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Von der Vielfalt der Gefühle: Dirigenten als Produzenten musikalischer Bedeutung

bearbeitet von PD Dr. Sven Oliver Müller

Von der Vielfalt der Gefühle: Dirigenten als Produzenten musikalischer Bedeutung

Die Dirigenten großer Sinfonieorchester arbeiten gezielt mit Emotionen als kulturelle Praktiken. Denn Dirigenten verfügen in ihrem Beruf über eine besondere Deutungsmacht, die nicht nur die Musiker, sondern auch die Veranstalter, die Produzenten und das Publikum zu erfassen vermag. Das gilt für das späte 19. Jahrhundert ebenso wie für die Gegenwart. Dieses Projekt nimmt die Erzeugung und die Vermittlung von Musik durch Emotionen in der Arbeit von zeitgenössischen Dirigenten in den Blick. Uns interessiert deren Rückgriff auf Emotionen, um etwa bei einer Probe den Musikern durch Bilder, Gesten und Geschichten die eigenen Ziele zu verdeutlichen. Der Blick richtet sich auf die Vermittlung zwischen Komposition, Aufführungen der Musiker und Wirkungen im Publikum. Wir glauben, dass es gerade Dirigenten sind, die mit Hilfe von Emotionen Musik sichtbar und fühlbar machen. Was sind überhaupt Emotionen aus der Perspektive eines Dirigenten und wo werden Sie aktiv? Zu zeigen ist, wie Sie Musik in den Proben in eine emotionale Sprache übersetzen. Uns interessieren Ihre Metaphern, Witze, aber auch ihre Gesten und körperlichen Bewegungen durch die sie zunächst die Musiker und dann viele im Publikum begeistern, erschrecken oder bewegen. Wir haben in Interwies mit Nikolaus Harnoncourt und Christian Thielemann über die Bedeutung emotional bewerteter Kunstwerke im Musikleben der Gegenwart diskutiert. Eine Reihe von weiteren Interviews folgt bald. Diese sollen durch eine Veröffentlichung auch ein breiteres Publikum in der Öffentlichkeit erreichen.

Musikalische Bildung im British Empire. Gefühlsregeln in den Kolonien um 1900

bearbeitet von PD Dr. Sven Oliver Müller

Musikalische Bildung im British Empire. Gefühlsregeln in den Kolonien um 1900

Der Erfolg der europäischen Musik und der gesellschaftlichen Ideale der Europäer im späten 19. Jahrhundert spiegelte sich in den wachsenden kulturelle Ambitionen von Politikern, Missionaren und bürgerlicher Eliten gegenüber fremden Kulturen. Weite Teile der britischen Elite unterschieden deutlich zwischen den eigenen kulturellen Leistungen und dem Bildungsdefizit der beherrschten farbigen Völker in den Kolonien. Zur Aufgabe wurde es hier das „vormoderne“ Musikleben durch ein „richtiges“ europäisches Repertoire zu ersetzen, verstärkt durch wünschenswerte Emotionen unter den Einwohnern. Bestehende Regeln im britischen Musikbetrieb und der in London praktizierte Habitus und Geschmack dienten als Herrschaftsstrategien. Untersucht wird in wieweit das musikalische Projekt des „white man‘s burden“ zur emotionalen Erziehung in den Kolonien Schwarzafrikas genutzt wurde. Der Blick richtet sich auf Akten in den Ministerien, Schriften der Missionare, die Programme von Kolonialausstellungen, aber auch auf die Artikel in Musik- und Kulturzeitschriften. Von Interesse ist weniger die überschaubare Anzahl sog. klassischer Konzerte, sondern vielmehr die eigene Bewertung von gespielten Märschen der Militärkapellen und der Gesänge im Gottesdienst. Die Werbeschriften britischer Bürger und politischer Eliten über die „guten“ Gefühle der schwarzen Musikfreunde, und die Propagierung neuer Repertoires und Geschmäcker, lesen sich oft wie Bildungsaufträge zur Zivilisierung der Menschheit. Tatsächlich aber soll untersucht werden, ob dieser emotionale Imperialismus im Musikleben als Herrschaftsstrategie in Afrika erfolgreich wirkte, oder doch letztlich nur auf das Wohlbefinden der britischen Bevölkerung zielte.

Zwischen Sinn und Sinnlichkeit. Emotionale Dimensionen des kirchenmusikalischen Alltags im 19. Jahrhundert

bearbeitet von Dr. Marie Louise Herzfeld-Schild

Zwischen Sinn und Sinnlichkeit. Emotionale Dimensionen des kirchenmusikalischen Alltags im 19. Jahrhundert

Die Jahrhunderte langen Diskussionen um das Wie, das Was und das Wann des Kirchengesangs zogen auf Seiten der kirchlichen Obrigkeit stets die Frage mit sich, wie viel Emotionalität Religion zulasse. Da Musik als „Sprache der Gefühle“ die Menschen emotional unmittelbarer berührt als es Worte vermögen, war ihre angemessene Ausgestaltung von jeher von größter Bedeutung. Die jeweils zugelassene Kirchenmusik kann daher als eine Art Spiegel für die theoretischen emotionalen Dos and Don’ts der jeweiligen Zeit verstanden werden, wozu die Vorlieben und Wünsche der Gläubigen mit ihrer jeweiligen musikalisch-emotionalen Religiosität häufig einen praktischen Gegenpol darstellen.

