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Early Careers and Family Formation: Life Courses in the Birth Cohort 1971 in East and West Germany (in German only)

Einleitung

Mit dem jüngsten Projekt "Frühe Karrieren und Familiengründung: Lebensverläufe der Geburtskohorte 1971 in Ost- und Westdeutschland" schlossen wir unmittelbar an die Untersuchungen der Ausbildungs- und Berufsverläufe der 1964 und 1971 in Westdeutschland (LV-West 64/71) und der 1971 in Ostdeutschland Geborenen (LV-Ost 71) an. In einer Wiederholungsbefragung wollten wir der Frage nachgehen, ob und wie es den jungen Frauen und Männern gelingt, Erwerbskarriere und Familie/Partnerschaft vor dem Hintergrund zunehmender Mobilitätsforderungen zu vereinbaren. Anlass für die Initiierung der Wiederholungsbefragung waren die Einschränkungen der bisher vorliegenden Datenbasis bei der vergleichenden Untersuchung der Lebensverläufe der 1971 in beiden deutschen Staaten Geborenen. Die Analysen des Übergangs ins Beschäftigungssystem mussten bislang auf Lehrabsolventen begrenzt bleiben, da bis zum Interviewzeitpunkt nur wenige der 1971 geborenen Abiturienten ein Hochschulstudium beendet hatten. Bei den ostdeutschen Lehrabsolventen bestand darüber hinaus das Problem, dass viele der Befragten aufgrund des Wandels der nachgefragten Berufsqualifikationen noch eine weitere berufliche Ausbildung absolviert haben, die sie bis zum Interviewzeitpunkt aber noch nicht beendet hatten.

Mit den vorliegenden Daten ist deshalb nicht zu beantworten, ob diesen Personen nach Abschluss der Zweitausbildung eine Integration ins Beschäftigungssystem gelang oder nicht. Aber auch in Westdeutschland hat sich der Zeitpunkt der Erwerbsintegration aufgrund der zunehmenden Verlängerung von Ausbildungszeiten (durch überdurchschnittliche Länge der Schulbesuche, Warteschleifen, berufsvorbereitende Maßnahmen oder Mehrfachqualifikationen) in das 3. Lebensjahrzehnt verlagert, so dass selbst die Erwerbsintegration der westdeutschen Lehrabsolventen häufig nicht abschließend analysiert werden kann. Weil die Interviews der in der DDR Geborenen im Jahre 1996/98 (also im 25./27. Lebensjahr) und der in der BRD Geborenen im Jahre 1998/99 (im 27./28. Lebensjahr) durchgeführt wurden, liegt auch der Anteil von Müttern und Vätern sowohl in der ost- als auch in der westdeutschen 1971er Geburtskohorte zum Interviewzeitpunkt (noch) deutlich unter 50 Prozent, so dass bisher ausschließlich Entscheidungen für frühzeitige Geburten betrachtet werden können.
 

Forschungsfragen (in German only)

1. Wie gelingt es den jungen Frauen und Männern, Erwerbskarriere und Familie/Partnerschaft vor dem Hintergrund zunehmender Mobilitätsforderungen zu vereinbaren?

Die Komplexität des Zusammenspiels der Lebensbereiche Erwerb, Partnerschaft/Familie und Wohnen ist dafür verantwortlich, dass es nur wenige Untersuchungen über die zeitliche Abfolge und das Timing von Ereignissen in diesen drei Lebensbereichen gibt. So konzentriert sich die Familien- und Geschlechterforschung eher auf die Bedeutung von Partnerschaft und Familie für den Erwerbsverlauf (vor allem von Frauen). Zwar gibt es hin und wieder einen Anknüpfungspunkt zur Wohngeschichte (vor allem wenn es um die 'mitreisenden Partnerinnen bzw. Ehefrauen' geht); systematisch ist der Zusammenhang zwischen Erwerbsverlauf, Wohn- und Partnerschaftsgeschichte jedoch noch nicht behandelt worden. Analysen zu Ursachen und Auswirkungen individueller regionaler Mobilität sind schon rar, aber nahezu unerforscht ist deren Zusammenhang mit Ereignissen in Partnerschaft und Familie.
2. Wie wirkt sich die Erwerbssituation der Frauen und ihrer Partner auf die Familiengründung aus?

