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Homosexualität und Gefühlsleben auf dem westdeutschen Land (1960-1990)

Emotionale Alltagserfahrungen stehen im Zentrum des Projekts. Durch eine mikrohistorische Annäherung an das Gefühlsleben soll dessen Abweichen von tradierten Vorstellungen und Codes für den Umgang mit und die Äußerung von Gefühlen thematisiert werden.
Die Untersuchung soll zeigen, wie gerade aus dem Wechselspiel zwischen normativer und gelebter Emotionalität Entwicklungen auf beiden Ebenen resultierten. Da die Diskrepanz zur gesellschaftlichen Norm in diesem Fall besonders deutlich ist, beschäftigt sich die Studie mit der emotionalen Praxis im Kontext von Homosexualität.
Zentral ist die Frage, wie die schwul-lesbische Emanzipationsbewegung etablierte Vorstellungen über und Ausdrucksformen für zweisame Zuneigung unterwanderte und zugleich neue Normen und Codes produzierte. Diese Prozesse sollen vor allem durch eine Analyse schwul-lesbischer Zeitschriften und insbesondere von Kontaktanzeigen erschlossen werden. Durch die zusätzliche Untersuchung homosexueller Erfahrungen auf dem Land soll das städtisch geprägte Befreiungsnarrativ – vom Verbergen zur Offenheit und zum selbstbewussten Zeigen gleichgeschlechtlicher Liebe – kritisch überprüft werden.
In Gesprächen sollen männerliebende Männer und frauenliebende Frauen aus unterschiedlichen Generationen gefragt werden, wie sie mit ihren Gefühlen umgingen und diese ausdrücken konnten. Das Interesse richtet sich dabei auch auf mögliche homosexuelle Handlungsspielräume auf dem Land. Wie wurde zwischen der Identifikation mit der schwul-lesbischen Community und der Einbindung in die Familie, die Kirchengemeinde, das lokale Gesellschaftsleben vermittelt?
Wie entwickelte sich die emotionale Praxis zwischen der Anpassung an rurale Verhaltenserwartungen und der Adaption urbaner Lebensformen? Anhand dieser autobiografischen Erzählungen wird sich das Projekt auf der Ebene der emotionalen Erfahrung einer Geschichte der Gefühle annähern.

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