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Lebensverläufe und Wohlfahrtsentwicklung (LV-West I)

Einleitung

Das Projekt "Lebensverläufe und Wohlfahrtsentwicklung (LV-West I)" basiert auf den Erfahrungen aus den Arbeitsbereichen Sozialindikatorenforschung, Ungleichheits- und Mobilitätsforschung sowie Simulation des SPES-Projekts (Forschungsgruppe "Sozialpolitisches Entscheidungs- und Indikatorensystem für die Bundesrepublik Deutschland"). Das Projekt wurde im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 3 "Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik" der Universitäten Frankfurt/Main und Mannheim durchgeführt und mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert.

Diese Forschungsgruppe erhob in den Jahren 1981 bis 1983 die Lebensverläufe von 2.171 Mitgliedern der westdeutschen Geburtsjahrgänge 1929-1931, 1939-1941 und 1949-1951. Der entsprechende Datensatz kann über das Zentralarchiv für empirische Sozialforschung in Köln bezogen werden (ZA-Studien-Nr.: 2645).

Ziel des Projekts

Aufgabe des Projektes "Lebensverläufe und Wohlfahrtsentwicklung" war die quantitative Analyse der Lebensverläufe historisch verschieden gelagerter Geburtskohorten. Damit sollte erstens die Messung der sozialen Ungleichheit dynamisiert werden, und zwar sowohl als kumulative Verteilung über die Lebenszeit als auch als Ungleichheit der Lebensbedingungen zwischen den Geburtskohorten. Zweitens sollten der Lebensverlauf als ein in sich endogen abgrenzbarer, ursächlicher Zusammenhang konzipiert werden, um die zu einem bestimmten Zeitpunkt beobachtbaren Lebenssituationen aus früheren Lebenschancen und -risiken erklären zu können. Drittens sollte der Lebensverlauf als eine stark durch Institutionen vorgegebene Abfolge von Ereignissen und Rollenfigurationen verstanden werden, die sowohl in ihrer zeitlichen Ordnung als auch Dauer normiert ist. Methodisch innovativ ist die retrospektive, zeitlich kontinuierliche Erfassung der Lebensverläufe in einer Vielzahl von Lebensbereichen.

Frageprogramm

Mithilfe von schriftlichen Fragebögen wurden Informationen über zentrale Ereignisse in den Bereichen soziale Herkunft, Geschwister, allgemeine und berufliche Bildung, Erwerbstätigkeit, Wohnen, Partnerschaft sowie Familie möglichst lückenlos erfasst. Die Verlaufsdaten zu den einzelnen Lebensbereichen wurden retrospektiv erhoben (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Beispiele für die Erhebung von Verlaufsdaten aus verschiedenen Lebensbereichen

Lebensbereich
Beispiele für Variablen
Soziale Herkunft
Geburts- und Sterbedatum, Abwesenheit von leiblichen Eltern, Bildungsniveau, Erwerbstätigkeit, Pflegeeltern
Geschwister
Geburts- und Sterbedatum, Bildungsniveau, Familienstand, Beruf
Allgemeine Bildung Zeitpunkte von Schuleintritt, Schulwechseln und Schulaustritt, Bildungsabschlüsse
Berufliche Ausbildung Beginn und Ende aller Ausbildungen einschließlich der erreichten Qualifikationen, Ausbildungsorte, -stätten
Berufsverlauf Beginn und Ende aller Erwerbstätigkeiten, berufliche Tätigkeiten, berufliche Stellungen, Betriebsgröße, Branche, Arbeitszeit, Verdienst, Erwerbsunterbrechungen
Eheverlauf
Heirats-, Verwitwungs- und Scheidungsdaten aller Ehen, Alter, Bildung und Beruf vom Partner
Kinder Geburts- und Sterbedaten, Bildung, Familienstand und Beruf aller Kinder, Stief- und Pflegeelternschaft, Enkel
Wohn- und Wanderungsverlauf Alle Wohnungswechsel, Haushaltstypen, Ortsgrößen, Wohnarten, Haushaltsmitglieder
Querschnittsangaben
Wahlverhalten, politische und religiöse Orientierungen, Vermögen und Einkommen, den Gesundheitsstatus sowie die Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensbereichen

Stichprobendesign

Das Ziel war, eine repräsentative Stichprobe von Personen deutscher Staatsagehörigkeit aus den Geburtsjahren 1929-1931, 1939-1941 und 1949-1951, insbesondere unter dem Aspekt des Vergleiches der Lebensverläufe von Männern und Frauen zu erthalten.