Im Fokus des Projekts stehen die emotionalen theoretischen und praktischen Dimensionen des Kirchengesangs im 19. Jahrhunderts. Anhand der damaligen Diskussionen um den „wahren“ Kirchengesang lässt sich eine Neu-Sakralisierung und damit Re-Emotionalisierung von Religiosität nachzeichnen, die sich im Verlauf des 19. Jahrhundert in beiden Konfessionen als Gegenbewegung zum Rationalismus der Aufklärungstheologie entwickelte.

Besonders interessieren dabei Fragen nach den unterschiedlichen emotionalen Konzepten und Praktiken von Singen in den deutschen Kirchen des 19. Jahrhunderts: Welche sozialen, politischen oder theologischen Interessen bildeten dafür die Basis? Lassen sich konfessionelle Unterschiede in der musikalisch-religiösen Emotionalität ausmachen? Und schließlich: Kann aus der Wechselwirkung zwischen theologisch-theoretischen Diskussionen und religiös-musikalischer Praxis etwas für das allgemeine Verständnis von Musik als „Sprache der Gefühle“ im 19. Jahrhundert abgeleitet werden, und wenn ja, was?

Religiöse Szenen und Gebete in der Oper des 19. Jahrhunderts. Korrelationen religiöser Gefühle zwischen Bühne und Publikum

bearbeitet von Lena van der Hoven

Religiöse Szenen und Gebete in der Oper des 19. Jahrhunderts. Korrelationen religiöser Gefühle zwischen Bühne und Publikum

Die Thematisierung von Religiosität und Religion auf der Opernbühne wurde im 19. Jahrhundert zu einem ästhetischen und emotionalen Paradigma.Während die Aufführung kirchlicher Szenenauf der Opernbühne vor 1800 noch größtenteils tabuisiert war, wurden religiöse Szenen ab den 1820er-Jahren in Opern fast omnipräsent. Sie verweisen auf ein wachsendes gesellschaftliches Bedürfnis religiöse Themen auch außerhalb des Kirchenraumes zu verhandeln. Opern waren dabei nicht nur ein Ort der Reflexion gesellschaftlich etablierter emotionaler Praktiken sowie gesellschaftlicher und kultureller Belange, sondern auch ein Ort ihrer Kreation.

Dieses Projekt legt den Schwerpunkt seiner Untersuchung auf die Darstellung, Kreation und Reflexion religiöser Gefühle in deutschen Opernhäusernzwischen dem Wiener Kongress 1814 und dem Ende des Kulturkampfes 1887. Hierfür wird ein erster Fokus auf die körperlich-gestischen Darstellungen und musikalischen Umsetzungen von emotional-religiösen Praktiken und religiösen Empfindungen auf der Opernbühne gesetzt und ihre potentiellen Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und künstlerischem Diskurs analysiert. Da das Beten nicht nur einen fundamentalen Akt religiöser Praxis, sondern - wie die Oper - auch ein Moment der menschlichen Selbst- und Weltdeutung darstellt, werdenGebetsszenen separat in den Blick genommen. Ein weiterer Fokus liegt auf den emotionalen Gemeinschaftsbildungen im Publikum. Daraus resultieren unter anderem folgende Fragen: Kann anhand des „religiösen Gefühls“ ein sozio-kultureller Wandel beschrieben werden? Wie wird „Innerlichkeit“ als Gefühlstopologie des 19. Jahrhunderts in Gebeten und religiösen Szenen dargestellt? Erfolgt die Darstellung von Religiosität über spezifische Gender-Rollen, wie z.B. einer Zuschreibung von Frömmigkeit an die Frau? Wird die Darstellung eines „religiöses Gefühl“ in der Oper möglicherweise instrumentalisiert, um nationale Gemeinschaften zu stiften oder zu stärken?

Musikrezeption im gesellschaftlichen Wandel

bearbeitet von Tim Biermann

Emotion und Musikrezeption als Indikatoren gesellschaftlichen Wandels. Deutschland und Großbritannien 1950-1970

Das Projekt soll die Beziehungskonstellationen von konservativen und rebellischen Musikkultur in der U-Musik der 1950er- bis 1970er-Jahre in Deutschland und Großbritannien untersuchen. Die gegenseitige Beeinflussung steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung, lässt diese doch Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Gesamtkonstellationen und Veränderungen zu. Musik soll auf seine Funktion als Gesellschaft strukturierendes Element untersucht werden, wobei die emotionalen Bindungen der Rezipienten an die Musik eine entscheidende Rolle spielen.

