EnglishDeutsch

Die Gesellschaft macht die Musik

The boxes
© Thomas Rowlandson

bearbeitet von Dr. Sven Oliver Müller

Die Gesellschaft macht die Musik. Das Oper- und Konzertpublikum in Berlin, London und Wien im 19. Jahrhundert

Die europäische Kulturgeschichte bildet das Thema dieses Habilitationsprojektes. Es sieht einen Vergleich des Opern- und Konzertbesuches in Berlin, London und Wien zwischen 1815 und 1914 vor. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses steht die Frage nach der kulturellen Aneignung und politischen Bedeutung von Musik. Die Arbeit fixiert mithin die Ebene der Rezipienten und konzentriert sich auf die Fragen des Geschmacks und des Hörverhaltens von Bürgern und Adeligen. Untersucht werden Ausbildung, Aufstieg und Auflösung der an bürgerlichen Normen orientierten Aufführungspraxis. Das Musikleben wird als Brennglas verstanden, das Einblicke in die Ordnung und die Deutungskämpfe der europäischen Eliten, sowie in die kulturellen, sozialen und politischen Veränderungen im Laufe des „langen“ 19. Jahrhunderts gestattet.

Richard Wagner - Eine Biographie in Deutschland 1883-2013

Richard Wagner Grafik
© Schwarwel

bearbeitet von Dr. Sven Oliver Müller

Richard Wagner - Eine Biographie in Deutschland 1883-2013

Warum sollte man sich im Jahr 2013, im 200. Geburtsjahr Richard Wagners, seiner erinnern? Die zahlreichen Veröffentlichungen fixieren in der Regel die Facetten seiner Biographie oder seiner Kompositionen – selten und weit weniger ausdifferenziert die Auseinandersetzung mit Richard Wagner in der deutschen Gesellschaft. Der Fokus muss deshalb von der Analyse der musikalischen Werke auf deren Wirkung verschoben werden. Aus einer historischen Perspektive heraus betrachtet gewann Wagner seine Bedeutung nicht nur durch die Reproduktion des Werkes, als durch die einzigartige Rezeption des Komponisten durch das Publikum im öffentlichen Raum. Hier soll daher Wagners Wirkung nicht allein vor dem Hintergrund der Geschichte des langen 20. Jahrhunderts beschrieben werden. Vielmehr kommt es darauf an zu fragen, ob und inwieweit der Wagner Mythos selber die deutsche Geschichte veränderte. Richard Wagner ist vielleicht der einzige Komponist, über den die deutsche Gesellschaft im 20. Jahrhundert nicht zur Ruhe gekommen ist. Zu diskutieren ist, welche gesellschaftlichen Lager und Schichten die Weltanschauungen Wagners, den Kultstatus wie den Kulturwert der Kompositionen verdammten oder verklärten. War die Figur des „Meisters“ ein Ideal des Bildungsbürgertums, aber eine Fremdfigur für Arbeiter und Angestellte? Blieb der Kult um Wagner in erster Linie ein Phänomen des deutschen Konservatismus, später eine Ikone des Nationalsozialismus, oder erfanden ihn die Linksintellektuellen des Regietheaters nach 1945 neu?

Werktreue

Pygmalion und Galatea
© bpk / MMA

bearbeitet von Dr. Sarah Zalfen in Zusammenarbeit mit Dr. Gerhard Brunner (Executive Master in Arts Administration, Universität Zürich)

Werktreue

Der Terminus der „Werktreue“ ist zumeist Kampfbegriff oder Glaubensbekenntnis. Er ist eine zentrale Rezeptionskategorie, mit Hilfe derer eine (vermeintlich) historische Verankerung eines Geschmacks vollzogen wird. Die in der Werktreue imaginierte Tradition ist nicht die Vergangenheit der Musik selbst, sondern eine Bezugnahme der Gegenwart auf eine aktuell relevante Historizität, mit Hilfe derer sich Gruppen konstituieren und verständigen. Die Diskussionen um Treue und Treulosigkeit verweisen auf die emotionale Dimension des Themas – die Verletzlichkeit von kulturellen Werten und Geschichtsbildern, Angst vor dem Verlust von klaren Deutungsangeboten und nicht zuletzt die Lust am Tabubruch und ‚Seitensprung‘.

