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Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozess (LV-Ost 71)

Einleitung

In der Studie „Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozess (LV-Ost 71)“ (ZA-Studien-Nr.: 3926) wurden von Mai 1996 bis Januar 1998 in einer Erstbefragung 610 Lebensverläufe von Frauen und Männern erhoben, die 1971 in der DDR geboren und im Oktober 1990 noch in Ostdeutschland lebten. Diese Erhebung stellt eine Ausweitung der Panelbefragung von DDR-Bügern aus den Geburtsjahrgängen 1929-31, 1939-41, 1951-53 und 1959-61 dar, die 1996/97 im Rahmen des Projektes „Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozess“ (LV-Ost) in einer zweiten Welle ausführlich zu ihrem Lebenslauf seit Dezember 1989 interviewt wurden.

Auf der Grundlage des Erhebungsinstrumentes der LV-DDR wurde ein Befragungsprogramm entwickelt, das dem Übergang zwischen Schule und Erwerbsleben und der Familienbildung während der gesellschaftlichen Veränderungen in Ostdeutschland besondere Aufmerksamkeit schenkt. Im Anschluss an die Erhebung wurde unter der Federführung von Britta Matthes und unterstützt von Erika Brückner, Beate Lichtwardt und Petra Spengemann eine gründliche Datenedition durchgeführt. Dabei stellte sich heraus, dass in vielen Fällen zur Klärung von Mehrdeutigkeiten und Widersprüchen eine Nachrecherche notwendig wurde.

Diese organisierte Beate Lichtwardt. Ralf Künster hat vor allem bei der Datenkorrektur und -prüfung große Hilfe geleistet.

Ziele des Projekts

Mit dieser Erhebung untersuchen wir die Folgen der institutionellen Veränderungen während der ostdeutschen Transformation für die Lebensverläufe der DDR-Geburtskohorte 1971. Das Besondere an dieser Geburtskohorte ist, dass die 1971 in der DDR Geborenen 1989 ihr 18. Lebensjahr vollendeten. Sie hatten also. noch vor dem Beitritt der neu gebildeten ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik die allgemeinbildende Schule verlassen, waren jedoch noch nicht (vollständig) ins DDR-Beschäftigungssystem integriert. Damit stellt sich die Frage, ob die Befunde der Transformationsforschung, welche sich bislang immer auf die Personen konzentriert hatte, die im DDR-Beschäftigungssystem integriert waren, auch auf die Geburtskohorte 1971 zutreffen.

  • Das Projekt konzentrierte sich deshalb erstens auf die Veränderungen des Erwerbseinstiegs während der ostdeutschen Transformation. Unter welchen Bedingungen wurden die Bildungs- und Berufsentscheidungen revidiert, die vor der Wende unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen zustande gekommen und mit anderen Zukunftsvorstellungen verbunden waren?
  • Zweitens waren die Veränderungen der Familiengründung von besonderem Interesse. Ist der Geburtenrückgang nach 1989 in Ostdeutschland, an dem diese Geburtskohorte wesentlichen Anteil hatte, als Anpassung an die westdeutschen Verhaltensmuster oder als temporäre Verschiebung aufgrund hoher ökonomischer Unsicherheiten während der strukturellen Veränderungen in Ostdeutschenland zu interpretieren?

Frageprogramm

Auf der Grundlage des Erhebungsinstruments der Studie "Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR (LV-DDR)" "wurde ein standardisiertes, computergestütztes Befragungsprogramm entwickelt, mit dem sowohl telefonische als auch persönliche Interviews (CATI-/CAPI-Methodenmix) durchgeführt werden konnten. In einem Pretest wurde das Erhebungsinstrument auf Verständlichkeit und Akzeptanz unter den Zielpersonen sowie auf Handhabbarkeit seitens der Interviewer getestet. In den Interviews wurde retrospektiv und in empirisch-quantitativer Weise um detaillierte Angaben über die Herkunftsfamilie, die Wohn-, die Schul- und Ausbildungs-, die Erwerbs-, die Partnerschaftsgeschichte und die Kinder sowie über die Mitgliedschaft in Organisationen und politischen Vereinigungen, die aktuellen Einstellungen zu Parteien, die sozialen Netzwerke und die Zukunftsperspektiven gebeten (siehe Codebuch). Diese Angaben ermöglichen eine detaillierte Rekonstruktion der Lebensverläufe der 1971 in der DDR Geborenen.

