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Soziale Rationalität

In Europa haben Verbraucher die Wahl, ob sie Strom aus regenerativen Energiequellen – sogenannten Ökostrom – oder aus fossilen Brennstoffen beziehen möchten. Obwohl mehr als die Hälfte der europäischen Verbraucher angeben, dass sie Ökostrom präferieren, decken nur etwa 5% ihren Energiebedraf tatsächlich über regenerative Energiequellen. Dabei gibt es Ausnahmen, zum Beispiel die 2500-Kopf-Gemeinde Schönau im Schwarzwald. Schon im Jahr 2006 bezogen dort beeindruckende 99 Prozent (1669 von 1683) der Haushalte regenerative Energie.

Sind die 95% der Stromverbraucher, die nicht Ökostrom beziehen, deshalb Umweltsünder? Und sollten wir uns die Bewohner von Schönau zum Vorbild nehmen? Nicht unbedingt. Als es darum ging, die Stormversorgung auf regenerative Energie umzustellen, stimmten nur 52% der Bürger Schönaus dafür und 48% gegen die Einführung eines Ökostromnetzes. Der Grund für die hohe Akzeptanz regenerativer Energie liegt also weniger in der Einstellung der Bürger als vielmehr in der Umwelt: Die Bewohner von Schönau beziehen Ökostrom, solange sie sich nicht aktiv dagegen entscheiden (opt-out-System). Bewohner in den meisten Wohngegenden Europas beziehen hingegen erst Ökostrom, wenn sie sich aktiv dafür entscheiden (opt-in-System). Auch bei ethischen Fragen wie dieser bedient sich der Mensch offenbar einer einfachen Heuristik: Wenn es eine Vorgabe gibt, weiche nicht davon ab. Was wir von Schönau lernen können, ist also weniger eine umweltfreundliche Einstellung, als vielmehr die intelligente Verwendung dieser einfachen jedoch effektiven Heuristik.

Im realen Leben treffen Menschen selten alleine Entscheidungen. Sie leben und handeln in einem sozialen Umfeld, in dem ihre Entscheidungen von anderen Menschen beeinflusst werden. Modelle der sozialen Rationalität beschäftigen sich mit Heuristiken, deren Ergebnis nicht mehr nur rasch und ressourcenschonend, sondern gleichzeitig moralisch vertretbar, sowie argumentativ vermittelbar und konsensfördernd sein soll. Dabei spielen Gefühle und soziale Normen eine wichtige Rolle und sind deshalb zentraler Bestandteil der Forschung auf diesem Gebiet.

Referenzen

  • Gigerenzer, G. (2010). Moral satisficing: Rethinking moral behavior as bounded. Topics in Cognitive Science , 2 , 528-554.
     
  • Hertwig, R., Hoffrage, U., & the ABC Research Group (Eds.), (2013). Simple heuristics in a social world . New York: Oxford University Press.

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