration, Universität Zürich)

Werktreue

Der Terminus der „Werktreue“ ist zumeist Kampfbegriff oder Glaubensbekenntnis. Er ist eine zentrale Rezeptionskategorie, mit Hilfe derer eine (vermeintlich) historische Verankerung eines Geschmacks vollzogen wird. Die in der Werktreue imaginierte Tradition ist nicht die Vergangenheit der Musik selbst, sondern eine Bezugnahme der Gegenwart auf eine aktuell relevante Historizität, mit Hilfe derer sich Gruppen konstituieren und verständigen. Die Diskussionen um Treue und Treulosigkeit verweisen auf die emotionale Dimension des Themas – die Verletzlichkeit von kulturellen Werten und Geschichtsbildern, Angst vor dem Verlust von klaren Deutungsangeboten und nicht zuletzt die Lust am Tabubruch und ‚Seitensprung‘.

Was ist Werk, was Treue? Die Frage eröffnet ein breites Spektrum an Perspektiven auf Musik und Musiktheater. Das Projekt dokumentiert Antworten von renommierten Wissenschaftlern, Künstlern, Vertretern des Feuilletons und Administratoren des Kulturbetriebs. Er eröffnet musikhistorische Perspektiven auf die Genese des Werkbegriffs und der Autorenschaft, diskutiert die Chancen und Grenzen künstlerischer Neuschöpfung aus bestehendem Material, beleuchtet die Bedürfnisse und Befindlichkeiten des Publikums und erörtert urheberrechtliche Konfliktfälle. So entsteht eine interdisziplinäre, theoretische wie praktische Diskussion um das Spannungsverhältnis von Texttreue und Werkgerechtigkeit, lebendigem Theater und kulturellem Gedächtnis, künstlerischen Idealen und institutionellen Rahmenbedingungen.

Soundscapes of Emancipation: Music and Jewish Modernization in Berlin, 1770-1830

Executed by Dr. Yael Sela-Teichler

This project is concerned with Jewish participation in art music and musical culture in Berlin between 1770 and 1830 and the role of music in Jewish modernization at intersections with German Enlightenment (Aufklärung) and early romanticism. Scholarship on Jewish participation in musical culture in German-speaking lands has largely focused on nineteenth- and twentieth-century climactic instances, particularly the lives and works of acknowledged Jewish musicians. The historiographical watershed marking the admission of Jewish-born professional musicians into musical culture in the public sphere seems to have been largely determined by the 1829 performance of Johann Sebastian Bach's St Matthew Passion, initiated and conducted by the 19-year-old Felix Mendelssohn. This performance also heralded the rise of German nationalism, in which music was pivotal, as Celia Applegate has pointed out.

Yet, already in the course of the eighteenth century, the ambivalence with which music was marked in traditional Judaism during the Middle Ages gave way to an engagement with art music and its aesthetics (next to German literature, theater, and philosophy) as part of an acculturation process. Although, as this study shows, some circles remained ambivalent in their attitude to music outside and in liturgical practices, an emergent Jewish elite that embraced the values of the Aufklärung and the ethics of Bildung, particularly in Prussia. Following the model of Moses Mendelssohn, this elite rapidly adopted music as a social practice and a hallmark of acculturation as collectors, interpreters, patrons, spectators, performers, and even as composers.

The project traces the genealogy of the process by which German Jews began cultivating art music in increasingly public forms of participation during the late eighteenth and early nineteenth centuries and the philosophical, institutional, and political transformations that enabled Jews to become proponents and even agents of musical culture, while retaining, to various extents, their Jewish identity. The study seeks to understand how music – being a social practice, knowledge, and a set of aesthetic ideals – operated as an emotional experience and as a vehicle in the negotiation of modern German-Jewish identities. This process, it is argued, was embedded in the intertwinement of two developments represented by the 1829 revival performance of J.S. Bach's St Matthew Passion: the role of music in the formation of German nationalism, and the civil emancipation of Jews. Berlin constitutes the main focus of this project being a paradigm both of German Enlightenment and Jewish modernization around 1800, while drawing on cultural transfers between Berlin and Vienna, Hamburg, and Königsberg.

Music, Memory, and Emotions in the German-Jewish Experience of Modernity

executed by Dr. Yael Sela-Teichler, with Philip V. Bohlman, University of Chicago/Hochschule für Musik, Hannover

The project focuses on memory as an emotional category pivotal to both music and Jewish civilization. The point of departure upon which we wish to expand is the place of music in the encounters of central European Judaism with modernity. Under scrutiny is the mutual embeddedness of music and memory and the memory work that music has facilitated – and continues to facilitate today – in modern European Jewish experience.

Musical traditions are all predicated on memory. In Judaism, memory is a “dual movement of reception and transmission, propelling itself toward the future” (Yosef Hayim Yerushalmi 1982). Yet memory also encapsulates emotional imports, and as such it is highly contextualized, negotiated, and contingent. The meaning and interpretation of memory in the German-Jewish experience grows ever more in current, emotional charged debates, in which many voices realize vastly different – and conflicting – ways of experiencing Jewish history in twenty-first-century Europe.

In this project we seek to critically address questions pertaining to the emotional spaces in which Judaism’s multiple encounters with its non-Jewish environment have taken place and the mechanisms through which emotions and memory operate in music as an intersubjective mode of Jewish cultural participation, self-consciousness, and distinction. While we assume that emotions and memory bestow music its community-creating power, we wish to explore in a more differentiating manner how the Jewish experience underscores the limits of this assumption: how music’s emotional imports serve to delineate, negotiate, or undermine boundaries of identities.

In March 2013 we held a 2-day international symposium in Berlin-Wannsee, hosted by the MPIB in cooperation with the American Academy in Berlin, Center for Jewish Studies at the University of Chicago, and the Hochschule für Musik, Theater und Medien, Hannover. A volume entitled Voices of Displacement: Music and Memory in the German Jewish Experience of Modernity, co-edited by Yael Sela-Teichler and Philip V. Bohlman, is currently in preparation.