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Zwischen Vergnügen und Unmoral: Westalliierte Soldatenclubs in Deutschland als Begegnungsorte von Besatzer_innen und Besetzten, 1940er und 1950er Jahre

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges etablierten die alliierten Siegermächte Soldatenclubs für ihre Armeeangehörigen. Diese entwickelten sich zu neuen Räumen der Vergnügungskultur in der von Elend und Zusammenbruch geprägten deutschen Nachkriegsgesellschaft. Als die Clubs für Deutsche – zunächst nur unter bestimmten Voraussetzungen – zugänglich wurden, entwickelten sie sich zu Interaktions- und Begegnungsräumen, in denen verschiedene Werteordnungen und moralische Vorstellungen aufeinandertrafen. 

Am Beispiel der westalliierten Soldatenclubs analysiert das Projekt den Zustand der Besatzung als sozialen Prozess, in dem spezifische Handlungsdynamiken zwischen Besatzer_innen und Besetzten entstanden. Hierbei wird zum einen die Rolle der drei Militärregierungen und der Armeeangehörigen vergleichend zueinander untersucht. Zum anderen werden Wertevorstellungen der deutschen Bevölkerung sowie deren Aushandlungsprozesse vor dem Hintergrund des neuen soziopolitischen Rahmens erforscht.

Die Besatzungsangehörigen konnten in den Clubs off-duty mit Deutschen zusammenkommen, während diese Orte den deutschen Gästen die Partizipation an einem neuen lifestyle ermöglichten: die zuvor unter den Nationalsozialisten verbotene Jazzmusik konnte gehört, fremde Speisen und Getränke konsumiert und neue Kleidungs-, Verhaltens- und Tanzstile erprobt werden. Dadurch entstand ein neues Repertoire emotionaler Praktiken der Alltagsbewältigung, das zu Kontroversen im Deutschland der Nachkriegszeit führte. Die zeitgenössische Wahrnehmung, die Bewertung der Clubs und deren Besucher_innen sowie das Geschehen in den Clubs verdeutlichen das Aufeinanderprallen verschiedener Werte und Normen.

Soldatenclubs fungieren demnach als Brennglas, um unterschiedliche Moralsysteme im Verlauf der frühen Nachkriegszeit zu analysieren, zu kontextualisieren und ihren Wandel zu erklären: Welchen Einfluss nahmen der verlorene Krieg, der Zustand der Besatzung und die Nationalitäten der Besatzungsmächte auf Wertesysteme? Die Kategorien Nationalität, Alter und Religion dienen ebenso wie die Kategorien Klasse, Geschlecht und Rasse als Indikatoren.

Das Dissertationsprojekt nimmt somit die Situation einer Gesellschaft in Folge des verlorenen Krieges und den Zustand der Besatzung über die Gründung der Bundesrepublik hinweg bis in die Phase der Stabilisierung in den 1950er Jahren in den Blick. Das Projekt bildet anhand des Gegenstandes der Clubs den Wandel vorherrschender Moralvorstellungen  ab, indem es die ihn bedingenden Faktoren aufzeigt und analysiert.

Kontakt

Betreuer

Prof. Paul Nolte