Was Eisangel-Wettbewerbe über menschliche Entscheidungen verraten

Internationales Forschungsteam führt großangelegtes Feldexperiment in Finnland durch

29. Januar 2026

In den zugefrorenen Landschaften Finnlands hat ein internationales Forscherteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des Exzellenzclusters „Science of Intelligence” der TU Berlin und der Universität von Ostfinnland in Joensuu eine ungewöhnliche Studie durchgeführt. Im Rahmen von Eisangel-Wettbewerben untersuchten sie das menschliche Verhalten bei der Suche nach Ressourcen. Die Ergebnisse der Studie sind im Fachjournal Science erschienen.

„Foraging – also das Suchen und Sammeln von Ressourcen – ist ein Verhalten, das überall vorkommt“, sagt Alexander Schakowski. Er erforscht kollektive Entscheidungsfindung am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. „Jedes Tier, jedes Bakterium, und jeder Mensch tut das. Ohne diese Fähigkeit gäbe es kein Überleben.&ldquo Alltägliche Beispiele für die Ressourcensuche sind das Finden guter Angelplätze oder Beerensträucher, ebenso wie die Auswahl eines Restaurants für einen besonderen Abend.

„Es wird davon ausgegangen, dass die Wechselwirkung zwischen Umwelt- und Sozialfaktoren ein wesentlicher evolutionärer Antrieb für die Entwicklung der Kognition ist“, fügt Schakowski hinzu. Für ihn sind soziale Nahrungssuche im Allgemeinen und Eisangel-Wettbewerbe im Besonderen ideale Fallstudien: Sie verbinden ökologische Komplexität – wie beispielsweise die räumliche Verteilung von Fischen – mit sozialen Dynamiken, darunter soziales Lernen und Wettbewerb.

Eisangel-Wettbewerbe als großangelegtes Feldexperiment

Gemeinsam mit einem Team von Forschenden des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, dem Exzellenzcluster „Science of Intelligence” der TU Berlin, und der Universität von Ostfinnland in Joensuu hat er 74 erfahrene Eisangler*innen über zwei Jahre hinweg bei zehn dreistündigen Wettbewerben auf zehn Seen in Ostfinnland begleitet. Das Team stattete die Angler*innen mit GPS-Uhren und tragbaren Kameras aus. Diese zeichneten Wege, Bewegungen, Fischfang, Beginn und Ende jedes Angelversuchs auf. Insgesamt kamen so 477 individuelle Foraging-Trips und 16.055 Entscheidungen für und gegen Angelplätze zusammen. Ergänzend stande bathymetrische Karten mit Tiefenlinien zur Verfügung, die den Seegrund detailliert abbildeten. Auf dieser Grundlage lässt sich untersuchen, inwiefern die topologische Struktur des Sees individuelle Entscheidungen beeinflusst.

Das Team organisierte die Wettbewerbe gemeinsam mit finnischen Partnern unter der Leitung von Raine Kortet. Er ist Professor für Gewässerökologie an der Universität Ostfinnland in Joensuu. Als passionierter Eisfischer, der tief in der Gemeinschaft verwurzelt ist, hat Kortet selbst erfolgreich an solchen Wettbewerben teilgenommen. „Ohne diesen Kontakt wäre es schwer gewesen, diese Wettbewerbe zu organisieren und genügend Teilnehmende zu gewinnen“, sagt Schakowski. Die Rekrutierung erfolgte über spezielle Messenger-Gruppen für Eisangler*innen; im zweiten Jahr gab es sogar mehr Freiwillige, als aufgenommen werden konnten. „Eisfischen hat in Finnland eine sehr lange Tradition, und diese Wettbewerbe dienen unter anderem dazu, diese kulturelle Praxis am Leben zu erhalten“, sagt Kortet über die Beliebtheit dieses Sports. „Die Barschbestände in den finnischen Seen sind zahlreich und gesund. Für unsere Teilnehmenden sind Eisangelwettbewerbe sehr wichtig für ihre Identität und spiegeln ‚Sisu‘ wider, ein spezifisch finnisches Konzept, das Stärke angesichts von Widrigkeiten beschreibt.“

