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Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR (LV-DDR)

Einleitung

Die Studie "Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR (LV-DDR)" ist für alle Interessierten über das Zentralarchiv für empirische Sozialforschung in Köln erhältlich (ZA-Studien-Nr.:2644). Sie war integraler Bestandteil des umfassenderen Forschungsvorhabens "Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel", das 1979 im Sonderforschungsbereich 3 "Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik" der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Karl Ulrich Mayer ins Leben gerufen wurde und ab 1983 am Forschungsbereich "Bildung, Arbeit und gesellschaftliche Entwicklung" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin fortgeführt wurde.

Für diese Lebensverlaufsstudie befragten wir zwischen September 1991 und Oktober 1992 2.331 Männer und Frauen aus vier Geburtskohorten (1929-31, 1939-41, 1951-53 und 1959-61), die 1990 in der DDR gelebt haben. Eine postalische Zusatzerhebung mit 1.267 dieser Personen fand zwischen Juni und August 1993 statt. Koordiniert und in wesentlichen Teilen konzipiert wurde diese Studie von Johannes Huinink. Weitere Mitglieder der Projektgruppe waren Martin Diewald, Karl Ulrich Mayer, Heike Solga, Annemette Sørensen und Heike Trappe. An der Datenedition und -organisation waren wesentlich Ralf Künster, Maria Martin und Renate Minas beteiligt.

Ziel des Projekts

Zielsetzung des Projektes war es, mit der Untersuchung der Lebensverläufe von Frauen und Männern von vier DDR-Geburtskohorten einen Beitrag zur Rekonstruktion der Sozialgeschichte der DDR zu leisten.

  • Damit sollten erstens Ursachen der Krise sowie des Zusammenbruchs der DDR-Gesellschaft verständlicher werden. Lassen sich in den Lebensverläufen der DDR-Bürger und -Bürgerinnen Anzeichen für interne Entwicklungen in der DDR finden, die das Ende dieses Staates - wenn schon nicht ausgelöst - so doch vorbereitet und befördert haben?
  • Zweitens sollte das Projekt helfen, die Transformation in Ostdeutschland adäquat zu beschreiben und zu erklären. Dabei ging es insbesondere um die Frage, inwieweit die "Wendeschicksale" eine Folge der unterschiedlichen Lebensgeschichten und kollektiven Generationsschicksale vor 1990 darstellten.
  • Und schließlich beabsichtigte das Projekt drittens einen Beitrag zur Soziologie der DDR-Gesellschaft zu leisten. Hier interessierte uns insbesondere die Frage, in welcher Weise das Leben der DDR-Bürger und -Bürgerinnen wirklich durch Staat und Partei reglementiert und gesteuert wurde, welche strukturellen Handlungsspielräume ihnen in der DDR eingeräumt wurden, welche Handlungsbedingungen sie selbst bestimmen konnten und inwieweit sie individuelle Interessen verfolgen und durchsetzen konnten.

Stichprobendesign

Kohortendesign

Nach einer nahezu einjährigen Vorbereitungsphase, in deren Verlauf wir zwei Pilotstudien durchführten, wurden in Zusammenarbeit mit infas Sozialforschung deutsche Bewohner der ehemaligen DDR aus den Geburtsjahrgängen 1929-31, 1939-41, 1951-53 und 1959-61 ausführlich zu ihrem bisherigen Lebensverlauf befragt. Die Auswahl dieser Geburtskohorten erfolgte aus zwei Gründen. Zum einen bietet ein Vergleich dieser vier Geburtsjahrgänge - aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenszeiten in der DDR - die Möglichkeit, den sozialen Wandel in der DDR explizit zu untersuchen. Die kohortenanalytische Sicht auf die Lebensverläufe ermöglicht es, die Interaktion von individuellen und historischen Prozessen zu untersuchen sowie der Wechselwirkung von politischer Intervention, institutionellen Rahmenbedingungen und individueller Lebensgestaltung nachgehen zu können. Zum anderen galt für die Auswahl dieser Geburtskohorten (sowie für die Entwicklung eines möglichst zu westdeutschen Lebensverlaufsbefragungen kompatiblen und doch den Bedingungen der DDR angepassten Fragebogens) das Kriterium der Vergleichbarkeit der LV-DDR-Daten mit entsprechenden Daten aus Westdeutschland (LV West I, LV West II, LV West III). Eine Ausnahme bildet die Erhebung der Kohorte 1951-53 für die DDR (für Westdeutschland wurden die Kohorten 1949-51 und 1954-56 erhoben). Der Grund dafür sind die mit dem VIII. Parteitag der SED (1971) beginnenden familienpolitischen Maßnahmen, die erstmals für die Familiengründungsphase dieser Geburtsjahrgänge relevant wurden.