Der Geburtenrückgang in Ostdeutschland fiel mit dem Wechsel von einem Plan- zu einem marktwirtschaftlichen System, d.h. mit der Umstrukturierung des Arbeitsmarkts und insbesondere mit dem Anstieg der Arbeitslosigkeit zusammen. Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, einen Zusammenhang zwischen Arbeitsmarktentwicklung und "Fertilitätskrise" herzustellen. Die wesentliche Annahme ist hier, dass es einer stabilen ökonomischen Situation bedarf, bevor sich ein Paar für eine Elternschaft entscheidet. Ökonomische Unsicherheit (wie Arbeitslosigkeit oder ein befristetes Beschäftigungsverhältnis) führen zum Aufschub der Familiengründung.
Dagegen kreisen die theoretischen Konzepte zur Erklärung des Rückgangs der Kinderzahl oder des Anstiegs des Alters bei Familiengründung in Westeuropa um das

Erwerbsverhalten und die Erwerbsorientierung der Frauen (Lesthaeghe 1992; Becker 1993). Diese Theoriekonzepte basieren insbesondere auf dem Modell der neoklassischen Haushaltsökonomie, deren wesentliche Annahmen die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und die Unvereinbarkeit von Kind und Beruf sind. Nimmt man diese Annahmen zum Ausgangspunkt, ergibt sich die Hypothese, dass Frauen mit höherer Bildung weniger Kinder bekommen (Becker 1993) bzw. die Elternschaft während der „Karriereplanung“ aufschieben (Gustafsson 2001). Zu hinterfragen ist, ob karrierorientierte Frauen hinsichtlich der Familiengründung anders auf Arbeitslosigkeit und ökonomische Unsicherheit reagieren als Frauen mit schlechten Erwerbsaussichten.
3. Kann durch den Einsatz biografischer Kalender die Erinnerungsfähigkeit bei retrospektiven Lebensverlaufserhebungen verbessert werden?

Angesichts der Anschlussprobleme bei der Erhebung von Lebensverlaufsdaten im Paneldesign verstehen wir die Wiederholungsbefragung jedoch auch als methodisches Experiment, in dem versucht wird, die von uns bereits erhobenen Lebensverlaufsdaten als Grundlage für die Anschlussbefragung zu nutzen. Dabei soll als "Anker" zur Verbesserung der Erinnerungsfähigkeit nicht ein bestimmtes historisches Ereignis (wie Dezember 1989 in der LV-Ost Panel-Erhebung) dienen, sondern die eigenen, in der Vorgängerstudie berichteten Lebensverlaufsereignisse. Dafür ist ein Erhebungsinstrument nötig, das die kognitive Arbeit der Befragten erleichtert und den Interviewer beim Entdecken und Aufklären von Inkonsistenzen unterstützt. Bei der Erhebung von Ereignisdaten ist dies vor allem durch den Einsatz biografischer Kalender und Zeitlinien möglich, in denen Erkenntnisse aus der Kognitionspsychologie umgesetzt werden. Ihre Überlegenheit gegenüber herkömmlichen Frageverfahren ist zum Teil durch aussagekräftige Vergleichsstudien belegt. Dabei sind aber noch etliche Fragen offen, u.a. wie genau sie in der Interviewsituation ihre Wirkung entfalten, welche Personen und Inhalte besonders profitieren, wie die Kosten der Innovation im Vergleich zum Ertrag einzuschätzen sind. Für die Erhebung lebensgeschichtlicher Daten in der hier beantragten Wiederholungsbefragung sollen Erkenntnisse aus der methodologischen und kognitionspsychologischen Forschung sowie aus der langjährigen Erhebungspraxis am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung im Programm „LDEX“ umgesetzt werden. Dieses soll die Erhebung vollständiger Ereignissequenzen durch Visualisierung und Konsistenzprüfungen unterstützen. Weil es sich dabei um eine innovatives Verfahren von Lebensverlaufsdaten im Paneldesign handelt, sollten seine Effekte auf die Datenqualität und Erhebungskosten in einer Split-Ballot-Studie evaluiert werden.
 

