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Forschungsbereich Entwicklungspsychologie

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© D. A.

Drei Leitlinien

In mehr als drei Jahrzehnten hat der Forschungsbereich Entwicklungspsychologie eine Betrachtungsweise von Verhaltensentwicklung gefördert, die Altersperioden, Funktionsbereiche, Zeitskalen und Analyseebenen zu integrieren versucht. Auch aufgrund dieser Bemühungen hat sich die Psychologie der Lebensspanne als abgegrenzter konzeptueller Ansatz innerhalb der Entwicklungspsychologie entwickelt. Das gegenwärtige Forschungsprogramm des Forschungsbereichs kann durch drei miteinander in Wechselbeziehung stehende theoretische Annahmen, die diese Tradition spiegeln, beschrieben werden. Gemäß den allgemeinen Grundsätzen der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne betonen die drei Leitlinien konzeptuelle und methodologische Kernpunkte in der Untersuchung von Verhaltensentwicklung über die Lebensspanne und liefern so ein allgemeines Skript zur Formulierung von Forschungsfragen in spezifischeren Interessensbereichen.

Leitlinie 1

Lebensspannenveränderungen im Verhalten: WiDerspiegelung von Interaktionen zwischen Reifung, Lernen und Seneszenz

Über die gesamte Lebensspanne hinweg bereichern und beschränken sich Reifung, Seneszenz und Lernen gegenseitig. Sie müssen als interagierende Kräfte, die das Gehirn–Verhalten–Umwelt-System antreiben, verstanden und untersucht werden. Bei diesem Unternehmen spielen Psychologen eine zentrale Rolle, weil sie über ein reichhaltiges und adäquates Repertoire von konzeptuellen, experimentellen und methodologischen Mitteln zur Beschreibung und Modifikation von Verhalten verfügen.

Leitlinie 2

Theorie und Methodologie der Lebensspannenforschung: Integration über Funktionsbereiche, Zeitskalen und Analyseebenen

Die Entwicklungspsychologie ist mit drei schwierigen Integrationsaufgaben konfrontiert. Erstens ist es nötig, Theorie und Forschungspraxis über Funktionsbereiche zu integrieren, um ein umfassendes Bild individueller Entwicklung zu erreichen. Zweitens ist es erforderlich, die Mechanismen zu verstehen, die kurzfristige Variationen mit langfristigen Veränderungen verknüpfen. Kurzfristige Variationen sind oft reversibel und vorübergehend, während langfristige Veränderungen häufig kumulativ, voranschreitend und dauerhaft sind. Verbindungen zwischen kurzfristigen Variationen und langfristigen Veränderungen herzustellen ist von großem heuristischen Wert, weil sie dazu beitragen, die Mechanismen zu identifizieren, die Entwicklung in verschiedene Richtungen treiben. Drittens besteht die Notwendigkeit, Verhaltens- und neuronale Analyseebenen zu integrieren, um mechanistische Erklärungen für Verhaltensveränderungen zu erreichen. Kurzgefasst benötigt die Entwicklungspsychologie geeignete Theorien und Methoden zur Integration von (a) multiplen Funktionsbereichen, (b) multiplen Zeitskalen und (c) multiplen Analyseebenen.

Leitlinie 3

Untersuchung altersbezogener Unterschiede in Verhaltensplastizität zur Identifikation von Entwicklungsmechanismen

Verhaltensplastizität, die Veränderung von Entwicklungsverläufen durch Erfahrung, ist ein wertvolles Phänomen. Wissenschaftlich betrachtet bieten Untersuchungen der menschlichen Verhaltensplastizität einen reichhaltigen Fundus an Entwicklungsinformationen. Durch Bewertungen von "Veränderungen von Veränderungen" ermöglichen sie die Beobachtung des Einsatzes und der proximalen Konsequenzen von Entwicklungsmechanismen. Insbesondere kognitive Interventionsstudien, in denen Studienteilnehmer verschiedenen Alters instruiert und trainiert werden, eine oder mehrere kognitive Aufgaben auszuführen, gehen mit wesentlichen Validitätsvorteilen einher, wie (a) eine Zunahme experimenteller Kontrollierbarkeit; (b) die Identifikation von Altersunterschieden in asymptotischen Leistungsniveaus; und (c) die Beurteilung von Transfer- und Aufrechterhaltungseffekten. Wenn neurochemische, neuroanatomische oder neurofunktionelle Bildgebungsmaße vor, während und nach dem Training erfasst werden, gewähren Interventionsstudien auch neue Einblicke in Beziehungen zwischen Verhaltens- und neuronaler Plastizität. Indem also Interaktionen zwischen Verhalten und Umwelt teilweise kontrolliert werden, können Lernmechanismen im Kontext von Reifung und Seneszenz untersucht werden. Wenn auch längsschnittliche Information vorliegt, schlagen Interventionsstudien eine Brücke zwischen kurzfristigen Leistungsveränderungen und langfristigen Entwicklungsverläufen.

Literatur

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Freund, J., Brandmaier, A. M., Lewejohann, L., Kirste, I., Kritzler, M., ... Lindenberger, U., & Kempermann, G. (2013). Emergence of individuality in genetically identical mice. Science, 340(6133), 756–759. doi: 10.1126/science.1235294

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