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"Unstatistik des Monats"

Gemeinsam mit dem RWI-Vizepräsidenten Thomas Bauer (Rheinisch-Westfälisches-Institut für Wirtschaftsforschung) und dem Dortmunder Statistiker Walter Krämer (TU Dortmund) hat der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, Geschäftsführender Direktor am Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung, im Jahr 2012 die Aktion "Unstatistik des Monats" ins Leben gerufen.

Mit dieser Maßnahme hinterfragen die Wissenschaftler jeden Monat sowohl jüngst publizierte Zahlen als auch deren Interpretationen. Die Aktion will so dazu beitragen, mit statistischen Daten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu deuten und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoll und allgemein verständlich zu beschreiben.

"Es gibt eine Art Analphabetismus im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken." (Gerd Gigerenzer)

Im Forschungsbereich Adaptives Verhalten und Kognition (ABC) widmet sich das MPI für Bildungsforschung mit einem Team von Wissenschaftlern um Direktor Gigerenzer in zahlreichen Studien der Frage, wie Menschen Entscheidungen unter unsicheren Umständen treffen. Im angegliederten Harding Zentrum für Risikokompetenz steht die Vision eines mündigen Bürgers im Fokus der Forschung, der mit den Risiken einer modernen technologischen Welt informiert umzugehen versteht.

Ergebnisse aus Studien und Experimenten sowie aus Umfragen in der Bevölkerung sollen dabei helfen, Risiken kompetent und richtig zu beurteilen. Fort- und Weiterbildungen für Ärzte sowie für Journalisten, für deren Arbeit eine korrekte Interpretation sowie eine transparente und verständliche Kommunikation von statistischen Daten essentiell sind, bietet das Harding Zentrum ebenfalls an.

Insektensterben die zweite

Presseinformation vom 27.10.2017

Die Unstatistik des Monats Oktober dreht sich erneut um Meldungen zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland.

Die Unstatistik des Monats Oktober ist eine Fortsetzung der Unstatistik aus dem August 2017. Damals hatten verschiedene Medien gemeldet, dass 80 Prozent der Insekten in Deutschland verschwunden seien: In zwei Fallen in einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld hatte man 1989 etwas mehr als ein Kilo Flug-Insekten gefangen, 2013, also 24 Jahre später, 80 Prozent weniger. Natürlich darf man aus einer lokalen Stichprobe vom Umfang zwei keine Schlüsse auf ganz Deutschland ziehen (siehe die Unstatistik August 2017).

Im Oktober ging dieses Thema aufgrund einer größeren Stichprobe nochmals durch die Medien (unter anderem im Tagesspiegel, im Deutschlandfunk, in der Weltund in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung). Dort wird über eine Studie berichtet, die auf Daten von 63 Insektenfallen zurückgreift, die der Krefelder Verein zwischen 1989 bis 2016 aufgestellt hatte. Nach diesen 27 Jahren hatte man 76 Prozent weniger Insekten-Biomasse in den Fallen. Jedoch war keine einzige dieser 63 Fallen über den gesamten Zeitraum an einem Ort aufgestellt. Stattdessen – wie die Autoren der Studie selbstkritisch anmerken – wechselten viele Standorte von Jahr zu Jahr. An den meisten Standorten wurde keine einzige Wiederholungsmessung durchgeführt.

Genauso wichtig für die Bewertung der „76 Prozent“ ist aber auch ein allgemeines Prinzip des kritischen Denkens: Jede berichtete Abnahme zwischen zwei Zeitpunkten hängt davon ab, welchen Anfangszeitpunkt man wählt. Dies gilt besonders bei drastisch schwankenden Werten, wie bei Börsenkursen und Biomassen von Insekten. Hätte man das Jahr 1991 statt 1989 als Anfangspunkt gewählt, dann wären es statt 76 Prozent weniger Insekten nur etwa 30 Prozent weniger gewesen. Das ist immer noch ein Anlass zum Nachdenken über die Ursachen – eine Frage, worauf die Studie keine Antwort findet. Es ist aber auch ein Anlass darüber nachzudenken, warum man immer wieder versucht, uns mit möglichst erschreckenden Zahlen Panik zu machen.

 

Oans, zwoa, gsuffa – Der Streit um die Zahl der Wiesnbesucher

Presseinformation vom 29.09.2017

Die Unstatistik des Monats September ist der Streit um die Zahl der Oktoberfestbesucher.