Die Auswahl gerade dieser Geburtskohorten beruhte zum einen auf der Vermutung, dass die Chancen auf Ausbildung und Einstieg in das Erwerbsleben der um 1930 Geborenen durch den II. Weltkrieg extrem beeinträchtigt waren. Zum anderen wurde der Geburtsjahrgang 1939-41 vor allem aufgrund seiner besonderen demographischen Ausgangslage ausgewählt, denn die um 1940 Geborenen gehören einem der geburtenstärksten Jahrgänge an.

Die Stichprobe konnte nicht als Quotenstichprobe oder als Stichprobe aus den Einwohnermelderegistern gezogen werden (ZUMA-Nachrichten 10 (Mai 1982), Seite 22f.). Daher wurde entschieden, eine Stichprobe mithilfe des ADM-Designs* in zwei Phasen zu erstellen. In einer Haushaltsvorerhebung wurde eine hinreichende Anzahl von Privathaushalten als Zufallsstichprobe gezogen. In einem zweiten Schritt waren aus den gelisteten Haushalten alle Personen der Grundgesamtheit (Angehörige der ausgewählten Geburtskohorten) zu ermitteln (siehe Kirschner und Wiedenbeck (1989), Seite 84ff.).

*ADM-Design:

Der ADM ist die Arbeitsgemeinschaft deutscher Marktforschungsinstitute. Die Grundgesamtheit einer ADM-Stichprobe sind private deutsche Haushalte in der damaligen Bundesrepublik Deutschland (alte Bundesländer und Berlin [West]).

Nach diesem Verfahren werden die Zielhaushalte nach einer geographisch flächendeckenden Startpunktverteilung in sogenannten Netzen ermittelt, die jeweils 210 Stimmbezirke als Basiseinheiten enthalten. Die Bestimmung der Startpunkte für das sich anschließende "random walk" (Auflistung spezifisch definierter Haushalte nach Anzahl und Lokalisierung) ist nach einem mathematischen Verfahren ermittelt und im Design festgelegt. Für die Lebensverlaufsstudie mussten in einer Haushaltsvorerhebung aus den aufgelisteten privaten Haushalten dann durch Nachfragen ermittelt werden, wo Personen der gesuchten Geburtsjahrgänge leben. Haushalte, zu denen eine oder mehrere Personen der Zielkohorten gehörten, wurden als Grundlage für eine Stichprobenziehung sondiert und mit der geographischen Verteilung abgeglichen.

Datenerhebung

In den Jahren 1981 bis 1983 wurden die Lebensverläufe von 2.171 Männern und Frauen der Geburtsjahrgänge 1929-1931, 1939-1941 und 1949-1951 erhoben. Die realisierte Random-Stichprobe ist hinsichtlich der absoluten Summe an Fällen je Kohorte und Geschlecht sehr ausgewogen. Da es jedoch zu Defiziten in unterbesetzten Gebieten - insbesondere den Ballungsräumen - gekommen war, wurden Quoteninterviews durchgeführt, die auf eine bessere Verteilung innerhalb der Zielpopulation nach urbanen und ruralen Merkmalen zielten. Hierdurch verliert sich etwas die Ausgewogenheit innerhalb der Untergruppen. Da jedoch nur 132 Quoteninterviews durchgeführt wurden, dürften mögliche Verzerrungen der Stichprobe durch den Wechsel des Rekrutierungsverfahrens kaum ins Gewicht fallen (siehe Brückner (1989), Seite 123ff).

