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The Study, the Interviews and First Results (in German)

Zwischen Oktober 2008 und Juni 2009 hat Benno Gammerl 15 Frauen und 17 Männern im Alter zwischen 40 und 75 Jahren interviewt. Alle Erzählpersonen gaben in zwei ungefähr dreistündigen Gesprächen detailliert Auskunft über ihre Erfahrungen und Einschätzungen. Das erste Gespräch bezog sich als narrativ-biografisches Interview auf die komplette Lebensgeschichte der jeweiligen GesprächspartnerInnen, während sich das zweite auf einen Interview-Leitfaden stützte, der Themen wie Familie, Freunde, Identität, Stadt/Land, Partnerschaft, Sex und Medien umfasste.

Seit 2010 liegen diese Interviews in transkribierter, also verschriftlichter Form vor. Bei der Transkription wurde darauf geachtet, bestimmte Charakteristika der gesprochenen Sprache wie Pausen, Betonungen, Dehnungen und Wiederholungen zu notieren, um so eine möglichst genaue Interpretation des Materials zu ermöglichen.

Zurzeit werden die Gespräche pseudonymisiert. Dabei ändern oder verfremden wir alle Personen- und Ortsnamen, sodass die Interviews nicht mehr den einzelnen GesprächspartnerInnen zugeordnet werden können.

Gleichzeitig werden die Gespräche kodiert. Dazu verwenden wir atlas.ti, ein Computerprogramm zur qualitativen Datenanalyse. Einerseits ordnet die Kodierung bestimmte Interviewabschnitte bestimmten Themenbereichen zu, beispielsweise den Schlagworten „Arbeit“, „Beziehungen“, „Gefühl“, „Gender“, „Sexualität“ und so weiter. Das erleichtert zunächst die Suche nach bestimmten Passagen, zugleich eröffnen sich aber auch weitere Analysemöglichkeiten. So kann man danach fragen, welche Themen die Erzählpersonen in enger zeitlicher Nähe zueinander thematisierten, oder welche Begriffe sie beim Reden über Beziehungen am häufigsten verwendeten.

Daneben kommt es bei der Interpretation darauf an, die Charakteristika jeder einzelnen Lebensgeschichte herauszuarbeiten sowie zugleich auf Unterschiede und Besonderheiten in den Argumentationen und den narrativen Mustern zu achten. Auf diese Weise werden die Interviews einerseits überschau- und handhabbarer sowie andererseits komplexer und vielschichtiger gemacht, um auf dieser empirischen Grundlage Untersuchungsergebnisse formulieren zu können.

Zeitschriften

Die zweite wesentliche Quelle  für „anders fühlen“ sind homophile, schwule und lesbische Zeitschriften. Dazu gehören unter anderem „Der Kreis“, „Der Weg“, „Du&Ich“, „DON“ und „Rosa Flieder“ sowie „UKZ“, „Courage“ und „Lesbenstich“. Für unser Projekt besonders interessant sind dabei Artikel über das Landleben, Liebesgeschichten, Leserbriefe, Psycho-Tests und Kontaktanzeigen.

Erste Ergebnisse

Ausgehend von den Interviews und den Zeitschriften hat „anders fühlen“ bisher einige erste Ergebnisse erarbeitet. Dazu gehört die These, dass zwischenmännliche Intimität in den 1960er Jahren noch vom homophilen Paradigma der herzlichen Kameradschaft geprägt war, während nach 1970 das Muster der zärtlichen Freundschaft ins Zentrum rückte.

Eine weitere Verschiebung, die sowohl mann-männliche als auch frau-frauliche Konstellationen betraf, lässt sich aus Erzählungen über das Verlieben ablesen. Während Geschichten über die 1950er und 1960er Jahre meist die Plötzlichkeit und die Unmittelbarkeit des Gefühls betonen, unterstreichen Erzählungen über die spätere Zeit eher die allmählich und vorsichtig sich entwickelnde Zuneigung.

Zuletzt lassen sich generationsspezifische Muster bei der Verwendung des Worts „Liebe“ ausmachen. Während ältere GesprächspartnerInnen in einem sehr breiten, auch freundschaftlichen oder religiösen Sinn von „Liebe“ sprechen, verknüpfen die jüngeren Erzählpersonen „Liebe“ sehr eng mit den Erfahrungen, die sie in Partnerschaften, also in sowohl emotional als auch sexuell besonders engen Beziehungen gemacht haben.

Homosexualitäten, Gefühle und der Bruch um 1970?

Alle drei Thesen verweisen auf einen Wandel emotionaler Muster und Praktiken um 1970. Die Jahre um 1970 bieten sich als Zäsur gleichsam an. Einerseits kam es damals zur weitgehenden Entkriminalisierung der zwischenmännlichen Homosexualität in der Bundesrepublik. Andererseits formierten sich die Schwulen-, die Frauen- und die Lesbenbewegung. Antworten auf die Fragen, wie genau diese Phänomene mit der Veränderung des Gefühlslebens männerliebender Männer und frauenliebender Frauen zusammenhingen, und inwiefern sich der Unterschied zwischen Stadt und Land dabei auswirkte, müssen noch gefunden werden.

Publications

  • Benno Gammerl: Eine Regenbogengeschichte. In: Aus Politik und Zeitgeschichte 60 (2010), H. 15-16, S. 7-13.
  • Benno Gammerl: Schwule Gefühle? Homosexualität und emotionale Männlichkeiten zwischen 1960 und 1990 in Westdeutschland. In: Manuel Borutta, Nina Verheyen (Hg.), Die Präsenz der Gefühle. Männlichkeit und Emotion in der Moderne, Bielefeld 2010, S.255-278.
  • Benno Gammerl: "Sex gab's in Schöneberg, Revolution in Kreuzberg". In: Jungle World, Dschungel 45, November 5 (2009), S. 6-9.
  • Benno Gammerl: Erinnerte Liebe: was kann eine Oral History zur Geschichte der Gefühle und der Homosexualitäten beitragen? In: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), H. 2, S. 314-345.