EnglishDeutsch

Religiöse Praktiken und Copingstrategien der Chassidim von Brazlaw

Emotionen sind in religiösen Kontexten ein zentrales Element. Bestimmte emotionale Zustände werden mit Glauben und Hingabe in Verbindung gebracht (z.B. Gottesfurcht oder Liebe zu Gott) und bestimmte Rituale besitzen emotionales Potenzial. Darüber hinaus können Religionen als normative Institutionen auch emotionale Standards formen, da sie die Erwartungen für das erwünschte emotionale Setting des Individuums festlegen, die Angemessenheit des Ausdrucks von Emotionen definieren und das Wissen über die Kontrolle und das Management von Emotionen ebenso wie Kenntnisse über die Phänomenologie emotionaler Erfahrungen bereit stellen.

Dieses Projekt untersucht die Forderung nach Freude (simcha, שִׂמְחָה)in der chassidischen Gemeinschaft von Brazlaw, die von Rabbi Nachman (1772-1810) gegründet wurde, als ein Beispiel eines solchen Systems des Gefühls-Wissens und sein Wandel über die Zeit. Rabbi Nachman, der davon überzeugt war, dass Traurigkeit die Gläubigen von Gott entferne, postulierte, dass “es eine bedeutsame mitzvah (Gebot) sei, immer froh zu sein” (Likutei Moharan, II.24). Um dieses Ziel zu erreichen, wurden in der frühen Literatur der Brazlawer Chassidim verschiedene Methoden vorgestellt, Freude zu erzeugen. Betont wurde beispielsweise die Wichtigkeit von Musik, Tanz und Ausgelassenheit. In der ersten Phase des Projekts wird zunächst das Wissen über Gefühle, das im frühen Brazlawer Gedankengut (ca. 1800-1840) dargelegt wurde, analysiert. Diese Texte werden aus der Perspektive der Gefühlsgeschichte historisiert, es wird die Beziehung zwischen emotionalen Praktiken und religiösem Leben genauer betrachtet und auch die Vorstellung über den Gläubigen als emotionales Subjekt untersucht.

In der zweiten Phase werden Ideen und Praktiken der Freude bei den heutigen Anhängern von Rabbi Nachman’s Lehre genauer erforscht. Es werden unter anderem religiöse Unterrichtungen und Texte, Selbsthilfe-Literatur und Beratungs-Plattformen konsultiert. Da die emotionalen Praktiken der heutigen Gläubigen wahrscheinlich eher nicht durch Texte aus dem frühen 19. Jahrhundert beeinflusst sind sondern eher den Habitus des 21. Jahrhunderts widerspiegeln hilft diese Analyse, Veränderungen dieses “Brazlawer Gefühlswissens” zu identifizieren. Vor allem spürt das Projekt hier den dialektischen Beziehungen zwischen den heutigen Ansichten von Anhängern Nachman‘s zu seiner Lehre, moderner Psychologie und dem “happiness turn” (Ahmed 2010) nach.

Das Projekt leistet mit seiner Frage nach dem Grund für die Anziehungskraft von Freude, nach ihrer Beziehung zum Göttlichen und den Praktiken durch das sie erlangt wird, einen Beitrag sowohl zur Religions- als auch zur Gefühlsgeschichte und zu einem tieferen Verständnis für den Gründe des Strebens nach Glücksgefühlen in heutigen Gesellschaften.