Lisztomania

bearbeitet von Anabell Spallek

Die Lisztomania im europäischen Musikleben des 19. Jahrhunderts. Gefühle und Gemeinschaft in der Rezeption von Liszt als Genie

„Lisztomanie“ – auf diese Weise wurde die Begeisterung für den Klaviervirtuosen Franz Liszt (1811-1886) im 19. Jahrhundert charakterisiert. Von 1838 bis 1847 reiste Liszt durch ganz Europa und gab Konzerte an den verschiedensten Aufführungsstätten. Das ehemalige Wunderking Liszt wurde zum „Star“: Seine Zuhörer verehrten ihn als Genie und die Presse berichtete ausführlich über ihn, seine Konzerte und das Verhalten seiner Verehrer.

Der Fokus dieses Projektes liegt auf der Verbindung zwischen Musik, Gefühlen und Subjektbildung im historischen Kontext des vormärzlichen Europas vor 1848.  Diese Epoche – musikgeschichtlich das Zeitalter der Virtuosen genannt – war auch eine Umbruchszeit für die Musikkultur.  Es bildete sich ein professionalisierter und differenzierter Musikmarkt heraus. Liszt kreierte den romantischen Klaviervirtuosen und erfand das Klavierrezital.

Im 19. Jahrhundert wurde Musik gemäß einer romantischen Gefühlsästhetik als ein Ausdruck von inneren Gefühlen verstanden, nach der das musikalische Genie mit seiner Subjektivität die Musik erschafft und vermittelt. Im Liszt-Konzert sahen die Zuschauer Gefühle in Liszts Performance und Mimik verkörpert, hörten und fühlten Gefühle beim Zuhören von Liszts Spiel und beobachten die Gefühle der anderen Zuschauer ausgedrückt in deren Verhalten. Gefühle sind daher der Schlüssel, um die Rezeption von Liszts Virtuosität im 19. Jahrhundert verstehen zu können. Diese wird anhand von drei Ebenen – emotionalen Epistemologien, Räumen und Praktiken – mit einem kulturgeschichtlichen und praxeologischen Ansatz analysiert.

Wütende Gemeinschaften

bearbeitet von Henning Wellmann

Wütende Gemeinschaften - Emotionen und Vergemeinschaftung in der neueren Musikkultur von Punk bis Grunge

Mit der Mitte der 1970er Jahre aufkommenden Punkmusik erreichte die performative Darstellung und musikalische Präsentation von Gefühlen wie Wut und Zorn eine quantitativ wie auch qualitativ neue Dimension. Davon ausgehend lässt sich eine bis heute anhaltende Entwicklung musikalischer Stilrichtungen erkennen, in denen das Zurschaustellen und extrovertierte Ausleben ablehnender, anklagender, wütender Emotionen unerlässlicher, wenn nicht sogar zentraler Bestandteil ist. Punk markiert damit, nicht allein musikhistorisch, einen Ausgangspunkt, von dem aus sich eine Vielzahl von Genres und KünstlerInnen, der expressiven Darstellung von Wut, Zorn oder Hass als zentralem Element ihres Schaffens, widmen. Im Zuge dieser Entwicklung bildeten und bilden sich Gemeinschaften, die auf verschiedene Arten, in verschiedenen Kontexten und mit einer Vielzahl von Praktiken mit der Musik oder dem/der KünstlerIn interagieren. Dabei ist davon auszugehen, dass in den Konstitutionsprozessen und dem Fortbestand dieser Gemeinschaften, Emotionen eine tragende Rolle zukommt.

Das Projekt untersucht das Zusammenspiel von Musik, Emotionen und Gemeinschaft im Kontext einer ‚wütenden Musikkultur‘ in Deutschland und Großbritannien, vor allem fokussiert auf die Genres Punk und Hardcore(-Punk) und deren Zusammenhang mit und Auswirkungen auf andere Bereiche populärer Musik wie etwa Heavy Metal und Grunge. So konzentriere ich mich zum einen auf Fragen, die sich mit einer theoretischen Konzeptionalisierung des Verhältnisses von Musik und Emotionen aus kulturwissenschaftlicher und historischer Perspektive beschäftigen: wie lässt sich das Zusammenspiel von Musik und Emotionen unter der Prämisse theoretisieren, dass es stets im Zwischenraum zwischen subjektivem Erleben und dem Einfluss der dieses Verhältnis konstituierenden und beeinflussenden kulturellen und historischen Kontexte situiert ist?  Zum anderen ist das Ziel meines Projektes herauszufinden, wie Wut, bzw. ‚wütende Emotionen‘ in spezifischen musik- oder popkulturellen Szenen präsentiert, inszeniert oder verhandelt werden.