Im Vorfeld der Bundestagswahl erregte ein Wahlplakat der AfD, auf dem eine schlecht besuchte Feststraße der Münchner Wiesn mit dem Titel „Oktoberfest: Gähnende Leere“ zu sehen ist, erhebliche mediale Aufmerksamkeit. Mehrere Presseorgane, unter anderem das Projekt „Faktenfinder“ der Tagesschau, bezeichneten das Wahlplakat als „Fake News“, „Wiesn Lüge“ oder „Falschaussage zum Oktoberfest“. Die FAZ kritisierte die Aussagen von „Faktenfinder“ wiederum als „Fake News“, worauf diese ihre Aussagen vehement verteidigten.

Was aber sind die Fakten? Am ersten Wochenende meldete die Festleitung 600.000 Besucher – im langfristigen Vergleich eher unterdurchschnittlich, was jedoch angesichts des schlechten Wetters nicht weiter verwundern sollte. Richtig ist auch, dass im Vergleich zum Vorjahr, mit etwa 500.000 Besuchern am ersten Wochenende, der Besucherandrang angestiegen ist. Insofern haben alle Beteiligten in gewisser Weise, wenn auch nur vorschnell, recht. Inzwischen hat die Festleitung die Besucherzahlen am ersten Wochenende auf 700.000 Besucher nach oben korrigiert. Insgesamt erwarten die Veranstalter dieses Jahr 6 Millionen Besucher – diese Zahl liegt leicht unter dem langfristigen Durchschnitt aus den Jahren 1980 bis 2016 von 6,3 Millionen.

Selbst wenn aber die diesjährige Besucherzahl unter dem langfristigen Durchschnitt bleiben sollte, sind die Ursachen nicht ohne weiteres klar. Angst vor Terror könnte eine Rolle spielen – die niedrigsten Besucherzahlen der vergangenen Jahrzehnte gab es 1980, dem Jahr des Oktoberfestattentats, und 2001 (Terrorattentat in den USA). Wichtig sind aber auch das Wetter und die Dauer des Oktoberfests (die durchaus über die Jahre hinweg schwankt), oder ob gleichzeitig das Zentrale Landwirtschaftsfest auf dem Wiesngelände stattfindet und damit für die eigentliche Wiesn weniger Fläche zur Verfügung steht. Das Zuweisen monokausaler Ursachen ist damit reine Spekulation.

Fazit: Probier‘s mal mit Gemütlichkeit – wenn das bei 700.000 Besuchern an einem Wochenende überhaupt möglich ist. Prost!

80 Prozent der Insekten sind verschwunden

Presseinformation vom 31.08.2017

Die Unstatistik August ist die Meldung zur stark abnehmenden Zahl von Insekten in Deutschland.

Die Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ warnte am 15. Juli „Schleichende Katastrophe: Bis zu 80 Prozent weniger Insekten in Deutschland“. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) warnte vor einem verheerenden Insektensterben: „Wer heute mit dem Auto übers Land fährt, findet danach kaum noch Insekten auf der Windschutzscheibe“ wurde sie in einem Artikel auf welt.de zitiert. Im Bundestags-Wahlprogramm der Grünen steht: „In den vergangenen Jahren hat die Zahl der fliegenden Insekten um 80 Prozent abgenommen.“ Der Onlinebranchendienst „Meedia“ hält dagegen, die Medien seien mit der Meldung vom Verschwinden der Insekten in eine rot-grüne Wahlkampffalle getappt. Die Online-Ausgabe der Schweriner Volkszeitung begibt sich in ihrem Artikel „Merkwürdig still geworden – oder?“ vom 6. August auf Spurensuche und diagnostiziert eine recht dünne Faktenlage.

Woher kommt aber die Zahl „80 Prozent“? Sie stammt wohl aus einer Studie im Orbroicher Bruch, einem Naturschutzgebiet nahe Krefeld, wo man 1989 und 2013 jeweils zwei sogenannte Malaise-Fallen aufgestellt hat. Die Insekten fliegen in ein kleines Zelt und landen in einer Fangflasche mit hochprozentigem Alkohol. Die Falle wurde wöchentlich geleert und die toten Insekten gewogen. Über einem Zeitraum von 24 Wochen fand man 1989 insgesamt pro Falle etwa 1270g Biomasse und 2013 nur 280g – also fast 80 Prozent weniger. Die Krefelder Insektenforscher sehen allerdings die Grenzen ihrer Studie: die veröffentlichten Daten betreffen nur diese beiden Jahre (die Daten für die Jahre dazwischen wurden bisher nicht publiziert) und man kann über die Zeit zuvor und danach wenig aussagen; die Falle fängt im wesentlichen nur flugaktive Insekten, nicht jene die nur krabbeln; und der Rückgang gilt für die Messpunkte im Orbroicher Bruch und nicht für ganz Deutschland.