Konzeption der Stichprobe

Unabhängig vom Projekt "Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR (LV-DDR)" hatte infas Sozialforschung die Möglichkeit, im Oktober 1990 ein Mastersample aus dem zentralen Einwohnermelderegister der ehemaligen DDR zu ziehen. Bei diesem Mastersample hatten alle Personen, die in der zentralen Einwohnermeldekartei registriert waren, die gleiche Auswahlwahrscheinlichkeit. Von daher ist das infas-Mastersample selbstgewichtend. Es basiert auf einer Gemeindestichprobe, die nach den damals vorhandenen 217 Stadt- und Landkreisen und 10 Gemeindegrößenklassen durch Anordnung geschichtet war. In den Großstädten wurden zusätzlich die Stadtbezirke zur Schichtung herangezogen, so dass sich insgesamt 267 Schichten ergaben. Die gezogenen Personenadressen waren in 427 Gemeinden in Ostdeutschland (einschließlich Ostberlin) aufzufinden, die in 560 sampling points unterteilt wurden. Für jeden dieser sampling points liegt eine gleiche Anzahl von Adressen vor, sodass das Mastersample (ebenfalls) innerhalb der Gemeinden nicht geklumpt ist. Aus diesem Mastersample wurde die Stichprobe der vorliegenden Studie zufallsgesteuert für jede Kohorte getrennt gezogen.

Zu beachten ist, dass das Mastersample im Oktober 1990 gezogen wurde. Befragt wurden demzufolge nur Personen, die zu diesem Zeitpunkt noch in der DDR lebten. Personen, die bis Oktober 1990 in die alten Bundesländer übergesiedelt waren, sind daher nicht in der Stichprobe enthalten. Jedoch wurden die 8 Personen, die nach Oktober 1990 verzogen sind, "nachverfolgt" und an ihrem neuen Wohnort befragt.

Datenerhebung

Die Haupterhebung dauerte von September 1991 bis Oktober 1992. Die Zahl der realisierten Fälle beträgt 2.331 Personen, mit jeweils ca. 600 Interviews pro Kohorte und nahezu gleichen Anteilen an Männern und Frauen. Die Ausschöpfungsquote beträgt 52 Prozent (vgl. Tabelle 1). Sie liegt damit auf dem Niveau vergleichbarer Studien. Dies ist um so bemerkenswerter als sich die Feldbedingungen vor allem in der zweiten Hälfte des Erhebungszeitraumes - vermutlich aufgrund der aufkommenden Stasi-Diskussion sowie regionaler Zeitungs-"Drückerbanden", die sich als "Interviewer" ausgaben - relativ schwierig gestalteten.

 

Tabelle 1: Ausschöpfung und Ausfallgründe der Haupterhebung 1991/92

 
Geburtskohorte
Gesamt
 
1929-31
1939-41
1951-53
1959-61
N
%
Bruttostichprobe
1141
1185
1188
1236
4.750
100,0
Neutrale Ausfälle
36
49
79
117
281
5,9
Bereinigte Stichprobe
1105
1136
1109
1119
4.469
100,0
Kein Kontakt zu Haushalt oder Zielperson
34
41
57
72
204
4,6
Krank
37
22
10
15
84
1,9
Verweigert
436
477
458
451
1.822
40,8
Keine Angabe
3
8
5
5
21
0,5
Realisierte Fälle
595
588
579
576
2.338
52,3
Nicht auswertbare Interviews
3
2
1
4
7
0,2
Auswertbare Interviews/Ausschöpfungsquote
59

Es wurden persönliche, mündliche Interviews durchgeführt, die im Durchschnitt über alle Kohorten 2 3/4 Stunden (ohne Pausen) dauerten. Die durchschnittliche Interviewlänge der jüngsten Kohorte betrug 2 1/2 Stunden, die der ältesten Kohorte hingegen ca. 3 Stunden. Interessanterweise gab es zwischen Männern und Frauen in Bezug auf die durchschnittliche Interviewdauer keine Unterschiede.

Zwischen Juni und August 1993 wurde mit jenen Personen, die bei der Befragung 1991/92 ihre Panelbereitschaft erklärt hatten, eine schriftliche Zusatzerhebung durchgeführt. Realisiert wurden hier 1.267 Interviews. Bezogen auf die Teilstichprobe der Panelbereiten konnte damit eine Ausschöpfungsquote von 65 Prozent erreicht werden (vgl. Tabelle 2). 54 Prozent der 1991/92 interviewten Personen nahmen auch an dieser Zusatzerhebung teil.