 Zwei Jahre hintereinander fanden innerhalb einer Woche fünf Wettbewerbe statt, um vergleichbare Bedingungen zu haben. Dazu war hinter den Kulissen viel Organisation gefragt: „Eine Herausforderung bestand darin, Kameras zu finden, die drei Stunden lang Temperaturen von minus 30 Grad Celsius standhalten konnten. Wir haben dies getestet, indem wir verschiedene Kameras in den Gefrierschrank gelegt haben“, erinnert sich Schakowski. Um GPS und Video zeitlich zu synchronisieren, wurde zu Beginn jedes Wettbewerbs die Uhrzeit auf den GPS-Uhren gefilmt. „Am Ende hatten wir für jede Sekunde die XY-Koordinaten und die Information, ob jemand gerade einen Fisch gefangen hat. Damit konnten wir modellieren, wie sich Suche und Entscheidungen abhängig von Erfolg und sozialem Umfeld verändern.“ Schakowski selbst hat das Eisangeln einmal ausprobiert – ohne großen Erfolg. „Ich war mir ehrlich gesagt unsicher, was ich mache, wenn ich wirklich einen Fisch in der Hand halte“, sagt er und lacht. Das Team blieb in der beobachtenden Rolle; das Angeln haben die Forschenden den Profis überlassen.

Soziale Hinweise versus persönliche Erfahrung

Bei der Entscheidung, wohin Teilnehmende als nächstes hinziehen sollten, zeigte sich ein klares Muster: Persönliche Erfahrungen und soziale Signale ergänzen sich gegenseitig. Diejenigen, die gerade einen Fisch gefangen hatten, suchten weiter in der Nähe des erfolgreichen Ortes und mieden Gebiete, in denen zuvor kein Fisch angebissen hatte. Gleichzeitig wirkte die Anwesenheit anderer wie ein Magnet – insbesondere, wenn die eigene Erfolgsquote schlecht war.

„Wenn ich viele Angler*innen sehe, die lange Zeit an einem Ort sitzen, kann ich davon ausgehen, dass dort etwas los ist“, sagt Schakowski. Umgekehrt verließen sich erfolgreiche Teilnehmende stärker auf ihre eigenen Informationen und fühlten sich weniger zu Gruppen hingezogen. Diese bedingte Nutzung sozialer Hinweise steht im Einklang mit Theorien zu sozialen Lernstrategien: Menschen neigen eher dazu, auf andere zu schauen, wenn ihre eigenen Informationen ungewiss oder veraltet sind. Die Umwelt-Hinweise aus Tiefenlinien der Karten spielten eine deutlich geringere Rolle; sie beeinflussten die Platzwahl zwar leicht, zeigten sich aber nicht als zuverlässiger Prädiktor für tatsächliche Fangchancen.

Wer bleibt, wer zieht weiter?

Noch klarer fällt das Ergebnis aus für die Entscheidung, einen Angelplatz zu verlassen. Hier dominiert die unmittelbare Rückmeldung: Je länger kein Fisch anbeißt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, weiterzuziehen. Der erste Fang wirkt hingegen wie eine Bremse und führte dazu, dass man insgesamt länger an dieser Stelle blieb.

„Im Grunde folgt das Verhalten einer klaren Regel: Die ‚Zeit ohne Fang‘ zusammen mit der Information ob schon ein Fisch gefangen wurde, erklärt einen Großteil der Unterschiede bei den Entscheidungen, eine Angelstelle zu verlassen“, fasst Schakowski zusammen. Die soziale Dichte am Platz wirkte leicht stabilisierend (man blieb etwas eher), eine ungünstige Umgebung (viele erfolglose Plätze in der Nähe) erhöhte dagegen die Abbruchtendenz etwas.

Unterschiede zwischen Alter und Geschlecht

Teilnehmende unterschieden sich stabil darin, wie stark sie soziale Informationen nutzen und erfolglose Bereiche meiden. Frauen orientierten sich im Durchschnitt mehr an sozialen Hinweisen; ältere Teilnehmende blieben länger an Orten und mieden erfolglose Bereiche weniger. „Das passt zu Literatur, die zeigt, dass die Tendenz zur Exploration mit dem Alter abnimmt“, sagt Schakowski. Die selbst eingeschätzte Angel-Fertigkeit hatte hingegen keinen klaren Einfluss – im Durchschnitt hatten die Teilnehmenden mehr als 40 Jahre Erfahrung im Eisangeln; hier konnten Unterschiede kaum noch durchschlagen.  