Was ist Werk, was Treue? Die Frage eröffnet ein breites Spektrum an Perspektiven auf Musik und Musiktheater. Das Projekt dokumentiert Antworten von renommierten Wissenschaftlern, Künstlern, Vertretern des Feuilletons und Administratoren des Kulturbetriebs. Er eröffnet musikhistorische Perspektiven auf die Genese des Werkbegriffs und der Autorenschaft, diskutiert die Chancen und Grenzen künstlerischer Neuschöpfung aus bestehendem Material, beleuchtet die Bedürfnisse und Befindlichkeiten des Publikums und erörtert urheberrechtliche Konfliktfälle. So entsteht eine interdisziplinäre, theoretische wie praktische Diskussion um das Spannungsverhältnis von Texttreue und Werkgerechtigkeit, lebendigem Theater und kulturellem Gedächtnis, künstlerischen Idealen und institutionellen Rahmenbedingungen.

Klangkulissen des Politischen

Platzeck mit Bergarbeiterchor
© ddp images/AP

bearbeitet von Dr. Sarah Zalfen

Klangkulissen des Politischen

Die Erforschung der Darstellung des Politischen hat durch den kulturalistischen Paradigmenwechsel in den Sozialwissenschaften eine Vielzahl an Facetten gewonnen – von der Rolle symbolischer Politik über die Theatralisierung und Medialisierung bis zum Verhältnis von Machtdarstellung und Darstellungsmacht, sind zahlreiche neue Bilder des Politischen in den Blick gerückt. Doch wie ‚klingen‘ diese Bilder? Anders als den visuellen Manifestationen wird der ephemeren Rolle der Musik für die Vermittlung und Erfahrbarkeit von Politik wenig Gehör geschenkt.

In diesem Projekt interessiert, wie durch den Einsatz von Musik bei politischen Ereignissen eine emotionale Vergemeinschaftung gezielt angestrebt oder sogar realisiert wird – d.h. die (gesteuerte oder kollektive) Konstruktion einer Gruppe durch musikalisch motivierte Emotionen. Klanglich pompös oder dezent umrahmte Krönungen, Inaugurationen und Vereidigungen, rhythmisch unterlegte Paraden, singende Parteitage und skandierend tönende Demonstrationen entfalten ihre Wirkung nicht zuletzt durch die berührende und dadurch gemeinschaftstiftende Wirkung der Musik. Diese Rolle der Musik soll dabei nicht als ‚Missbrauch‘ verstanden werden – sie bildet vielmehr eine spezifische Strategie der Kontrolle und Selbstkontrolle, politische Ereignisse oder Gemeinschaften erlebbar zu machen. Sie ist ein Instrument „weicher Steuerung“, (der Steuerung mit und durch Emotionen) bzw. Element „emotionaler Regime“.

Soundscapes of Emancipation: Music and Jewish Modernization in Berlin, 1770-1830

Rahel und Marcus Levin
© bpk/Staatsbibliothek

executed by Dr. Yael Sela Teichler

This project is concerned with Jewish participation in art music and musical culture in Berlin between 1770 and 1830 and the role of music in Jewish modernization at intersections with German Enlightenment (Aufklärung) and early romanticism. Scholarship on Jewish participation in musical culture in German-speaking lands has largely focused on nineteenth- and twentieth-century climactic instances, particularly the lives and works of acknowledged Jewish musicians. The historiographical watershed marking the admission of Jewish-born professional musicians into musical culture in the public sphere seems to have been largely determined by the 1829 performance of Johann Sebastian Bach's St Matthew Passion, initiated and conducted by the 19-year-old Felix Mendelssohn. This performance also heralded the rise of German nationalism, in which music was pivotal, as Celia Applegate has pointed out.

Yet, already in the course of the eighteenth century, the ambivalence with which music was marked in traditional Judaism during the Middle Ages gave way to an engagement with art music and its aesthetics (next to German literature, theater, and philosophy) as part of an acculturation process. Although, as this study shows, some circles remained ambivalent in their attitude to music outside and in liturgical practices, an emergent Jewish elite that embraced the values of the Aufklärung and the ethics of Bildung, particularly in Prussia. Following the model of Moses Mendelssohn, this elite rapidly adopted music as a social practice and a hallmark of acculturation as collectors, interpreters, patrons, spectators, performers, and even as composers.

The project traces the genealogy of the process by which German Jews began cultivating art music in increasingly public forms of participation during the late eighteenth and early nineteenth centuries and the philosophical, institutional, and political transformations that enabled Jews to become proponents and even agents of musical culture, while retaining, to various extents, their Jewish identity. The study seeks to understand how music – being a social practice, knowledge, and a set of aesthetic ideals – operated as an emotional experience and as a vehicle in the negotiation of modern German-Jewish identities. This process, it is argued, was embedded in the intertwinement of two developments represented by the 1829 revival performance of J.S. Bach's St Matthew Passion: the role of music in the formation of German nationalism, and the civil emancipation of Jews. Berlin constitutes the main focus of this project being a paradigm both of German Enlightenment and Jewish modernization around 1800, while drawing on cultural transfers between Berlin and Vienna, Hamburg, and Königsberg.