Manche Medien und Politiker haben all dies ignoriert und suggeriert oder einfach behauptet, dass 80 Prozent aller Insekten in ganz Deutschland verschwunden seien. Das zeigt die Studie eben nicht. Wir kennen keine verlässliche Zahl für Deutschland und man bräuchte mehr Langzeitstudien wie jene in Krefeld. Aber anders als andere Tierarten haben Insekten keine Lobby.

Es gibt jedoch gute Hinweise, dass bestimmte Insektenarten – wie die einst von Kindern so geliebten Maikäfer – durch die Überdüngung, Pestizide und Monokulturen deutlich reduziert worden sind. Neben der Landwirtschaft tragen übrigens wir alle dazu bei, solange wir die auf diese Weise erzeugten billigen Lebensmittel kaufen.

Manch einer würde sich wünschen, dass es in diesem Sommer 80 Prozent weniger Mücken gäbe. Davon ist jedoch bislang nichts zu spüren.

Quote ist nicht gleich Quote

Presseinformation vom 28.07.2017

Die Unstatistik Juli ist die Berichterstattung über das Thema „Frauen in Führungspositionen“.

So schrieb Anfang des Monats beispielsweise welt.de „SPD droht mit Ausweitung der Frauenquote“. Ursache dieses Interesses waren neben neuen Studienergebnissen insbesondere eine gemeinsame Pressekonferenz von Bundesfamilienministerin Katarina Barley und Bundesjustizminister Heiko Maas, in der eine erste Bilanz des im Mai 2015 in Kraft getretenen „Gesetzes für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen“ gezogen wurde. Dieses Gesetz sieht für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen eine feste Quote von 30 Prozent Frauenanteil für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten vor. Sowohl die Vertreter der Bundesregierung als auch die Medien berichteten, dass dieses Ziel nahezu erreicht sei, da der Frauenteil in den betreffenden Aufsichtsräten von 25 Prozent im Jahr 2016 auf aktuell 28,1 Prozent gestiegen sei.

Doch die Aussage, dass die bis 2020 zu erfüllende Frauenquote in Aufsichtsräten fast schon erreicht ist, ist falsch. Vielmehr liegt bis zur Zielerreichung wahrscheinlich noch ein langer Weg vor uns. Wo liegt der Fehler? Die gesetzlich festgelegte Quote gilt tatsächlich nicht, wie obige Aussagen vermuten lassen, für die Aufsichtsräte als Gesamtheit, sondern für jedes einzelne Unternehmen. Der Anteil der Frauen an allen Aufsichtsräten der betroffenen Unternehmen liefert damit keinerlei Aufschluss über die Zielerreichung des Gesetzes. Hierfür müsste man vielmehr den Anteil derjenigen Unternehmen betrachten, die diese Quote erfüllen. Die auf der Homepage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) veröffentlichten Daten zeigen, dass aktuell nur 51 der 105 (also knapp 49 Prozent) gelisteten Unternehmen die 30-Prozent-Quote bereits erfüllen (s. https://www.bmfsfj.de/quote/daten.html). Dabei verdeutlicht das Ministerium zwar die Gesamtentwicklung des Frauenanteils in Aufsichtsräten zwischen 2015 und 2017 in einer schön animierten Graphik. Die eigentlich relevante Zahl – die Entwicklung der Anzahl der Unternehmen, die die 30-Prozent-Quote erfüllen – lässt sich mit den zur Verfügung gestellten Daten jedoch nicht nachvollziehen.

Wenn alle Unternehmen inzwischen 28,1 Prozent Frauenanteil im Aufsichtsrat hätten, dann wäre die 30-Prozent Quote auch wirklich in greifbarer Nähe. Jedoch lebt diese Zahl von jenen Unternehmen, welche bereits einen sehr hohen Anteil haben, was das Problem bei vielen anderen verdeckt. Beispielsweise hat Bilfinger eine Frauen-Quote von 50 Prozent (sechs Frauen von zwölf), während Porsche eine Quote von 0 Prozent (0 Frauen von 12) hat.

Fazit: Eine mittlere Quote ist eben nur ein Mittelwert.