Erhebungsinstrument (in German only)

Grundsätzlich wurde auf das in den vorhergegangenen Lebensverlaufsstudien verwendete Erhebungsinstrument zurückgegriffen, das aber in einer 'abgespeckten' Version eingesetzt wurde. Dabei sollte jedoch nicht auf einzelne Module verzichtet werden, sondern in den einzelnen Modulen– im Kontext der Zielstellung – nicht relevante Fragen verzichtet werden. Zur Minimierung von Episoden-Anschlussfehlern sollte das Erhebungsinstrument so gestaltet werden, dass den Befragten ihre jeweils letzten Angaben zu den Episoden aus der Erstbefragung als Vorinformation vorgegeben werden. Dauerten diese letzten Episoden zum Interviewzeitpunkt noch an, wurden diese Episoden vervollständigt. Dauerten sie nicht an, wurde nach Episoden gefragt, die die Befragten nach dieser letzten Episode in dem entsprechenden Lebensbereich verbracht hatten. Darüber hinaus wurde die Modularisierung auch bei der Erwerbsgeschichte konsequent umgesetzt, d.h. jede Episode in den uns relevant erscheinenden Lebensbereichen (Schule, Ausbildung, Erwerbstätigkeit, Arbeitslosigkeit, Erziehungsurlaub) wurde separat erfasst.

Nach Abschluss der Befragung zu diesen Modulen wurden die Angaben in einem neuen Modul automatisch auf Lücken und Überschneidungen geprüft sowie vergessene bzw. noch nicht angesprochene Aktivitäten aufgenommen. Dem Interviewer wurde vorgegeben, wo solche Probleme vorhanden sind, und er konnte dann gezielt nach deren Korrektheit fragen. In dieser Prüfsequenz war es möglich, auch die einzelnen Hauptmodule erneut aufzurufen, um Zeitkorrekturen an bereits erfassten Episoden und Neueingaben von bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfassten Hauptaktivitäten zu ermöglichen. Der Interviewer wurde innerhalb dieser Prüfsequenz unterstützt, indem Informationen über die bisher erfassten Angaben zur Verfügung gestellt (grafisch und tabellarisch), die problematischen Zeiträume besonders gekennzeichnet und entsprechend Fragen zu Überschneidungen bzw. Lücken eingeblendet wurden. Nach Eingabe von Korrekturen aktualisierten sich Tabelle, Grafik und Prüfsequenz automatisch so lange, bis alle problematischen Punkte bearbeitet wurden.

Ablauf und Zeitplan (in German only)

Mai 2004 Pretest der Evaluationsstudie (16 aus LV-West 64)
Mai-Juni 2004 Evaluationsstudie (600 aus LV-West 64)
Juni 2004 Pretest der Wiederholungsbefragung (16 aus LV-West 64)
Juli-August 2004 Wiederholungsbefragung (alle aus LV-West 71 und LV-Ost 71)

 

Angestrebte Fallzahl (in German only)

Evaluation des Erhebungsinstruments

Für die Evaluation des Erhebungsinstruments sollten ausschließlich die Adressen von Angehörigen der LV-West 64 zum Einsatz kommen. Hier sollten die Module Wohngeschichte, Erziehungsurlaub, Ausbildung, Erwerbstätigkeiten, Arbeitslosigkeiten von 300 Personen ohne Unterstützung durch einen Kalender und 300 Personen mit Unterstützung durch einen Kalender erhoben werden.
Wiederholungsbefragung

Wiederholungsbefragung

Von den 1.435 Fällen der LV-West 71 erklärten sich 108 nicht panelbereit, damit betrug die Bruttostichprobe 1.327 Fälle. Geht man von einer ähnlichen Ausschöpfungsquote wie in den vorherigen Lebensverlaufsstudien von ca. 60 Prozent aus, sollte die Nachbefragung der LV-West 71 ca. 800 auswertbare Interviews erbringen.

Von den 610 Fällen der LV-Ost 71 erklärten sich 44 nicht panelbereit, damit betrug die Bruttostichprobe 566 Fälle. Geht man von einer ähnlichen Ausschöpfungsquote wie in den vorherigen Lebensverlaufsstudien von ca. 60 Prozent aus, sollte die Nachbefragung der LV-Ost 71 ca. 340 auswertbare Interviews erbringen.