 

Tabelle 2: Ausschöpfung und Ausfallgründe der schriftlichen Zusatzerhebung

 
N
%
Bruttostichprobe
1.992
100,0
Neutrale Ausfälle
56
2,8
Bereinigte Stichprobe
1.936
100,0
Kein Rücklauf
640
33,1
Explizit verweigert
29
1,5
Realisierte Fälle
1.267
65,4

Repräsentativität

Auf Basis der zugänglichen Strukturmerkmale (Geschlecht, Kohorte, Bundesland, Ortsgröße) führte infas Sozialforschung eine Repräsentativitätsprüfung der realisierten Stichprobe der 1991/92 durchgeführten Erhebung durch und kam zu dem Schluss: "... die Ergebnisse sind, wie auch der Soll-Ist-Vergleich der Stichprobe nach bestimmten Strukturmerkmalen zeigt, als repräsentativ zu bezeichnen" (Hess/Smid 1995, S. 22). Prüfungen auf der Grundlage weiterer Befragtenmerkmale, wie beispielsweise Bildung und berufliche Stellung, wurden nicht durchgeführt, da Umfang und Ausssagekraft der für diesen Zeitpunkt vorhandenen Vergleichsdaten nicht groß genug waren.

Bei der schriftlichen Zusatzerhebung haben sich keine größeren systematischen Selektivitäten - bezogen auf die Inklusionswahrscheinlichkeit von Zielpersonen in die realisierte Stichprobe - hinsichtlich der interessierenden inhaltlichen Dimensionen (z.B. Geschlecht, berufliche Stellung, SED-Mitgliedschaft, Arbeitslosenanteil) gezeigt.

Datenedition

Die Daten der 1991/92 durchgeführten Erhebung wurden in einem mehrstufigen Verfahren einer detaillierten und intensiven Edition unterzogen. Die Erstedition wurde von infas Sozialforschung durchgeführt. Ihr Ziel bestand darin, eine erste Prüfung der zeitlichen Konsistenz innerhalb der Bereiche vorzunehmen und erste Korrekturen durchzuführen (z.B. Ersetzung der Angabe "Sommer" für den erfragten Monat durch den Code "27"). Hier erfolgten noch keine Arbeitsschritte, die inhaltliche Entscheidungen voraussetzten. Dem schloss sich eine Zweit- und Drittedition an, die durch die Projektgruppe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin mit Unterstützung zahlreicher studentischer Hilfskräfte vorgenommen wurde. Ziel dieser Editionsphasen war es, einen möglichst vollständigen, verlaufskonsistenten sowie lebenszyklisch und historisch plausiblen Datensatz auf der Basis eines ausgebauten Editionsregelwerks zu erzeugen (siehe Erstedition und Dateneingabe und Zweiteditionshandbuch). Dazu wurde auch ein beachtlicher Teil der befragten Personen nochmals kontaktiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass es im Datensatz keine "fehlenden Angaben" mehr gibt. Wenn keine eindeutige Klärung des Sachverhalts oder der fehlenden Zeitangabe(n) möglich war, so ist dies auch im edierten Datensatz vermerkt worden.

Die standardisierte Kodierung der zahlreichen offenen Textangaben wurde von der Projektgruppe und von ZUMA durchgeführt. Für eine Vielzahl der offen erhobenen Fragen wurden neue Kodierungsschemata entwickelt (z. B: DDR-spezifische Klassifikation der Berufe, ein Schema für die Verschlüsselung der Lebensziele sowie Gründe für Berufs- und Wohnungswechsel).

Hinweise zur Datenanalyse

Der im Zentralarchiv für empirische Sozialforschung in Köln vorliegende Public-Use-File der Studie "Lebensverläufe und historischer Wandel in der ehemaligen DDR (LV-DDR)" besteht aus einzelnen SPSS-Datenfiles für die jeweiligen Lebensbereiche. Dieser Public-Use-File der DDR-Lebensverlaufsstudie wurde in Absprache mit dem Datenschutzbeauftragten der Max-Planck-Gesellschaft erstellt. Alle direkten Ortsbezüge sowie alle offenen Texte wurden aus den Datenfiles entfernt. Die originale Personenidentifikations-Nummer wurde durch eine neue Personenidentifikations-Variable ersetzt, deren Werte mithilfe eines Zufallsgenerators erzeugt wurden. Außerdem wurde die Sortierung der Fälle geändert, sodass ein direkter Bezug zwischen Datenfiles und Fragebögen nicht mehr hergestellt werden kann.