34 Prozent mehr Parkinson durch fettarme Milchprodukte

Presseinformation vom 30.06.2017

Die Unstatistik Juni ist die Warnung, dass die als gesund gelobte fettarme Milch und der magere Joghurt das Risiko erhöhen, an der Parkinson-Krankheit zu erkranken.

So berichtet web.de über zwei Beobachtungsstudien in der Fachzeitschrift Neurology: „Unter den Personen, die drei oder mehr Portionen fettreduzierter Milchprodukte pro Tag konsumiert haben, war die Rate derer, die die Nervenkrankheit Parkinson entwickelten, 34 Prozent höher“. Auch bei einer Portion täglich sei das Risiko „merkbar erhöht“.

34 Prozent höheres Risiko! Heißt das, dass von je 100 Personen, welche fettarme 1,5%-Milch trinken, 34 später Parkinson-Symptome bekommen? Nein. Hier wurde mit einem altbekannten Trick gearbeitet: Man berichtet den relativen Risikoanstieg, nicht aber den absoluten Anstieg. In absoluten Zahlen sieht das Risiko so aus: Von den Personen, die keine (bzw. weniger als eine Portion pro Tag) fettarme Milchprodukte zu sich nahmen, erkrankten rund 25 Jahre später 0,6 Prozent an Parkinson, bei drei oder mehr Portionen stieg diese Zahl auf 1 Prozent. Der absolute Risikoanstieg ist also 0,4 Prozent. Damit kann man keinen großen Eindruck schinden. Mit relativen Zahlen schon: Demnach steigt das relative Risiko um 34 Prozent. Die Zahl entstand nach dem Einrechnen von Kontrollvariablen wie dem Rauchen; ohne diese Faktoren wäre der Anstieg von 0,6 auf 1 dann 66 Prozent mehr. Im Abstrakt des Originalartikels (Hughes et al., Neurology 2017) wird auch nur der relative Anstieg des Risikos berichtet – mit relativen Zahlen große Gefahren zu suggerieren hat eine lange Tradition in medizinischen Fachzeitschriften.

Die gute Nachricht ist, dass anders als web.de die meisten Medien-Berichte die absoluten Zahlen genannt haben, wie etwa aerzteblatt.de. Auch wurde regelmäßig berichtet, dass es sich um Beobachtungsstudien und keine experimentellen Studien handelte, was bedeutet, dass man mit kausalen Schlüssen – fettarme Milch bedingt Parkinson – sehr vorsichtig sein muss. Wir haben insgesamt den Eindruck, dass sich die Berichterstattung nach fünf Jahren „Unstatistik“ merkbar verbessert. Auch das ist allerdings eine Korrelation und kein kausaler Beweis.

Soll man nun Vollmilch statt fettarmer Milch trinken, wenn man sich um Parkinson sorgt? Da die kausale Frage ungeklärt ist und der absolute Effekt – wenn es ihn gibt – klein ist, sollte man sich keine großen Sorgen machen und einfach entspannt trinken, was einem schmeckt.

Trend nach Wunsch bei Pflanzengift

Presseinformation vom 31.05.2017

Die Unstatistik Mai ist eine in vielen Medien wiedergegebene Warnung vor einer steigenden Nutzung von Pflanzengift in der deutschen Landwirtschaft.

So titelte die Berliner Zeitung am 12. Mai „Über 34 000 Tonnen – Bauern spritzen immer mehr Pflanzengift“. In Wahrheit gibt es aber keinen Nachweis, dass die Nutzung ansteigt. Die Zeitreihe der jährlich in Deutschland verkauften Pflanzengifte schwankt nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit – vor allem witterungs- und preisbedingt – zwischen 30.000 und 35.000 Tonnen.

So erhält man beim Vergleich der Jahre 2009 (30.162 Tonnen) und 2015 (34.752 Tonnen) einen positiven Trend. Vergleicht man hingegen die Jahre 2008 (34.664 Tonnen) und 2014 (34.514 Tonnen), erhält man einen leicht negativen Trend. Und der würde mit den neuen Zahlen aus 2016 – noch nicht in den obigen Meldungen enthalten – sogar noch stärker, da sich nach Angaben des Industrieverbands Agrar e.V. (IVA) der Absatz im Jahr 2016 stark rückläufig entwickelt hat. Offizielle Daten des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit für das Jahr 2016 liegen bisher nicht vor.