Die Fischmenge in einem See beeinflusste die Strategien der Eisfischer*innen. An Seen mit höheren durchschnittlichen Fangmengen zeigten die Teilnehmenden weniger Interesse an kürzlich erfolgreichen Standorten und verließen diese auch schneller – ein rationales Verhalten in Umgebungen, in denen lohnende neue Flecken häufiger auffindbar sind. Trotz Strategieunterschieden blieb der individuelle Erfolg sprunghaft. „Wer am Ende des Tages ganz oben steht, lässt sich schwer vorhersagen und ist viel von Glück und Zufall geprägt“, sagt Schakowski. 

Innovative Forschungsmethoden aus der Verhaltensbiologie

Methodisch dient das Projekt als Blaupause. „Wir wollten raus aus dem Labor. Die in der kognitiven Psychologie üblicherweise verwendeten Methoden lassen sich nur schwer auf große, reale soziale Kontexte übertragen. Deshalb haben wir uns von Studien zum kollektiven Verhalten von Tieren inspirieren lassen, bei denen routinemäßig Kameras zur automatischen Aufzeichnung des Verhaltens und GPS zur kontinuierlichen Erfassung der Bewegungsdaten großer Tiergruppen eingesetzt werden“, sagt Projektleiter Ralf Kurvers. Er ist Senior Research Scientist am Forschungsbereich Adaptive Rationalität des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und Principal Investigator am Exzellenzcluster „Science of Intelligence” der TU Berlin. Kurvers, der sich ursprünglich mit der Verhaltensökologie von Vogel- und Fischschwärmen beschäftigt hat, untersucht heute kollektive Entscheidungen bei Mensch und Tier gleichermaßen.

Wer die Grundlagen sozialen Lernens in komplexen Umwelten kennt, könne auch Ressourcenmanagement unter veränderten Klimabedingungen besser verstehen – etwa, wie sich „Hotspots“ bilden und wie man Übernutzung – diesem Fall Überfischung – möglicherweise verhindern kann.

 

Auf einen Blick:

  • Eisangel-Wettbewerbe als Modell für Entscheidungsforschung: Ein internationales Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, des Exzellenzclusters „Science of Intelligence” der TU Berlin und der Universität Ostfinnland in Joensuu organisierte Eisangel-Wettbewerbe in Ostfinnland, um menschliche& Entscheidungen zur Nahrungssuche in freier Natur zu untersuchen, inklusive Einfluss von sozialer Umgebung, persönlicher Erfahrung und Umweltinformationen.

  • Teilnehmende und Wettbewerbe: Insgesamt nahmen 74 erfahrene Eisangler*innen über zwei Jahre an zehn dreistündigen Wettbewerben auf zehn Seen in Ostfinnland teil; dabei wurden 477 individuelle Angeltripsund 16.055 Entscheidungen zu Angelplätzen erfasst.

  • Interaktion von persönlicher Erfahrung und sozialen Hinweisen: Erfolgreiche Angler*innen vertrauten stärker auf eigene Erfolge, während weniger erfolgreiche Teilnehmende die Präsenz anderer als Indikator für lohnende Plätze nutzten; Umweltinformationen hatten nur geringen Einfluss.

  • Regeln fürs Bleiben oder Weiterziehen: Die Entscheidung einen Angelplatz zu verlassen, hängt vor allem davon ab, wie lange man nichts fängt. Der erste Fang sorgt dafür, dass man länger bleibt. Sind viele andere Angler*innen da, bleibt man ebenfalls eher.

Originalpublikation:
Schakowski, A., Deffner, D., Kortet, R., Niemelä, P. T., Kavelaars, M. M., Monk, C. T., Pykälä, M., & Kurvers, R. H. J. M. (2026). High-precision tracking of human foragers reveals adaptive social information use in the wild. Science, 391(6784), Article eady1055. https://doi.org/10.1126/science.ady1055   

Daten und Code sind frei zugänglich unter: https://github.com/aschakowski/Social-Foraging

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