Stichprobendesign

Die Basis für die Erhebungen der Lebensverläufe der 1971er DDR-Geburtskohorte stellte ein Mastersample dar, das im Oktober 1990 aus dem zentralen DDR-Einwohnermelderegister gezogen worden war (siehe Konzeption der Stichprobe in LV-DDR). Mit dem Rückgriff auf dieses Mastersample konnte sichergestellt werden, dass die mobilen Zielpersonen, d.h. jene Personen, die nach dem Oktober 1990 nach Westdeutschland verzogen waren, bei der Ziehung noch berücksichtigt und durch eine Recherche der neuen Adresse auch am neuen Wohnort befragt werden konnten. Bei der Überprüfung der Adressen anhand des Datenbestandes des Statistischen Bundesamtes (1992) stellte sich heraus, dass im Mastersample zu wenige Adressen der kleinsten Ortsgrößenklasse vorhanden waren. Daher wurde diese Ortsgrößenklasse bei der Ziehung um 30 Prozent aufgestockt. Ferner wurde die Anzahl der Frauen leicht erhöht, um die Relation 50:50 zwischen den Geschlechtern zu erhalten. Aus diesem leicht modifizierten Mastersample wurde die Stichprobe für die 1971 in der DDR Geborenen gezogen.

Vor und während der Anschlusserhebung wurden intensive Bemühungen unternommen, die Anzahl neutraler Ausfälle zu minimieren. Deshalb wurden die Zielpersonen in Vorbereitung auf die Erhebung ausführlich über das Thema und die Methode der Studie informiert und für eine Teilnahme ein Los der „Aktion Sorgenkind“ angeboten. Im November 1996 wurde der Anreiz für ein vollständig realisiertes Interview erweitert, indem eine Aufwandsentschädigung von 50,- DM angeboten wurde.

Datenerhebung

Bei der Befragung der 1971er DDR-Geburtskohorte, die von Mai 1996 bis Januar 1998 dauerte, kamen 1.816 Adressen zum Einsatz. Die Zahl der realisierten und auswertbaren Fälle beträgt 610 Personen, was einer Ausschöpfungsquote von 49,5 Prozent entspricht (vgl. Tabelle 1). Damit liegt sie leicht unter der Quote, die bei der LV-DDR erreicht werden konnte.
 

Tabelle 1: Ausschöpfung und Ausfallgründe

 
N
%
Bruttostichprobe
1.816
100,0
Neutrale Ausfälle
583
32,1
Bereinigte Stichprobe
1.233
100,0
Kein Kontakt zu Haushalt oder Zielperson
102
8,3
Krank
6
0,5
Verweigert
512
41,5
Realisierte Fälle
613
49.7
Nicht auswertbare Interviews
3
0,2
Auswertbare Interviews/Ausschöpfungsquote
610
49,5

Insbesondere der Anteil der Zielpersonen, die eine Teilnahme an der Studie verweigerten, war mit 41,5 Prozent sehr hoch. Darüber hinaus lag, da der Zeitraum zwischen dem Zeitpunkt der Stichprobenziehung (Oktober 1990) und dem Interview (Mai 1996 bis Januar 1998) relativ lang war, der Anteil stichprobenneutraler Ausfälle (Adresse unbekannt, Wohnung unbewohnt, Zielperson unbekannt, Zielperson neue Adresse, Zielperson verstorben) mit 32,1 Prozent – trotz verstärkter Anstrengungen bei der Recherche der aktuellen Adressen – deutlich über dem bei Lebensverlaufsuntersuchungen üblichen Umfang.