Jede Zeitreihe, die zufällig um eine Konstante herum schwankt, hat, wenn man in einem Tal anfängt und auf einem Berg aufhört, einen positiven Trend. Und umgekehrt erzeugt man einen negativen Trend beim Start auf einem Berg und Ziel in einem Tal. Wie man an der Abbildung leicht erkennen kann, kann man damit sehr unterschiedliche Aussagen erzeugen, je nachdem welches Jahr man zum Vergleich heranzieht.

Die gleiche Methode – ein Tal auszuwählen und oben am Berg aufzuhören – wird auch gerne von Investmentfirmen verwendet, die bei potenziellen Kunden den Eindruck erwecken möchten, dass der Wert ihres Produkts stets nach oben geht. Die Moral der Geschichte ist: Lassen Sie sich immer die ganze Kurve zeigen.

Eine Stunde joggen, sieben Stunden länger leben

Presseinformation vom 28.04.2017

Eine amerikanische Studie über Jogging hat jüngst die Medien bewegt – und zur Unstatistik des Monats April geführt.

Für die Studie „Running as a Key Lifestyle Medicine for Longevity“ (Lee et al., 2017) wurden etwa 55.000 Männer und Frauen im Alter von 18 bis 100 Jahren untersucht, um herauszufinden, ob Laufen das Leben verlängert. Die Studie berichtet, dass Laufen mit einer Verringerung von Herzkrankheiten, Krebs und anderen Krankheiten einhergeht und diese Wirkung größer sei, als wenn man die gleiche Zeit mit Radfahren, Schwimmen, Gehen oder einem anderem Sport verbringt. Im Internet wurden die Ergebnisse mit Schlagzeilen wie „Eine Stunde Jogging verlängert Leben um sieben Stunden“ (ispo.com) oder „Jede Stunde Laufen schenkt dir 7 Stunden Lebenszeit!“ (woman.at) verbreitet.

Eine Stunde investieren und sieben zusätzliche erhalten – das klingt wie ein Traum. Wenn das so wäre, dann könnten wir uns unsterblich „laufen“. Rechnen wir das einmal nach: Würde man täglich vier Stunden laufen, dann macht das pro Tag einen Gewinn von 28 Stunden Lebenszeit. Da 28 Stunden länger dauern als ein Tag, wird demnach die Lebenserwartung jeden Tag immer länger. Selbst wenn man nur eine Stunde täglich joggen würde, wären dies in den 50 Lebensjahren von 20 bis 70 insgesamt 365x50 Stunden, also etwas über zwei Jahre, die man mit Laufen verbringt. Nach dieser Rechnung würde sich die Lebenserwartung um 14 Jahre verlängern, wovon modernste Medizintechnik nur träumen kann. Also nichts wie los, ums Leben laufen?

Doch die Schlagzeilen führen in die Irre, da sich die Zahl „eine Stunde Joggen, um sieben Stunden länger zu leben“ nur auf die Situation von zwei Stunden Jogging pro Woche bezieht. Das ist die durchschnittliche Zeit, welche die untersuchten Jogger gelaufen sind (und diese zwei Stunden wurden nicht gemessen, sondern waren eine Selbsteinschätzung im Fragebogen). In der Originalstudie heißt es auch klar, dass der Nutzen des Laufens abnimmt, je länger man pro Tag läuft. Insgesamt wird über einen maximalen Gewinn von etwa drei Jahren Lebenserwartung berichtet – was die meisten Berichte im Internet am Ende auch erwähnen. Die Zahl „eine Stunde Joggen und sieben Stunden länger leben“ wurde so geschätzt: Eine Gruppe von Joggern im Alter von 44 Jahren, die zwei Stunden pro Woche läuft, verbringt bis zum Alter von 80 Jahren insgesamt 0,43 Jahre mit Laufen und gewinnt dabei 2,8 Jahre zusätzliche Zeit – das entspricht rund einer Stunde Laufen pro sieben Stunden länger leben. Dass jede zusätzliche Stunde Laufen sieben Stunden Lebenszeit schenkt und damit das Leben immer länger wird, wenn man mehr läuft, davon war nicht die Rede. Im Gegenteil, exzessives Laufen kann das Risiko erhöhen, an Herzkrankheiten zu sterben, wie die Studie auch berichtet.