Musikrezeption im gesellschaftlichen Wandel

Beatlesfans in London
© Ullstein Bild

bearbeitet von Tim Biermann

Emotion und Musikrezeption als Indikatoren gesellschaftlichen Wandels. Deutschland und Großbritannien 1950-1970

Das Projekt soll die Beziehungskonstellationen von konservativen und rebellischen Musikkultur in der U-Musik der 1950er- bis 1970er-Jahre in Deutschland und Großbritannien untersuchen. Die gegenseitige Beeinflussung steht dabei im Mittelpunkt der Betrachtung, lässt diese doch Rückschlüsse auf die gesellschaftlichen Gesamtkonstellationen und Veränderungen zu. Musik soll auf seine Funktion als Gesellschaft strukturierendes Element untersucht werden, wobei die emotionalen Bindungen der Rezipienten an die Musik eine entscheidende Rolle spielen.

Machtfaktor Musik

Beethoven-Denkmal in Bonn im März 1945
© Stadtarchiv

bearbeitet von Karolin Schmitt-Weidmann

Machtfaktor Musik. Musikkulturelle Kontrolle im besetzten Deutschland.

Die Kultur – und die Musik im Besonderen – spielte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine herausragende Rolle in Deutschland. Die Förderung der Musikkultur sollte zur Etablierung eines neuen Identitätsbewusstseins und zur Herausbildung eines Humanitätsideals beitragen und wurde in allen vier Sektoren in unterschiedlichen Ausmaßen und mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen beaufsichtigt und kontrolliert. Während sich die Zielsetzungen zunächst in allen Sektoren als antinationalsozialistisch verstanden, so verwandelten sich diese nach und nach in klare ideologische Abgrenzung der konkurrierenden Systeme des beginnenden Kalten Krieges. Vor dem Hintergrund der aus der Erinnerungsbewältigung resultierenden kulturpolitischen Tendenzen von 1945 bis 1955 möchte ich in meiner Arbeit eine Analyse der Vorgehensweisen und der musikgeschichtlichen und emotionalen Auswirkungen musikkultureller Kontrollversuche der Alliierten leisten.

Lisztomania

Liszt im Konzertsaal in Berlin
© Theodor Hosemann

bearbeitet von Anabell Spallek

Die Lisztomania im europäischen Musikleben des 19. Jahrhunderts. Gefühle und Gemeinschaft in der Rezeption von Liszt als Genie

Dieses Projekt untersucht die europäische Rezeption von Franz Liszt (1811-1886)  im 19. Jahrhundert, Heinrich Heine bezeichnete diese bisher so nicht dagewesene öffentliche Begeisterung für einen Klaviervirtuosen als „Lisztomania“. Emotionen spielten eine große Rolle in der Liszt-Rezeption: Einerseits die Emotionen, die der Zuschauer Liszt und seinem Spiel zuschrieb, und andererseits die Emotionen, die das Publikum beim Zuhören empfand. Für die Analyse der Rezeption stellen sich folgende Fragen: Welche emotionalen Praktiken und Gemeinschaften entwickelten sich in der europäischen Liszt-Rezeption?

Wütende Gemeinschaften

Punkmusik
© keepthismoment.com

bearbeitet von Henning Wellmann

Wütende Gemeinschaften?! Wut als vergemeinschaftendes emotionales Phänomen der neueren Musikkultur

Spätestens mit dem Aufkommen der Punkmusik und damit verknüpft der Punkkultur Mitte der siebziger Jahre erhielt ein neues Phänomen Einzug in die Geschichte der Populärmusik: Öffentlich zur Schau gestellte und intensiv ausgelebte Wut. Ausgehend von diesem Phänomen lässt sich eine Entwicklung musikalischer Stilrichtungen erkennen, in denen das Transportieren und extrovertierte Ausleben ablehnender, anklagender, eben wütender Emotionen unerlässlicher, wenn nicht sogar zentraler Bestandteil ist. Zusammenhängend mit dieser Entwicklung bildeten und bilden sich Gemeinschaften, die auf verschiedene Arten, in verschiedenen Kontexten und mit einer Vielzahl von Praktiken mit der Musik und/oder dem/der KünstlerIn interagieren. Die nähere Untersuchung dieses Zusammenspiels von Musik, Emotionen und Gemeinschaft im Kontext einer „wütenden Musikkultur“ in Deutschland und Großbritannien stellt den zentralen Aspekt dieses Projekts dar.