Repräsentativität

Vor diesem Hintergrund erschien es uns angebracht, die Repräsentativität der realisierten Stichprobe der LV-Ost 71 analytisch zu überprüfen. Man geht bei stichprobenneutralen Ausfällen davon aus, dass diese zufälliger und nicht systematischer Art sind, sodass sich durch solche Ausfälle keine Verzerrungen der ursprünglichen Stichprobe ergeben. Allerdings ist dieser Zusammenhang bisher nur unzureichend analysiert worden. Unter der Annahme, dass insbesondere regional mobile Zielpersonen viel schwerer zu erreichen sind und dass regionale Mobilität sozial selektiv erfolgt, ist eine Stichprobenverzerrung durch die „stichprobenneutralen“ Ausfälle vor allem bei der hier befragten Geburtskohorte nicht auszuschließen.

Um eventuelle Stichprobenverzerrungen analytisch zu überprüfen, haben wir ausgewählte Randverteilungen der realisierten Stichprobe der LV-Ost 71 mit denen der Mikrozensuserhebungen aus den Jahren 1991, 1993, 1995 und 1996 verglichen. Dieser Vergleich ergab, dass in der LV-Ost 71 neben für solche Erhebungen typischen Verzerrungen - auch Abweichungen aufgetreten sind, die auf Schwierigkeiten bei der Recherche der aktuellen Adressen zurückgeführt werden können. Diese Abweichungen sind allerdings bei der Untersuchung von Wechselbeziehungen zwischen Variablen (und deren Veränderung in der Zeit) unwichtig, sofern dieser Selektionsbias berücksichtigt wird.

Datenedition

Die Erstedition wurde noch während der Erhebung durch eine automatisierte Datenkontrolle durchgeführt, die in das Befragungssystem integriert war. Zum Beispiel wurden Daten sofort durch Wertebereichsdefinitionen geprüft, und die Konsistenz von Zeitverläufen wurde noch während des Interviews durch Einblendung von vordem genannten Daten kontrollierbar gemacht. Um einen ersten Überblick über die häufigsten Datenfehler zu erhalten, wurde der unedierte Datenbestand zunächst problemorientiert gesichtet. In einem nächsten, ungleich aufwendigeren Schritt der Qualitätsüberprüfung wurde jedes Interview am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin, quasi ‘per Hand’ ediert (siehe Editionsbericht).

Die Prüfung und Korrektur der Lebensverlaufsdaten beschränkte sich dabei nicht auf die Eliminierung inhaltlich nicht definierter Codes oder auf die Korrektur von Filterfehlern, sondern bedeutete v.a. auch akribische inhaltliche Konsistenz- und Plausibilitätsprüfungen. Anschließend erfolgte eine umfangreiche Nachrecherche (siehe Nachrecherchebericht), um die auch nach der Edition weiterhin bestehende Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zu klären. Abschließend wurden in einem intensiven Datenprüfungsprozess insbesondere die Filterführung und die Wertebereiche, aber auch die Zulässigkeit zeitlicher Überschneidungen von Episoden in unterschiedlichen Themenbereichen nochmals überprüft (siehe Bericht über die Prüfung der Daten).

Hinweise zur Datenanalyse

Der im Zentralarchiv für empirische Sozialforschung in Köln vorliegende Public-Use-File der Studie „Ostdeutsche Lebensverläufe im Transformationsprozess (LV-Ost Panel)“ besteht aus einzelnen SPSS-Datenfiles für die jeweiligen Lebensbereiche. Der Public-Use-File wurde identischen datenschutzbedingten technisch-formalen Veränderungen unterworfen, wie der Public-Use-File der Vorgängerstudie LV-DDR. In diesen Datenfiles sind alle direkten Ortsbezüge sowie alle offenen Texte nicht mehr enthalten. Die in der Befragung verwendete „Fragebogennummer“ wurde durch eine neue künstliche Personenidentifikations-Variable ersetzt, deren Werte mithilfe eines Zufallsgenerators erzeugt wurden. Außerdem wurde die Sortierung der Fälle geändert, sodass kein direkter Bezug zwischen Datenfiles und Fragebögen hergestellt werden kann.

Dokumentation (Downloads)

Dokumentationshandbuch

Teil 1:
Datendokumentation

Teil 2:
Materialien