Fazit: Schlagzeilen erwecken oft Erwartungen, die der Artikel nicht befriedigen kann. Dennoch weisen viele Studien daraufhin, dass regelmäßige Bewegung wie Laufen, Gehen und Tanzen für Menschen ohne schwere Krankheit genau so viel oder mehr zur Gesundheit beitragen kann wie regelmäßige Checkups, Krebs-Früherkennung und vorbeugende Medikamente. Und noch etwas: Wenn schon zum Arzt, dann laufen.

Armes Deutschland

Presseinformation vom 30.03.2017

Die Unstatistik des Monats März beschäftigt sich mit den Aussagen des aktuellen Armutsberichts des Paritätischen Gesamtverbandes und stellt der darin genutzten Definition von Armut den Begriff der Ungleichheit gegenüber.

„Die Armut in Deutschland ist auf einen neuen Höchststand von 15,7 Prozent angestiegen.“ Diese Aussage in der Pressemitteilung zum Armutsbericht 2017 des Paritätischen Gesamtverbands ist die Unstatistik des Monats März. „Nach Aussagen des Verbandes markiert dieser Höchstwert einen mehrjährigen Trend wachsender Armut. Er fordert die Politik zu einem entschlossenen Handeln in der Arbeitsmarktpolitik, beim Wohnungsbau, in der Bildung und dem Ausbau sozialer Dienstleistungen und Angebote in den Kommunen auf. Voraussetzung für eine offensive Armutsbekämpfung sei ein rigoroser Kurswechsel in der Steuer- und Finanzpolitik.“

Nach Lesart des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes beginnt Armut in Deutschland unterhalb eines Einkommens von 60 Prozent des Medians. Der Median ist das Einkommen, welches von 50 Prozent der Bevölkerung über- und von 50 Prozent unterschritten wird. Ein Mensch mit Medianeinkommen hat also genauso viele andere über sich wie unter sich. Der ganze Unfug dieser Anbindung der Armutsgrenze an den Median wird deutlich, wenn man die Folgen einer realen Verdopplung oder Verdreifachung aller Einkommen überdenkt: Dann verdoppelt oder verdreifacht sich auch der Median und damit auch die Armutsgrenze, die Armut bleibt gleich, unabhängig davon, wie stark das reale Einkommen der vormals Armen wächst.

Erschwerend kommt hinzu, dass das im Mikrozensus erfasste Nettoeinkommen das im ökonomischen Sinn „wahre“ Einkommen nur sehr unvollkommen misst. Dazu zählt zum Beispiel auch Einkommen aus Schwarzarbeit. Nach Expertenschätzungen kommen so gerade in den unteren Einkommensgruppen und bei Sozialhilfeempfängern nochmals bis zu durchschnittlich 10 Prozent an Einkommen dazu. In Einzelfällen natürlich sehr viel mehr. Zum „wahren“ Einkommen zählt ferner jede Produktion, die nicht am Markt gekauft, sondern im Haushalt selbst erwirtschaftet wurde. Nach Expertenschätzungen beträgt dieses am Markt vorbei erzeugte und nicht im Sozialprodukt erfasste Einkommen inzwischen über 100 Milliarden Euro jährlich; Ikea sei Dank, mit steigender Tendenz. Denn mit der Baumarktbranche und der Heimwerkerbewegung wächst auch die Haushaltsproduktion beziehungsweise das dadurch gesparte Geld. Und schließlich gehören zum wahren Einkommen auch die vielfältigen staatlichen Realtransfers. Würde man etwa, wie es die ökonomische Vernunft verlangt, die Ausgaben des Staates für eine Universitätsausbildung dem Einkommen des Elternhaushaltes zurechnen, wäre fast kein Haushalt mit studierenden Kindern in Deutschland heute arm. Würde man schließlich auf das Lebenseinkommen abzielen, würden auch viele Studenten und Auszubildende nicht mehr als arm eingestuft werden.

Was die Armutsquote des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wirklich misst, wenn auch nur sehr unvollkommen, ist nicht die Armut, sondern die Ungleichheit. Oder, wie es der Paritätische Gesamtverband auf Seite 8 seines Berichts schreibt: „Wo keiner etwas besitzt, gibt es auch keine Einkommensungleichheit und damit keine Armut“. Armut verschwindet nach diesem Armutskonzept nur, wenn alle Personen identisch dasselbe Nettoeinkommen haben, egal ob dies wenig ist (wie beispielsweise in Nordkorea) oder viel.

Anders als in früheren Jahren, als die Medien die in diversen Armutsberichten kolportierten Quoten noch für bare Münze genommen und weiterverbreitet hatten, gab es dieses Mal auch Kritik. Es wäre zu hoffen, dass die vorliegende Unstatistik die letzte ist, die sich dem Thema Armutsquoten widmen muss.