Tabelle 2: Ausschöpfung und Ausfallgründe

 
Geburtskohorte
Gesamt
 
1929-31
1939-41
1949-51
Absolut
%
Bruttostichprobe
1.257
1289
1148
3.694
100,0
Neutrale Ausfälle      
421
11.4
Bereinigte Stichprobe      
3.273
100,0
Verweigert      
763
23.3
Nicht erreichbar      
265
8.1
Andere Ausfälle      
206
6.3
Realisierte Random-Stichprobe
681
681
677
2.039
62.3
Interviews nach Quotaauflistung
28
52
52
132
 
Realisierte Interviews
709
733
729
2.171

Repräsentativität

Die Qualität der Stichprobe wurde in mehreren Studien untersucht, indem die Verteilung sozialstruktureller Merkmale in der realisierten Stichprobe mit den entsprechenden Verteilungen in der amtlichen Statistik verglichen wurde (Blossfeld 1987, Papastefanou 1990, Huinink 1988, Allmendinger 1994). Dabei ist festzustellen, dass die Daten sich durch eine außerordentlich gute retrospektive Reproduktion der Sozialstruktur auszeichnen. Die Verteilungen der meisten Variablem stimmen ziemlich genau mit denen amtlicher Statistiken (Mikrozensus) überein. Des weiteren liegt kein Mittelstandsbias vor, d.h. der Anteil Angehöriger unterer Schichten, insbesondere der Arbeiter, wurde entsprechend seiner realen Höhe abgebildet. Da die mittlere Kohorte leicht unterrepräsentiert und die jüngste Kohorte leicht überrepräsentiert ist, wird empfohlen, eine Gewichtung der Kohorten nach ihrem Verhältnis in der Grundgesamtheit vorzunehmen.

Datenedition

Im Gegensatz zu Querschnittsbefragungen, bei denen sich die Datenbereinigung im Wesentlichen auf die Eliminierung inhaltlich nicht definierter Codes und die Korrektur von Filterfehlern beschränkt, ermöglichen Lebensverlaufsdaten sowohl inhaltliche als auch zeitliche Konsistenzprüfungen. Um einen einheitlich strukturierten und in sich widerspruchsfreien Datensatz zu erstellen, wurde eine sehr gründliche Edition der Daten auf Einzellebene vorgenommen. Da jede Datenkorrektur jedoch einen Eingriff in die Datenvalidität darstellt und damit auch die Gefahr der Beliebigkeit und Willkür besteht, ist ein zielgerichtetes und einheitliches Verfahren der Datenbereinigung absolut unerlässlich. Daher müssen die Prozeduren zur Kontrolle und Verbesserung der Daten den gleichen Regeln folgen.

Hinweise zur Datenanalyse

Ursprünglich wurden die Daten in SIR-Datenbanken abgelegt. Um die Arbeit mit den Datensätzen zu erleichtern, wurde die Daten dem Zentralarchiv für Sozialforschung, Köln, als sogenannte Public-Use-Files in Form von SPSS Data Files, SPSS Portable Files und STATA Files zur Verfügung gestellt. Der entsprechende Datensatz kann derzeit über das „Datenarchiv für Sozialwissenschaften” bezogen werden (ZA-Studien-Nr.: 2645).

Der Public-Use-File wurde datenschutzbedingt technisch-formalen Veränderungen unterworfen. In diesen Datenfiles sind alle direkten Ortsbezüge sowie alle offenen Textangaben nicht mehr enthalten. Die in der Befragung verwendete „Fragebogennummer“ wurde durch eine künstliche, mit Hilfe eines Zufallsgenerators erzeugte Fallnummer ersetzt, die so konstruiert wurde, dass kein direkter Bezug zwischen den Public-Use-Files und den Fragebögen hergestellt werden kann.

Dokumentation (Downloads)

Karl Ulrich Mayer und Erika Brückner: Lebensverläufe und Wohlfahrtsentwicklung
Konzeption, Design und Methodik der Erhebung von Lebensverläufen der Geburtsjahrgänge 1929-1931, 1939-1941, 1949-1951. Materialien aus der Bildungsforschung Nr. 35. Max-Planck-Institut für Bildungsforschung Berlin 1989

Teil I
Methodenberichte zur Stichprobe, Durchführung und Datenaufbereitung der Pilotstudie und Haupterhebung 1980-82

Teil II
Materialien zur Felderhebnung und Datenedition

Teil III
Dokumentation zur Vercodung der Hauptuntersuchung 1981/82.