Therapeutisierung der Gefühle. Die transnationale Geschichte der Psychoanalyse in Berlin, London und Kalkutta (1910-1940)
Die Psychoanalyse ist von zentraler Bedeutung, um die Gefühlsgeschichte des 20. Jahrhunderts in einer transkulturellen Perspektive zu verstehen. Auf einer individuellen Ebene bot sie ein therapeutisches Emotionsmanagement an, das sich gerade für die Bewältigung von Alltagskrisen eignete und sich insbesondere bei urbanen Eliten in unorthodoxen Selbsttherapeutisierungsformen niederschlug. Gleichzeitig reflektierte diese Wissensform in ihrer populären Verbreitungsgeschichte unterschiedliche nationale Emotionskulturen und deren Wandlungsprozesse. Schließlich schuf sie Formen transkultureller Kommunikation über unterschiedliche Emotionsregime. Diese Diffusionsgeschichte war bereits im frühen 20. Jahrhundert erstaunlich transnational, so dass sie schon in den 1920er Jahren selbst in nicht-westlichen Kontexten wie der bengalischen Stadtkultur Kalkuttas populär werden konnte. Die emotionsgeschichtliche Relevanz dieser historischen Entwicklung soll anhand der folgenden Fragekomplexe untersucht werden:
Psychoanalyse als Thematisierungsmodus: Für die jeweiligen kulturellen Kontexte lassen sich psychoanalytisch geprägte Diskurse nach ihren emotionsgeschichtlichen Relevanz befragen: Wie werden Emotionen mit Hilfe der Psychoanalyse diskursiv verhandelt? Welche Emotionen (Angst, Trauer, Wut) tauchen auf? Lassen sich in der Thematisierung von Emotionen Grundintentionen rekonstruieren, etwa einer „rationalen“ Überwindung oder einer Kultivierung von Emotionen?
Psychoanalyse als Therapeutisierungsmodus: Die Etablierung und Verbreitung von therapeutischen Kulturen wirft weitere Fragen auf: Welche emotionalen Zustände wurden psychoanalytisch behandelt? Was galt wann und wie als psychoanalysier- und therapierbar? In welcher Form verbreitete sich eine „wilde“ Selbsttherapeutisierung im urbanen Alltag?
Psychoanalyse als transkultureller Aushandlungsmodus: Durch die Psychoanalyse ergaben sich neue Möglichkeiten der interkulturellen Kommunikation: Welche kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Emotionsregimes konnten die Psychoanalytiker und Psychoanalytikerinnen ausmachen? Welche Konsequenzen ergaben sich aus derartigen Erkenntnissen für das Selbstverständnis der Psychoanalyse, das klassischerweise auf der Annahme einer allgemeinmenschlichen Psyche mit universell gültigen Regeln und Mechanismen beruhte, was auch eine grundsätzlich gleiche emotionale Struktur implizierte? Kam es zu einem emotionsgeschichtlichen Relativismus oder hielt man an einem psychologischen Universalismus fest?