Postfaktische US-Terrorismus-Politik

Presseinformation vom 24.02.2017

Die Unstatistik des Monats Februar beschäftigt sich mit der Faktenlage zum umstrittenen Einreise-Erlass für Flüchtlinge und Menschen aus sieben vorwiegend muslimischen Ländern der US-Regierung.

US-Präsident Donald Trump unterzeichnete einen Erlass zum „Schutz der Nation vor der Einreise ausländischer Terroristen”, laut dem Bürgern aus sieben Ländern mit vorwiegend muslimischer Bevölkerung die Einreise in die USA 90 Tage lang nicht erlaubt sein sollte. Diesem Erlass folgten Gerichtentscheide und empörte Reaktionen seitens der neuen US-Regierung gegen die Richter, über die die Presse ausführlich berichtete. Die Unstatistik des Monats Februar betrachtet die Faktenlage für diesen Erlass Trumps. Dieser sieht einen Einreisestopp für Bürger von genau sieben Staaten vor. Als Begründung dafür wurde der Anschlag vom 11. September 2001 genannt sowie behauptet, dass auch danach viele im Ausland geborene Personen wegen terroristischer Taten angeklagt oder verurteilt worden seien. Daher sollten Personen aus Irak, Syrien, Libyen, Somalia, Jemen, Sudan und Iran nicht einreisen dürfen.

All dies suggeriert, dass Personen aus diesen sieben Ländern an den Anschlägen am 11. September oder an den folgenden islamistischen Anschlägen besonders häufig beteiligt waren. Was aber sind die Fakten? Kein einziger der Flugzeugentführer vom 11. September stammte aus diesen Ländern, sondern aus Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und dem Libanon – keines dieser Länder steht auf Trumps Liste. Auch kamen diese Terroristen nicht als Flüchtlinge in die USA. Wie sieht es vor und nach 2001 aus? Die Anzahl der Amerikaner, die von Terroristen aus diesen sieben Ländern zwischen 1975 und 2015 getötet wurden, ist ebenfalls exakt null, belegt etwa die Huffington Post.

Wie groß ist die Gefahr islamistischen Terrors in den USA insgesamt? Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden in den USA 123 Menschen von muslimischen Extremisten ermordet – keiner dieser Extremisten kam aus den von Trump genannten Ländern. Im gleichen Zeitraum wurden in den USA insgesamt 230.000 Menschen ermordet. Ehemänner sind beispielsweise weitaus tödlicher als Terroristen, und selbst Kleinkinder erschießen mehr Menschen in einem Land, in dem jeder zweite Haushalt Schusswaffen besitzt (Um die Menschen vor Terroristen zu schützen, will US-Präsident Trump den Zugang zu diesen Waffen übrigens auch noch erleichtern).

Warum also die falschen sieben Länder? Weil mit anderen muslimischen Ländern Geschäftsverbindungen bestehen? Die Antwort weiß nur Trump allein. Willkommen im postfaktischen Zeitalter.

Feinstaub durch Silvesterknaller – Schall und Rauch statt akute Gesundheitsgefahr

Presseinformation vom 31. Januar 2017

Die Gefahren der hohen Feinstaubbelastung zum Jahreswechsel in Deutschland wurden von der Presse stark übertrieben. Unsere Unstatistik setzt sie ins richtige Verhältnis.

Als vermeintliche Umweltsünder ins neue Jahr: Mit Sätzen wie „Die Deutschen haben ihre Luft an Silvester mit Lust und Vorsatz vergiftet“ geißelten Medien wie die Süddeutsche Zeitung oder Focus Online in den ersten Januartagen die private Böllerei. Was für viele Menschen in Deutschland als gute Tradition zum Jahreswechsel gilt, gehöre angesichts der Feinstaubbelastung als „nicht mehr zeitgemäßes Vergiften der Luft“ verboten, wird etwa der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH) Jürgen Resch zitiert. Die Medien beriefen sich in ihren Artikeln auf die hohen Feinstaubkonzentrationen um 1 Uhr nachts, also unmittelbar nach dem Böller-Höhepunkt. Zu dieser Zeit wurden etwa in Berlin und Leipzig Spitzenwerte erreicht, die den EU-Tageshöchstrichtwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter um ein Vielfaches überschritten. Gleichzeitig wiesen die Artikel auf die negativen Folgen für Atemwege und Herz-/Kreislauferkrankungen hin.

