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Das Kapital des Kapitalismus. Entrepreneurship und Emotionen in Deutschland (1840-1990)

Glaubt man historischen und zeitgenössischen Selbstzeugnissen von Unternehmerinnen und Unternehmern, ist Unternehmer-Sein kein Beruf – es ist eine Lebenseinstellung. Zu ihr gehört die Fähigkeit, außergewöhnlich gut mit Unsicherheiten und Risiken umzugehen, Leidenschaft für das eigene Projekt und Produkt mitzubringen, einen ausgeprägten Willen zur Macht auszubilden und durch hervorragende Performance unter sich ständig erneuernden Wettbewerbsbedingungen zu bestehen. Der Unternehmer stilisiert sich gern zur Projektionsfläche für wirtschaftliche Dynamik und wird – jedenfalls im Erfolgsfall – auch als solcher rezipiert. Nicht, oder zumindest nicht nur das eingebrachte monetäre, sondern vielmehr das emotionale Kapital und die Persönlichkeitsstruktur scheinen – folgt man diesem Narrativ – über den Erfolg oder Misserfolg von Unternehmern und Unternehmerinnen zu bestimmen.

© MPI fuer Bildungsforschung

Doch ist das richtig? Und wenn ja, wie wurden und werden diese Persönlichkeiten ausgebildet? Von welchen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Systemen werden sie hervorgebracht und befördert, von welchen eher gebremst und behindert? Zugespitzt gefragt: Ist der in seiner Aussenwirkung mit Gier assoziierte kapitalistische Unternehmer ein Spezifikum des Kapitalismus? Oder ist vielmehr der Kapitalismus ein Produkt unternehmerischen Handelns, das sich – trotz seiner Krisen- und Kritikanfälligkeit – gerade deshalb so hartnäckig ausbreitet und auch unter nichtkapitalistischen Vorbedingungen entwickelt, weil es auf andere mentale und emotionale Ressourcen als jene der persönlichen Gewinnsucht zurückgreift?

Durch punktuelle Vergleiche der historischen Entwicklung in Deutschland mit Entwicklungen in West- und Osteuropa, fokussiert das Projekt die Frage, wie, das heisst unter Zuhilfenahme welcher emotionalen Strategien, man seit den 1840er Jahren Unternehmer und Unternehmerin im deutschen beziehungsweise deutsch-deutschen Sprachraum wurde. Basierend auf autobiographischem und biographischem Material, auf Briefen, Nachlässen, den Curricula von Business Schools sowie einschlägigen Unternehmenszeitschriften und sozialen Netzwerken sollen Fragen an die struktur- mit Fragen an die handlungshistorische Dimension unternehmerischen Verhaltens kombiniert werden. Damit geraten sowohl kulturelle und regionale Besonderheiten und die Einbettung in überindividuelle Sinnzusammenhänge wie Familie, Kirche und Zivilgesellschaft als auch individuelle Motive, Dispositionen und Emotionen von Unternehmerinnen und Unternehmern in den Blickpunkt. Das Projekt untersucht die Funktionslogik dieser Emotionen für unternehmerisches Handeln und Entscheiden ebenso wie die Wertvorstellungen und Legitimationszusammenhänge, die ihnen in ökonomischer, moralischer, sozialer und kultureller Hinsicht zugrunde liegen.

Gefragt wird nach der Bedeutung von Gefühlen für unternehmerische Entscheidungen, die dem kapitalistischen Wirtschaftssystem – vermeintlich oder tatsächlich – zugrunde liegen, ihm zuarbeiten, seine globale Durchsetzung verstärken, gleichzeitig aber seine Anfälligkeit für Krisen und Kritik auslösen. Ziel des Buchprojekts ist somit auch, mit historisch informierter Forschung zur Einordnung von und zur Auseinandersetzung mit gegenwartsbezogenen Fragen beizutragen, wie sie im Nachgang zur Finanzkrise 2008/2009 an Aktualität und Relevanz gewonnen haben.

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