Haben die Deutschen sich also an Silvester vorsätzlich schweren gesundheitlichen Risiken durch Feinstaubbelastung ausgesetzt? Nein, die Medien-Hysterie vom Jahresanfang war deutlich übertrieben. Das zeigen drei Gründe:

Punktuelle Feinstaubbelastung wirkt anders als dauerhafte Feinstaubbelastung

Bisher gibt es keine Belege für gesundheitliche Risiken durch punktuell sehr hohe Feinstaubbelastungen bei gesunden Menschen. Der EU-Richtwert bezieht sich vielmehr auf Tagesdurchschnitte. Diese steigen durch die private Knallerei natürlich an. Ihre Auswirkung verliert auf 24 Stunden verteilt aber viel von ihrem erschreckenden Ausmaß. So steht etwa dem um 1 Uhr nachts gemessenen Spitzenwert für Leipzig von 1.860 Mikrogramm pro Kubikmeter ein Durchschnitt von 133 Mikrogramm pro Kubikmeter am 1. Januar entgegen. Für Berlin betrugen die entsprechenden Werte aus der Silvesternacht 647 respektive 47 Mikrogramm pro Kubikmeter für den Tagesdurchschnitt.

Feinstaub verflüchtigt sich schnell

Bereits am 2. Januar wurden selbst in Städten, die wie Berlin und Leipzig in der Silvesternacht extrem hohe Feinstaubbelastungen aufwiesen, keine Grenzwertüberschreitungen mehr festgestellt. Haupteinflussfaktor für die Beständigkeit von Feinstaub ist das Wetter: Weht beispielsweise wenig Wind, bleibt die Feinstaubkonzentration in betroffenen Gebieten länger hoch. Das hat bei anhaltender Feinstaubzufuhr wie etwa durch innerstädtischen Verkehr viel verheerendere Auswirkungen als zeitlich begrenzte Aktivitäten wie die Silvesterböllerei.

Richtwerte für das gesamte Jahr

Der EU-Richtwert ist mit 50 Mikrogramm pro Kubikmeter darüber hinaus sehr vorsichtig bemessen und in die Grundregel eingebettet, dass dieser nicht mehr als 35 Mal im Jahr überschritten werden darf. Zum Vergleich: Für drei Milliarden Menschen in Entwicklungsländern, die ihre Mahlzeiten mangels Strom und Gas mit Feuerholz zubereiten, sind durchschnittliche Feinstaubbelastungen von etwa 900 Mikrogramm pro Kubikmeter tagtäglich Realität. Dies sind die Missstände, die etwa die Weltgesundheitsorganisation bei ihrem Kampf für saubere Luft vor allem im Auge hat. In Deutschland sorgt das Böllern an Neujahrstagen zwar immer mal wieder für einen Tag der Grenzwertüberschreitung, doch allein eine veränderte Wetterlage „verbraucht“ in den meisten Jahren mehrere der verbliebenen 34 Tage. Nur an wenigen Orten Deutschlands kommt es tatsächlich an mehr als 35 Tagen im Jahr zu Überschreitungen und dies ist dann meist dem Straßenverkehr zuzuschreiben.

Fazit: Auch wenn das private Silvesterfeuerwerk einmal im Jahr zu einer Grenzwertüberschreitung beiträgt und die Lärm- und Geruchsbelästigung zurecht nicht jedem gefällt, ist weder das Böllern selbst besonders giftig, noch hat es im Jahresverlauf große Auswirkungen. Der Feinstaubhysterie muss diese Tradition also nicht zum Opfer fallen.

Das Buch zur "Unstatistik des Monats"

Buchcover

Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet - Über Risiken und Nebenwirkungen der Unstatistik

216 S., zahlreiche Tabellen und Grafiken, Klappenbroschur
EUR 16,99/EUA 17,50/sFr 24,90
ISBN 978-3-593-50030-0
 

Siehe auch

Beteiligte Personen

Prof. Dr. Gerd Gigerenzer
Direktor des Forschungsbereichs "Adaptives Verhalten und Kognition"
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
sekgigerenzer [at] mpib-berlin [dot] mpg [dot] de

Prof. Dr. Thomas Bauer
Vizepräsident Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung
(0201) 81 49-264
www.rwi-essen.de

Prof. Dr. Walter Krämer
TU Dortmund
Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik
(0231) 755-31 25
www.tu-dortmund.de